Fokus Nachfolge- und Steuerplanung

«Wer nicht investiert, glaubt nicht an die Zukunft»

«Wer nicht investiert, glaubt nicht an die Zukunft»
Remo Lobsiger
Lesezeit: 5 Minuten

Während die Exportwirtschaft unter Druck steht und die Binnenwirtschaft stabilisierend wirkt, rückt für viele Thurgauer Unternehmen ein anderes Thema in den Vordergrund: die Nachfolgeregelung. Remo Lobsiger, Leiter des Bereichs Geschäftskunden der Thurgauer Kantonalbank, ordnet die wirtschaftliche Lage ein und erklärt, weshalb rechtzeitige Planung, Investitionsbereitschaft und Flexibilität über die Zukunft vieler KMU entscheiden.

Remo Lobsiger, wie geht es dem Thurgau wirtschaftlich?
Unsere Firmenkundenumfrage, bei der mehr als 450 Unternehmen teilgenommen haben, zeigt ein heterogenes Bild. Die binnenorientierten Branchen berichten von steigender Auslastung und stabilen Umsätzen. Die exportorientierte Industrie hingegen vermeldete im vergangenen Jahr rückläufige Umsätze, geringere Produktionsauslastung und sinkende Gewinne – was angesichts der aktuellen Grosswetterlage in der Wirtschaft kaum überrascht. Über alle Branchen hinweg betrachtet, stuft mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmer 2025 rückblickend als gutes Geschäftsjahr ein.

Die Zuversicht erstaunt angesichts der jüngsten Schlagzeilen.
Auf den ersten Blick mag die breite Zuversicht erstaunen. Doch beim zweiten Hinsehen fällt auf: Die Unwägbarkeiten, mit welchen die Exportwirtschaft zu kämpfen hat, überschatten in der öffentlichen Wahrnehmung, dass es in der Binnenwirtschaft gut läuft. Die Baubranche etwa zeigt sich weiterhin solide, auch wenn die Margen unter Druck sind. Der private Konsum ist eine Stütze. Und auch die Dienstleistungsbetriebe verzeichneten ein erfolgreiches 2025.

Dennoch kann sich die Thurgauer Wirtschaft den aktuellen Entwicklungen in der internationalen Wirtschafts- und Handelspolitik kaum entziehen.
Das ist so. Insbesondere zyklische und wechselkursexponierte Bereiche sehen sich vor grossen Herausforderungen. Diese Sektoren sind schon seit einiger Zeit mit einer unbefriedigenden Nachfrage konfrontiert. Die Wirtschaft in Deutschland – dem wichtigsten ausländischen Absatzmarkt der Thurgauer Unternehmen – kommt nicht vom Fleck. Zudem verteuert der hoch bewertete Schweizer Franken die Exporte.

«Die Kunst ist, sich nicht von jeder Schlagzeile verrückt machen zu lassen.»

Wie lange wird die Binnenwirtschaft dem Druck aus dem Ausland standhalten können?
Derzeit wirken der private Konsum und die Investitionstätigkeit stützend. Doch die aus dem Auslandsgeschäft stammenden Unsicherheiten schwingen überall mit. Falls der Export weiter unter Druck bleibt, dürfte das auch in der Binnenwirtschaft Spuren hinterlassen.

Gemäss Umfrage schauen die Unternehmen dennoch zuversichtlich in die Zukunft. Woher nehmen sie den Optimismus?
Viele Thurgauer Firmen haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sie anpassungs- und widerstandsfähig sind. Auch haben zahlreiche Unternehmen in guten Jahren ihre Substanz aufgebaut und damit ihre Resilienz gestärkt. Und dann gibt es konkrete Hinweise auf weiterhin gute Geschäfte. Ein Beispiel dafür ist das Ausbaugewerbe: Hier dürfte die Abschaffung des Eigenmietwerts die Nachfrage temporär ankurbeln. Viele Eigenheimbesitzer dürften geplante Ausbauinvestitionen und Renovationen vorziehen, um sie vor dem Inkrafttreten der neuen Verordnung steuerlich abzusetzen.

Und wie wichtig ist der private Konsum für die kommenden Jahre?
Bisher zeichnet er sich als wichtige Stütze der Schweizer Wirtschaft aus. Entscheidend für die Zukunft sind die Stimmung der Konsumenten und ihr Sicherheitsgefühl: Wer sich im Job sicher fühlt, konsumiert mehr – bei Unsicherheit wird gespart.

