Sammeln als Auftrag
Fehlt da nicht etwas? Gleich zu Beginn der Langzeitausstellung «Sammlungsfieber» hängt eine leere Aufhängevorrichtung. «Das ist eine Fiktion», sagt Gianni Jetzer, der Direktor des Kunstmuseums St.Gallen. Das abwesende Objekt in der Installation des Genfer Künstlers Mathias C. Pfund ist das ausgestopfte Nilkrokodil, das der St.Galler Kaufmann Daniel Studer 1623 der Stadtbibliothek (Vadiana) schenkte. Das Krokodil markiert den Anfang der Sammlertätigkeit in St.Gallen. Die Ausstellung der eigenen Bestände aus fünf Jahrhunderten spiegelt die Aktivitäten von Privatsammlern und Kunsthandel wider, die in St.Gallen selbstredend immer auch im Kontext der Textilgeschichte zu sehen sind.
Das Krokodil fehlt übrigens nicht. Es ist in der Ausstellung des Naturmuseums zu sehen, das seit 2016 in einem Neubau an der Rorschacher Strasse untergebracht ist.
«Sobald ein Bild im Museum hängt, bedeutet das Anerkennung für den Künstler.»
Kulturgut erhalten
«Werke in einer Ausstellung zu zeigen, bereitet uns Freude», sagt Angela Hensch, Präsidentin der Stiftung Kunstmuseum St.Gallen. «Aber unser wesentlicher Auftrag ist das Sammeln.»
Die Stiftung, die Trägerin des Kunstmuseums ist, hat mit der Stadt St.Gallen und mit dem Kanton St.Gallen entsprechende Leistungsvereinbarungen abgeschlossen. Der Stiftung Kunstmuseum stehen jährlich rund 160’000 Franken für Ankäufe zur Verfügung. Keine grosse Summe, gemessen an den Preisen auf dem Kunstmarkt. «Ohne zusätzliche Mittel von wichtigen privaten Gönnern und Sponsoren könnten wir nicht seriös ankaufen und ergänzen», sagt Angela Hensch. Die wichtigen privaten Geldgeber werden für Museumsbesucher deshalb nun sichtbarer gemacht, wie Gianni Jetzer ergänzt. 33’000 Besucher zählt das Museum im letzten Jahr, rund 220 Schulklassen tauchten 2025 in die Geheimnisse der bildenden Kunst ein.
Über die Gestaltung von Ausstellungen und die Kunstvermittlung hinaus hat das Kunstmuseum den Auftrag, die bildende Kunst als Kulturgut für die nachfolgenden Generationen zu erhalten. Der aktuellen Kunstszene widmet das Kunstmuseum deshalb sowohl bei der Sammlertätigkeit als auch bei der Konzeption von Ausstellungen ein besonderes Augenmerk. Damit wird das Museum auch indirekt ein wichtiger Player auf dem Kunstmarkt. «Sobald ein Bild im Museum hängt, bedeutet das Anerkennung für den Künstler», sagt Angela Hensch. Diese Anerkennung spiegelt sich dann auch im Preis der Werke.
Kostspielige Lagerung und Archivierung
Die Sammlung umfasst heute etwa 12'000 Positionen, von denen einige im Kulturgüterschutzraum unter dem Museum eingelagert sind. Ein grosser Teil hingegen wird in einem gesicherten Aussendepot bei einem privaten Unternehmen aufbewahrt. Diese fachgerechte Lagerung von Kunstwerken ist aufwändig und kostspielig.
Nicht zuletzt deshalb überprüfen viele Museen die Dauerleihgaben in ihren Beständen. Denn die Institutionen tragen oft jahrelang die Kosten für die Einlagerung wie auch für die Versicherung, doch ein Werk kann von den Besitzern von einem Tag auf den anderen zurückverlangt werden. Deshalb versucht auch das Kunstmuseum St.Gallen, «mit Fingerspitzengefühl» die vertraglichen Grundlagen anzupassen. «Wir wollen Dauerleihgaben ohne spätere Eigentumsübertragungen vermeiden», erklärt Angela Hensch.
