Ökonomie in Absurdistan
Pinguine. Wo leben die eigentlich? Eine Frage, die für Ostschweizer Wirtschaftskapitäne nicht zu den allerwichtigsten gehört. In Zeiten jedoch, in denen der vermeintliche Anführer der freien Welt einem Verbündeten eine Insel entreissen möchte, die nur mit zwei Hundeschlitten verteidigt wird, haben Pinguine mehr als nur anekdotische Bedeutung. Unabhängig davon, ob die Insel nun Island oder doch Grönland heisst.
Und so fängt das neue Jahr an, wie das alte aufgehört hat: Egal, um welches Thema sich ein Schwerpunkt eines regionalen Wirtschaftsmagazins gerade dreht, um den grossen Zampano im Weissen Haus kommt man nicht herum. Donald J. Trump ist zweifellos der einflussreichste Präsident der Vereinigten Staaten der letzten Dekaden, doch dieser Einfluss ist selten von Gutem – nicht für den Frieden auf der Welt, nicht für das Ansehen der USA und auch nicht für die Wirtschaft in der Ostschweiz.
Pinguine haben mehr als nur anekdotische Bedeutung.
Fingerzeig der Börsen
Das regelbasierte Miteinander auf diesem Planeten, insbesondere der regelbasierte Welthandel, hat in der postfaktischen Welt von Donald Trump keinerlei Bedeutung. Immerhin, und das mag ein wenig Genugtuung für Wirtschaftsakteure sein, betrachtet der US-Präsident Börsenkurse als relevante Grösse. Deren Abtauchen führte jüngst dazu, dass Donald Trump seine Grönland-Obsession etwas zügelte. Aufgegeben hat er den Plan noch lange nicht.
Die nüchterne Analyse der noch jungen zweiten Amtszeit Trumps für die Ostschweizer Wirtschaft lautet: Der Welthandel hängt von den Launen eines Mannes ab, der unberechenbarer denn je ist. Andere Krisen wie der Frankenschock oder die Pandemie haben die Spielregeln auf einen Schlag geändert – einmal, und die Unternehmen konnten sich auf neue Rahmenbedingungen einstellen. In der Ära Trump hält eine Ankündigung kaum so lange, wie eine 18-Loch-Runde auf dem Golfplatz dauert. Vielleicht wird es danach besser, vielleicht aber auch noch mühsamer.
Schweiz nutzt Störungen
So what! Die Schweiz agiert im Welthandel ein bisschen wie Ski-Crack Marco Odermatt auf zu anspruchslosen Pisten im Weltcup: Helvetia brilliert selten, wenn die Übungsanlage einfach ist. Das sieht auch Avenir Suisse so: «Unser Land verdankt seine Stärke nicht der Abwesenheit von Problemen. Vielmehr ist die Schweiz stark, weil sie Störungen produktiv zu nutzen weiss», schreibt die Denkfabrik zur Lancierung eines Buchs, das «17 Strategien für eine Welt der Unordnung» präsentiert.
Die 17 Themenfelder per se werden niemanden aus den Socken kippen. Die Autoren diskutieren ikonische Schweizer Werte wie Föderalismus, Milizsystem, aber auch Berufsbildung, Neutralität oder Service public. Nicht überraschend betont der Wirtschaftsverband unter Migration den «Wert der Offenheit».
Zuoberst steht für Avenir Suisse die Freiheit: «Freiheit ist nicht eine einmal erreichte Errungenschaft. Sie ist eine innere Haltung – und sie muss trainiert werden.» Das Konzept für dieses Training ist für die Autoren ein «antifragiles System»: eines, das genau die Herausforderungen nutzt, die andere zerstören können, um daran zu wachsen. Avenir Suisse fordert von der Schweiz mehr als reine Widerstandskraft: «Resilienz bedeutet, Veränderungen und Krisen zu überstehen, ohne daran Schaden zu nehmen. Ein antifragiles System hingegen nutzt Herausforderungen, um stärker zu werden – und eröffnet damit die Möglichkeit zu echtem Fortschritt.»
Dass Donald Trump der Schweiz einen Penalty schenkt, ist zu bezweifeln.
