St.Gallen

Ölkrise trifft Schweiz heute weniger hart als 1973

Ölkrise trifft Schweiz heute weniger hart als 1973
Die Krise löste einen abrupten Strukturwandel aus und prägte sowohl die Schweizer als auch die internationale Energiepolitik über Jahrzehnte
Lesezeit: 3 Minuten

Eine neue Analyse von Raiffeisen Economic Research zeigt: Die Schweiz ist heute deutlich widerstandsfähiger gegenüber Energiepreisschocks als während der Ölkrise von 1973. Dank jahrzehntelangem Strukturwandel, höherer Energieeffizienz und einer breiteren Wirtschaftsstruktur droht trotz aktueller Energiekrise keine Rezession. Abhängigkeiten von fossilen Energieträgern bleiben jedoch bestehen.

Text: pd/stz.

Die aktuelle Energiekrise erinnert in vielerlei Hinsicht an die Ölkrisen der 1970er-Jahre. 1973 traf ein plötzlicher Ölpreisschock eine damals völlig unvorbereitete Schweiz, die stark von Erdöl abhängig, energieintensiv und schlecht diversifiziert war. Die wirtschaftlichen Folgen waren einschneidend und nachhaltig.

Eine neue Analyse von Raiffeisen Economic Research zeigt nun: Die Schweiz steht heute strukturell weitaus stärker da und kann mit einer erneuten Ölkrise deutlich besser umgehen. Abhängigkeiten von fossilen Brennstoffen bleiben aber bestehen. Noch immer machen Erdgas und Erdöl 58 Prozent des Energieverbrauchs aus.

«Die Ölkrise von 1973 traf die Schweizer Wirtschaft überaus hart. Heute ist die Ausgangslage dank jahrzehntelangem Strukturwandel viel weniger brisant», sagt Fredy Hasenmaile, Chefökonom von Raiffeisen Schweiz.

Anfang der 1970er-Jahre deckte Erdöl rund 80 Prozent des Schweizer Endenergieverbrauchs. Öl galt als nahezu unbegrenzt verfügbar, der Verbrauch hatte sich hierzulande zwischen 1950 und 1970 verzehnfacht.

Der Preisschock von 1973, ausgelöst durch ein Ölembargo der OPEC-Staaten, führte zu einem massiven wirtschaftlichen Einbruch. Das reale Bruttoinlandprodukt schrumpfte 1975 um rund sieben Prozent, die Inflation erreichte mit knapp zehn Prozent historische Höchstwerte, und im Industriesektor gingen zwischen 1970 und 1980 rund 244’000 Arbeitsplätze verloren.

Die Krise löste einen abrupten Strukturwandel aus und prägte sowohl die Schweizer als auch die internationale Energiepolitik über Jahrzehnte.

2026: hohe Energieeffizienz dämpft Kriseneffekte

Mehr als fünfzig Jahre später ist die Ausgangslage grundlegend anders. Der Öl-Anteil am Energieverbrauch liegt heute bei rund 46 Prozent, und die Energieintensität der Schweizer Wirtschaft hat sich seit den 1970er-Jahren mehr als halbiert. Dadurch hat sich der Energieverbrauch vom Wirtschaftswachstum entkoppelt.

Trotz einer Verdoppelung der Bevölkerung und einer Vervierfachung des realen Bruttoinlandprodukts ist der absolute Energieverbrauch rückläufig. Heute zählt die Schweiz zu den energieeffizientesten Volkswirtschaften weltweit und benötigt deutlich weniger Energie für einen Franken Wirtschaftsleistung als der globale wie auch der europäische Durchschnitt.

Entsprechend reagieren Wirtschaft und Preise heute weniger empfindlich, obwohl der durch den Iran-Krieg verursachte Ölangebotsschock grösser ist als jener in den 1970er-Jahren. Ein Ölpreisanstieg von zehn Prozent dämpft das BIP-Wachstum der Schweiz nur noch um etwa 0,05 Prozent und entfaltet damit lediglich ein Zehntel der Wirkung von 1973. Auch der Inflationseffekt fällt deutlich geringer aus als damals.

Für den weiteren Verlauf der aktuellen Krise hat Raiffeisen Economic Research mehrere Szenarien berechnet. Je nach Entwicklung und Dauer erhöhter Ölpreise wird für das Jahr 2026 weiterhin ein reales BIP-Wachstum von rund 0,5 bis 1,0 Prozent erwartet.

Selbst im ungünstigsten Szenario bleibt der Wachstumspfad positiv und damit deutlich robuster als während der Ölkrise der 1970er-Jahre. «Trotz der aktuellen Ölkrise bleibt die Schweizer Wirtschaft auf Wachstumskurs. Unsere Szenarien zeigen, dass selbst bei anhaltend hohen Energiepreisen ein gebremstes, aber immer noch leicht positives Wachstum möglich ist», sagt Fredy Hasenmaile.

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Fredy Hasenmaile
Fredy Hasenmaile

Die Analyse zeigt allerdings auch, dass weiterhin Abhängigkeiten bestehen und die Transformation zu einer energieautarkeren Schweiz noch unvollendet bleibt. Die Eidgenossenschaft importiert nach wie vor 68 Prozent der genutzten Energie, vor allem Erdöl und Erdgas.

Während die Wirtschaft und insbesondere die Industrie ihre Ölabhängigkeit durch Effizienzgewinne und strukturelle Verschiebungen markant reduziert haben, bleibt der fossile Energieverbrauch bei Haushalten und insbesondere im Verkehr hoch. Rund drei Viertel des gesamten Ölverbrauchs entfallen heute auf den Verkehr, der Rest geht zu einem grossen Teil auf Ölheizungen zurück.

Gleichzeitig hat sich der Exportanteil am BIP seit 1970 fast verdoppelt. Dadurch ist die Schweiz heute wesentlich stärker von der globalen Konjunktur abhängig. Ein weltweiter Wirtschaftsabschwung kann die Schweiz daher auch dann treffen, wenn die Energiepreise für die inländische Produktion grundsätzlich verkraftbar sind. Ein Teil der Abhängigkeit ist demnach geblieben und hat bloss die Form gewechselt.

Die aktuelle Energiekrise bringt auch potenzielle Gewinner hervor. In der Schweiz ist dies insbesondere der Rohstoffhandel. Drei der weltweit führenden Rohstoffhändler haben ihren Sitz in der Schweiz. Sie profitieren von erhöhter globaler Volatilität und haben dies bereits in früheren Krisen unter Beweis gestellt.

Zwar macht der Sektor nur einen kleinen Teil der Gesamtbeschäftigung aus, in einzelnen Regionen trägt er jedoch spürbar zu höheren Steuereinnahmen bei. Zudem kann er in Krisenzeiten eine stabilisierende Wirkung auf das BIP ausüben.

Die heutige Schweiz ist energieeffizienter, diversifizierter und institutionell stabiler. Trotzdem ist sie vor neuen Energiekrisen nicht völlig gefeit, wie der Beginn des Ukrainekriegs 2022 gezeigt hat. Auch die aktuelle Krise kann wie die Ölkrisen der 1970er-Jahre als Anlass dienen, die Transformation weiter voranzutreiben und die Schweiz noch unabhängiger, energieeffizienter und resilienter aufzustellen.

Der Raiffeisen-Wirtschaftsmonitor zum Thema «Ölkrise 1973 und heute» ist ab sofort auf der Website von Raiffeisen zum Download bereit.

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