Die Sammlung des Kunstmuseums wird derzeit vollständig erfasst und bald online publiziert. Damit soll auch das Publikum einen Zugang zum nicht ausgestellten Teil der Sammlung erhalten. Für dieses Projekt haben der Kanton aus dem Lotteriefonds und eine private Stiftung Beiträge gesprochen.
«Wenn Kunst einmal im Museum ist, dann ist sie dem Kunstmarkt entzogen.»
Kunstmuseum als Gemeinschaftswerk
Kunst spielte in der einst reichen Textilstadt St.Gallen schon früh eine wichtige Rolle. Der Kunstverein St.Gallen wurde bereits 1827 gegründet und war in der Folge ein entscheidender Treiber für den Bau des 1877 eröffneten Kunstmuseums. «Nächstes Jahr feiern wir ein Doppel-Jubiläum, 200 Jahre Kunstverein und 150 Jahre Kunstmuseum», freut sich Gianni Jetzer.
Mit dabei waren seinerzeit die Ortsbürgergemeinde St.Gallen, auf deren Boden auf dem Brühl der Bau realisiert wurde, das Kaufmännische Directorium, die Naturhistorische Gesellschaft und der Historische Verein. Und weil damals schon Bauten rasch teurer wurden als erwartet, sprachen auch die politische Gemeinde und der Kanton einen Beitrag an den repräsentativen Bau, den Johann Christoph Kunkler im Stile der Alten Pinakothek in München plante. Im Erdgeschoss wurde die naturhistorische Sammlung eingerichtet, alle anderen Sammlungen im Obergeschoss, wo es auch Oberlichtsäle für die Kunst gibt.
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Die Freundschaft zu Munch
«St.Gallen war, wie auch bei der Gründung des Fussballclubs, früh dran mit dem Bau eines Kunstmuseums», sagt Gianni Jetzer. Das Kunsthaus Zürich, heute das grösste Kunstmuseum der Schweiz, wurde erst 1910 eröffnet, mit einem St.Galler als prägender Figur und operativem Leiter während 40 Jahren. Der Kunsthistoriker Wilhelm Wartmann war erst Konservator und ab 1927 Direktor des Hauses. Wartmann war mit dem norwegischen Maler Edvard Munch befreundet, was sich in der Sammlung in Zürich deutlich niederschlug.
Der Gründer der Vereinigung der Zürcher Kunstfreunde, Alfred Rütschi, gab bei Edvard Munch Anfang der 1920er-Jahre ein Porträt von Wilhelm Wartmann in Auftrag. Davon gibt es drei Versionen: eine erste, die den Auftraggeber nicht überzeugte, eine zweite, die in Zürich zu sehen ist, und ein drittes, ein etwas kleineres Bild, das Edvard Munch seinem Freund Wilhelm Wartmann privat schenkte. Dieses Bild hängt heute in St.Gallen. Betrachtet man das Gemälde, spürt man, dass dem Kunsthistoriker die Rolle als Modell nicht sonderlich behagte. «Munch hat Wartmann im Hotel Dolder fotografiert und die Bilder nach dieser Vorlage gemalt», erzählt Gianni Jetzer.
Das Wartmann-Porträt ist gleichzeitig ein Bild eines internationalen Kunststars und ein Werk mit Ostschweiz-Bezug. Es verkörpert auf ideale Weise den Ansatz, eine kunsthistorisch repräsentative, aber auch eigenständige, sanktgallische Sammlung zu pflegen.
Wichtige Ostschweizer Figuren
Ostschweizer mit globaler Ausstrahlung wie Roman Signer oder Pipilotti Rist sind selbstverständlich in der Sammlung vertreten und auch in der Ausstellung tatsächlich zu sehen.
