Warum der Kopf vor den Zahlen kommt
Text: Matt Moser
Wenn von Unternehmensnachfolge die Rede ist, dominieren schnell die Zahlen: Unternehmensbewertung, Kaufpreis, steuerliche Optimierungen. Doch in unserer Beratungspraxis zeigt sich regelmässig ein anderes Bild: Die wahren Stolpersteine liegen in den non-monetären Aspekten. Wir sprechen deshalb bewusst von Vor-Nachfolge, jener Phase, in der nicht der Betrieb, sondern der Mensch im Mittelpunkt steht.
Loslassen als Entwicklungsaufgabe
Ausgangslage: Erfolg, Hingabe und ein Leben für die Firma
Viele Unternehmer, die klassischen «Patrons», haben ihre Firma mit Leidenschaft aufgebaut. Sie haben Erfolge gefeiert, Krisen überstanden und unzählige Stunden investiert. Die Firma ist für sie nicht nur Arbeitsplatz, sondern Lebenswerk, Identität und Teil der Familie zugleich.
Doch auch die engagiertesten Inhaber werden älter. Bevor die Nachfolge konkret wird, braucht es einen Schritt davor: die ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst.
Die zentrale Frage lautet: Bin ich bereit, mein «Baby» loszulassen?
Der wichtigste Punkt der Vor-Nachfolge lautet: Bin ich bereit? Nicht finanziell, sondern emotional.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Nordwestschweizer Unternehmer im Maschinenbau hatte die Übergabe an seinen Sohn bis ins Detail geplant. Vertrag, Finanzierung und Zeitplan standen. Sechs Monate nach der Übergabe sass er noch immer täglich im Betrieb, kommentierte Entscheide und verunsicherte damit Sohn und Belegschaft gleichermassen. Was fehlte, war nicht die Planung, sondern die persönliche Vorbereitung auf das Danach.
Was das Loslassen erschweren kann:
• Die Firma ist Teil der Identität.
• Die täglichen Herausforderungen fehlen plötzlich.
• Es entsteht Langeweile oder Leere.
• Inspiration und das Gefühl, «gebraucht» zu werden, nehmen ab.
• Der soziale Austausch verändert sich.
Ein Unternehmensverkauf oder eine Übergabe ist damit gleichzeitig Herausforderung und Chance für den Patron, vergleichbar mit dem Übergang in die Pensionierung.
Ein neuer Lebensabschnitt beginnt
Wer die Firma abgibt, beginnt ein neues Kapitel. Dieses Kapitel verdient Vorbereitung, nicht erst am Tag der Übergabe.
Hilfreiche Leitfragen dafür:
• Welche neuen Prioritäten will ich setzen?
• Was möchte ich im Leben noch erreichen?
• Welche Träume, Projekte oder Wünsche habe ich zu lange aufgeschoben?
• Gibt es Lebensziele oder eine «Bucket List», die ich endlich angehen möchte?
Der Übergang gelingt besser, wenn diese persönliche Auseinandersetzung auf rationaler und insbesondere emotionaler Ebene vor den strategischen oder finanziellen Nachfolgethemen stattfindet.
Loslassen ist primär ein emotionaler Prozess
Der Patron muss nicht nur bereit sein, seine Verantwortung abzugeben, sondern insbesondere seine emotionale Verbindung zum Unternehmen loslassen können und den Nachfolgern Vertrauen schenken. Er übergibt sein Lebenswerk. Ab diesem Zeitpunkt sollte er sein Glück und seine Befriedigung in einem anderen Bereich finden und die mit dem Unternehmen verbundenen Ängste und Sorgen loslassen können.
Eine einfache Frage hilft beim Loslassen
Wenn sich der ehemalige Patron über einen Entscheid des Nachfolgers ärgert, kann er sich fragen: «Warum sollte ich eingreifen?» Die vermeintliche Antwort «Weil ich es besser weiss» erweist sich meist als Illusion. Und selbst wenn nicht: Es ist nicht mehr seine Verantwortung.
Genau darin liegt wahrscheinlich der wertvollste Gewinn der Firmenübergabe. Er gewinnt die Freiheit, seine Befriedigung in anderen Bereichen zu finden.
Die Familie vorzeitig informieren
Auch die Familie spielt eine entscheidende Rolle in der Vor-Nachfolge. Oft weiss sie erstaunlich wenig über die eigentlichen Wünsche und Zukunftsvorstellungen des Patrons, insbesondere über Zeitpläne und das konkrete Vorgehen bei der Übergabe.
Kommunikation ist entscheidend
• Weiss meine Familie, wie ich mir die Zeit nach der Übergabe vorstelle?
• Haben wir gemeinsame oder unterschiedliche Erwartungen?
• Welche Werte leben wir als Familie, und sind sie irgendwo festgehalten?
Gerade in Unternehmerfamilien lohnt es sich, Familienwerte, Prinzipien und Erwartungen einmal schriftlich festzuhalten. Wir fassen dies im Continuum Strategie-Quartett zusammen: Ich-Strategie, Familienstrategie, Unternehmensstrategie und Vermögensstrategie. Diese bilden später die Grundlage für eine Familienverfassung beziehungsweise ein Familienleitbild sowie eine Eignerstrategie, zwei zentrale Instrumente, die Stabilität über Generationen hinweg schaffen können.
Für den Patron wird das Formulieren selbst zum Teil des Loslassens. Er gibt nicht nur ein Unternehmen als Vermächtnis weiter, sondern auch eine Haltung.
Also: Vor-Nachfolge ist keine Kür, sondern Pflicht
Nachfolge scheitert selten an Zahlen. Sie scheitert an ungeklärten Emotionen, unausgesprochenen Erwartungen und undefinierten Rollen. Wer sich frühzeitig mit diesen non-monetären Aspekten auseinandersetzt, legt den Grundstein für eine erfolgreiche Unternehmensübergabe und für einen erfüllten neuen Lebensabschnitt.
Wir setzen in unserer Beratungspraxis deshalb genau dort an: beim Menschen, seinen Werten, seinen Ängsten und seinen Zielen. Dort beginnt jede gelingende Nachfolge. Denn am Ende ist die gelungenste Nachfolge jene, bei der nicht nur das Unternehmen erfolgreich weiterlebt, sondern auch der Übergeber eine neue, erfüllende Identität findet.