Beziehung zu Europa regeln
Handelskonflikte, Blockbildungen und Protektionstendenzen akzentuieren sich und beunruhigen auch den Wirtschaftsdachverband Economiesuisse. Die Schweiz sei umso mehr auf möglichst diversifizierte und verlässliche Handelsbeziehungen angewiesen.
Wie viele Wirtschaftsverbände, etwa die Industrie- und Handelskammern Thurgau und St.Gallen-Appenzell in der Ostschweiz, sind die aktuellen Turbulenzen auch für Economiesuisse ein starkes Argument für geregelte Beziehungen zur EU und somit ein Ja zu den Bilateralen III. Der Verband plädiert zudem für möglichst viele Freihandelsabkommen. Insbesondere wünscht sich Economiesuisse ein Handelsabkommen mit den USA.
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Pessimistische CEO
Das Prinzip Hoffnung verfängt allerdings nicht immer. Eine aktuelle Umfrage des Beratungsunternehmens PwC unter CEO auf der ganzen Welt zeigt: So pessimistisch wie dieses Jahr waren die Unternehmenslenker noch nie.
Das gilt insbesondere für die Schweiz, wie PwC-Schweiz-Chef Gustav Baldinger gegenüber CH Media sagte. Die Stimmung sei in der Schweiz «regelrecht eingebrochen». Vor einem Jahr gingen noch gut zwei Drittel der Befragten davon aus, dass die Schweizer Volkswirtschaft wächst, für 2026 sind es nur noch 37 Prozent. Bezogen auf das eigene Unternehmen erwartet sogar nur noch etwas mehr als ein Viertel der Chefs, dass sie ihren Umsatz steigern können.
Die HSG erhebt seit 2009 in Zusammenarbeit mit Swissfuture, anderen Universitäten weltweit und unterstützt von «20 Minuten» jährlich ein «Hoffnungsbarometer», das über Fragen der Wirtschaft hinausgeht. Hier zeigt sich, dass es den Menschen in der Schweiz grundsätzlich gut geht und sie mit ihrem Leben zufrieden sind. Die Mehrheit blickt zuversichtlich in die Zukunft. Nach politischen, wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Entwicklungen befragt, äussern die Menschen jedoch eine grössere persönliche Unzufriedenheit. Viele trauen Politik und Wirtschaft eine grundlegende positive Wende kaum zu. In der Schweiz würden viele Menschen beispielsweise an einer positiven Wende in der Klimafrage zweifeln, schreiben die Studienautoren. Sie sähen auch in der Künstlichen Intelligenz kaum ein Mittel zur Verbesserung der Lebensbedingungen. Die Menschen, die von der KI eine Bereicherung der eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen erwarten, sind noch nicht in der Mehrheit. Viele stehen der KI eher kritisch bis ablehnend gegenüber. Der wirtschaftliche und technologische Fortschritt scheint in den Augen vieler Befragter die aktuellen sozialen und ökologischen Probleme nicht lösen zu können, weshalb eine rein wirtschaftlich-technologische Zukunft auch weniger wünschenswert erscheint.
Innovation ist mehr als ein Fetisch
Ist also die Innovation, die als Treiber der Wirtschaft gehätschelt wird, nur ein Fetisch von Ökonomen? Kaum. Innovation macht Produkte und Dienstleistungen effizienter und besser und damit wettbewerbsfähiger. Deshalb ist es kein Wunder, wenn in den offiziellen Wirtschaftsstrategien der Ostschweizer Kantone wiederholt auf die Förderung eines innovationsfreundlichen Klimas hingewiesen wird.
Bedürfen diese Strategien eines Resets, einer Neuausrichtung? Die Wirtschaftsminister der vier Kantone verneinen dies. Die Strategien passen, allenfalls müssen neue Wege zum Ziel gefunden werden. So wie eine Fussballmannschaft, die das primäre Ziel hat, ein Tor mehr zu schiessen als der Gegner. Wenn es mit dem üblichen Spielzug nicht klappt, kann man ja einmal eine andere Finte versuchen. Allerdings: Dass Donald Trump der Schweiz einen Penalty schenkt, ist zu bezweifeln. Also gilt für alle Player in Helvetien vor allem eines: fit bleiben.
Text: Philipp Landmark
Bild: Pixabay