Die Sammlung des Kunstmuseums umfasst aber auch Künstler, die vor allem regional wichtige Spuren hinterlassen haben. Dazu gehört im 19. Jahrhundert der Thurgauer Gottlieb Bion, der Kunststudent der Münchner Akademie und Mitbegründer des Kunstvereins St.Gallen war und als Turn- und Zeichnungslehrer an St.Galler Schulen wirkte. Bion wurde später Präsident des Schweizerischen Kunstvereins und betätigte sich selbst als Maler. «Im jungen Bundesstaat war Landschaftsmalerei sehr gefragt», sagt Gianni Jetzer. Von Gottlieb Bion werden im Kunstmuseum einige Werke, darunter Ansichten des Walensees, prominent gezeigt. Ein heutiger Sammler wurde darauf aufmerksam und schenkte dem Kunstmuseum ein weiteres, grösseres Ölgemälde mit Walensee-Motiv.
Schenker haben ihrerseits eigene Motive. «Das Museum verkauft nicht, das Museum leiht Werke allenfalls aus», erklärt Angela Hensch. «Das zieht natürlich Schenkungen an, weil die Werke so gesichert werden und in einem kulturellen Gedächtnis bleiben. Wenn Kunst einmal im Museum ist, dann ist sie dem Kunstmarkt entzogen.»
«Als das Museum entwickelt wurde, hatte man mehr Wände als Kunst», sagt Gianni Jetzer. Damals waren Verkaufsausstellungen im Kunstmuseum durchaus üblich, Galerien konnten die Räumlichkeiten dafür mieten. Heute ist die Situation anders. «Wir nehmen eine qualitative Bewertung vor, wenn wir eine Schenkung angeboten bekommen.» Besteht eine Schenkung aus einem Konvolut aus hunderten von Werken, dann prüft das Kunstmuseum auch, ob es diese überhaupt verarbeiten kann. «Eine grosse Schenkung braucht auch eine Finanzierung, um sie bearbeiten zu können.»
«Als das Museum entwickelt wurde, hatte man mehr Wände als Kunst.»
Forschung nach der Herkunft
Zur «Bearbeitung» einer Kunstsammlung gehört längst Provenienzforschung: Können die Eigentumsverhältnisse eines Kunstwerks lückenlos nachgezeichnet werden? Aus privaten Sammlungen werden ab und zu Bilder entdeckt, die beispielsweise während der NS-Zeit von jüdischen Sammlern unter Druck verkauft werden mussten oder geraubt wurden. Die Forschung dazu ist schwierig und aufwendig, weil es oft keine Dokumente gibt oder Nachfahren schwer auszumachen sind. In der Schweiz unterstützt das Bundesamt für Kultur solche Nachforschungen mit finanziellen Mitteln.
In der St.Galler Sammlung ist Ferdinand Hodlers «Thunersee mit Stockhornkette» ein prominentes Beispiel für solche Nachforschungen. Das Bild gehört der für das Kunstmuseum wichtigen Simon und Charlotte Frick Stiftung und wurde 1985 erworben. Erst spätere Forschungen ergaben, dass das Hodler-Gemälde zur Sammlung von Max Silberberg gehörte; der jüdische Sammler musste es 1935 unter Zwang verkaufen. Mit dieser Erkenntnis ist der weitere Verbleib eines Werks noch nicht abschliessend geklärt. In diesem Fall engagierte sich die Simon und Charlotte Frick Stiftung erneut und erzielte nach längeren Verhandlungen 2023 mit dem Nachlass Silberbergs einen Vergleich im Einklang mit den Washingtoner Richtlinien. Die Stockhornkette verbleibt als Dauerleihgabe der Stiftung im Kunstmuseum St.Gallen.
Warten auf die Renovation
Solch prominente Bilder zeigen auch andere Museen gerne. Die Institutionen leihen sich Werke für Ausstellungen untereinander aus. «Unter Schweizer Museen machen wir das kostenlos», sagt Gianni Jetzer, der Ausleiher muss allerdings für Transport und Versicherung aufkommen. Wenn das Kunstmuseum St.Gallen eines seiner gefragtesten Werke ins Ausland verleiht, wird eine Leihgebühr ausgehandelt, «denn das Bild hinterlässt ja auch eine Lücke bei uns.» Eine solche Lücke ist Claude Monets «Palazzo Contarini» von 1908. Das Bild war gerade im Brooklyn Museum ausgestellt und ist jetzt im de Young Museum in San Francisco zu sehen.