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Die letzten Jahre waren von mehreren Krisen gekennzeichnet. Hat das die Unternehmen geprägt?
Die Kunst ist, sich nicht von jeder Schlagzeile verrückt machen zu lassen. Die Unternehmer abstrahieren die relevanten Informationen bewusst vom täglichen Lärm. Wichtig ist auch zu verstehen, dass die realen Konsequenzen oft viel später wirken, als es das erste Gefühl suggeriert. Zölle, geopolitische Unsicherheiten oder ein schwacher Absatzmarkt schlagen meist nicht über Nacht durch. Laufende Verträge dämpfen gewissermassen – aber langfristig kann es trotzdem schmerzhaft werden.

Die jüngste Firmenkundenumfrage der TKB zeigt: Ein Viertel der Unternehmen reduziert oder verschiebt wegen handelspolitischer Unsicherheiten Investitionen. Ein Alarmzeichen?
In anspruchsvollen, unsicheren Zeiten ist das normal. Aber mittelfristig gilt: Wer nicht investiert, glaubt nicht an die Zukunft. Unternehmen investieren nicht nur aus Hoffnung, sondern weil sie klare Strategien und Aufträge haben. Hiesige Unternehmen sind im Export meist nur mit qualitativ äusserst hochstehenden Produkten konkurrenzfähig. Dafür braucht es Innovation sowie Effizienz, was wiederum Investitionen erfordert. 

Wo sehen Unternehmen Chancen?
In ihrer Wachstumsstrategie setzen die Unternehmen weiterhin auf ihre bewährten Geschäftsmodelle und ihre Stärken. Zwei Drittel der Teilnehmer an der TKB-Firmenkundenumfrage fokussieren auf die Ausschöpfung ihres Kerngeschäfts. Ein Viertel sieht Wachstumschancen in Akquisitionen, und jedes fünfte Unternehmen setzt auf Wachstum durch Digitalisierung, Automation oder Produktinnovationen.

«Eine Übergabe in der Familie oder an Mitarbeiter sind bevorzugte Varianten.»

Und wo die grössten Herausforderungen?
Der Fachkräftemangel bleibt die zentrale Herausforderung. Das zeigt sich besonders im Baugewerbe, wo der Rückgang der Anzahl Lehrlinge und gleichzeitig vermehrter Pensionierungen den Druck hochhalten. Auch die zunehmende Regulierung hemmt. Die Unternehmen brauchen gute Rahmenbedingungen und schlanke Vorschriften, sonst leidet die Standortattraktivität. Ein grosses Thema ist auch die Nachfolgeregelung: Hier die passende Lösung zu finden, ist gerade für KMU anspruchsvoll. In der Schweiz schliesst rund jedes dritte Unternehmen mangels geeigneter Nachfolge.

Welches sind denn die Stolpersteine bei der Nachfolgeregelung?
Zentral ist der Faktor Zeit. Es gibt immer wieder Unternehmer, die Gedanken an die Nachfolge verdrängen. Dabei braucht das Thema meist mehr Zeit, als man es sich vorstellen kann. Es ist ratsam, sich frühzeitig mit der Nachfolgeregelung auseinanderzusetzen, strukturiert vorzugehen und − wo erforderlich − Unterstützung beizuziehen. Wichtig ist auch, dass verschiedene Varianten geprüft werden. Oft unterschätzt wird, dass es eine klare Strategie und Planung für die Phase nach der Übergabe braucht. Das ist besonders dann relevant, wenn der Vorgänger weiterhin eine Funktion im Betrieb wahrnimmt.

Und welche Lösung wird am häufigsten gewählt?
Eine Übergabe in der Familie oder an Mitarbeiter gehört bei KMU nach wie vor zur bevorzugten Variante. Gerade dann, wenn die Nachfolge innerhalb der Familie gelöst wird, ist es wichtig, die Voraussetzungen und Beweggründe kritisch zu hinterfragen und offen zu diskutieren.

Welche Empfehlungen geben Sie Unternehmern in der aktuellen Phase mit auf den Weg – worauf sollte man bei Finanz- und Geschäftsentscheidungen derzeit besonders achten?
Flexibilität und Agilität werden immer wichtiger; Aufträge werden wesentlich kurzfristiger vergeben. Unternehmen, die in der Lage sind, schnell zu agieren, haben einen Vorteil. Grundvoraussetzung dafür sind essenzielle Tugenden: Eine starke Produktepipeline sicherzustellen, enge Kundenbeziehungen zu pflegen, die Kosten im Griff zu haben und über eine starke Substanz und eine solide Liquidität zu verfügen. Wer diese Basis gelegt hat, der kann Chancen, die sich auch in unsicheren Zeiten ergeben, besser nutzen.

Text: Stephan Ziegler

Bild: zVg

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