Das Prinzip Geben und Nehmen funktioniert für das Kunstmuseum St.Gallen allerdings immer weniger. «Vor einer Ausleihung muss ein Haus einen Facility Report übermitteln. Das sind normalerweise die Temperaturkurven und Feuchtigkeitswerte der letzten zwei Jahre», erläutert Gianni Jetzer. «Unsere Werte sind bei Weitem nicht in einem akzeptablen Bereich.» Der Museumsdirektor hofft, dass bald in die Infrastruktur des Hauses investiert wird: «Wir warten seit 24 Jahren auf die Renovation.» Gianni Jetzer kam 2001 erstmals als Direktor der Kunst Halle nach St.Gallen. Auch wenn St.Gallens goldene Zeiten vorüber sind, dürfe die Stadt nicht abbauen, sagt Gianni Jetzer: «Ein inspirierendes und qualitativ hochstehendes Kulturleben ist auch für die Wirtschaft, für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, wichtig.»
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Baufällige Ruine
Seit der Eröffnung des Kunstmuseums hat sich die St.Galler Museumslandschaft immer wieder gewandelt. 1921 wurde hinter dem nun «Alten Museum» das Historische- und Völkerkundemuseum eröffnet, etliche Sammlungen erhielten dort eine eigene Bleibe. Ab 1971 war das Gebäude des Alten Museums so baufällig, dass es geschlossen werden musste. Kurz wurde sogar erwogen, das Gebäude abzubrechen, zu diesem Eintrag auf die Liste der St.Galler Bausünden kam es dann aber nicht.
Immerhin konnte Roman Signer im Sommer 1982 die Ruine für Kunstaktionen nutzen, die er auf Super-8-Filmen festhielt und so nebenbei auch den Zustand des Gebäudes dokumentierte. Das Kunstmuseum St.Gallen hat die Vorführrechte erworben und zeigt die Aufnahmen in der Ausstellung. «Die originalen Filmrollen hat das Museum of Modern Art in New York gekauft», sagt Gianni Jetzer, «natürlich hat das MoMA auch mehr bezahlt.»
Ab 1984 wurde der Kunkler-Bau renoviert, 1987 wurde das Kunst- und Naturmuseum wieder eröffnet. 2010 erhielt das Kunstmuseum mit der Kunstzone in der Lokremise einen zusätzlichen attraktiven Ausstellungsraum. Dort läuft gerade eine Ausstellung der kolumbianischen Künstlerin Delcy Morelos, die zehn Tonnen Erde verteilt hat. «Es ist wie eine futuristische Ausgrabungsstätte», beschreibt Angela Hensch, «man muss es unbedingt anschauen. Das ist wirklich spektakulär.»
Neue Trägerschaft
Mit dem Projekt für ein eigenes Naturmuseum wurde 2012 auch die Trägerschaft für die drei Museen neu strukturiert. Das Kunstmuseum wird seither von der Stiftung Kunstmuseum St.Gallen getragen. Der Kunstverein St.Gallen delegiert drei, die Ortsbürgergemeinde St.Gallen und die Stadt St.Gallen delegieren je zwei Vertreter in den Stiftungsrat.
Das Kunstmuseum kommt vor allem mit Eintritten und Führungen auf eine Eigenfinanzierung von 18 Prozent. Obschon dieser Wert für einen Kulturbetrieb gut ist, ist es auf eine Finanzierung durch die öffentliche Hand und Beiträge von Gönnern angewiesen. Über 40 Personen arbeiten für das Kunstmuseum, die allermeisten in Teilzeitpensen.
Vor nunmehr zehn Jahren hat das Naturmuseum seinen Neubau beim Botanischen Garten bezogen, der Kunkler-Bau steht nun vollumfänglich der Kunst zur Verfügung. Eine Sanierung und Modernisierung, nicht zuletzt im Hinblick auf das Gebäudeklima, wurden schon 2011 und seither mehrfach angedacht. Die Kosten wurden auf rund 45 Millionen Franken geschätzt. Wann das Projekt gestartet wird und wie die Kosten aufgeteilt werden, steht aber nach wie vor in den Sternen.
Text: Philipp Landmark
Bild: Rebekka Grossglauser