Wertsache Kunst
Wer in Miami, Hongkong oder Katar auf St.Gallen angesprochen wird, macht vielleicht die Assoziation zu einer der besten Wirtschaftsuniversitäten Europas. Beim Stichwort Basel dürfte rasch die Verbindung zur Kunstmesse Art Basel kommen, die in diesen Weltstädten erfolgreiche Ableger hat. Für Kunst in einer Liga, die Anlageberater wohl besser verstehen als Kunsthistoriker. Nicht umsonst werden Werke von Monet, Picasso, Warhol und Co. als «Blue-Chip-Kunst» bezeichnet.
Wer Kunst primär als Kunstmarkt versteht, muss in der Ostschweiz in der Regel kleine Brötchen backen. Oder zumindest das Fürstentum Liechtenstein zur Ostschweiz mitzählen.
Nicht umsonst werden Werke von Monet, Picasso, Warhol & Co. als «Blue-Chip-Kunst» bezeichnet.
Ein grosser Player in St.Gallen
In der Stadt St.Gallen gibt es mit der Galerie Widmer ein renommiertes Auktionshaus, das eine Ausnahme darstellt. Markus Schöb, seit 2014 Besitzer des 1977 gegründeten Traditionshauses, fusionierte sein Unternehmen 2018 mit dem Basler Auktionshaus Beurret & Bailly. «Zu jener Zeit haben drei Auktionshäuser in der Schweiz geschlossen», sagt Markus Schöb, «wir mussten wachsen, um überhaupt zu überleben.»
Der Regionalmarkt Ostschweiz war früher sehr stark, das habe sich abgeschwächt. «St.Gallen ist immer noch ein guter und interessanter Markt, aber er hat nicht mehr das Ausmass wie vor 25 Jahren.»
Beurret Bailly Widmer war ein grosser Player auf dem Schweizer Kunstmarkt, inzwischen agiert das Auktionshaus auch international. 2023 schloss sich das Schweizer Unternehmen dem wichtigsten französischen Auktionshaus Artcurial an. Kunden können nun in Paris und Monaco betreut werden, aber auch in Basel, Zürich, Genf und weiterhin in St.Gallen.
«Artcurial hat ein Instagram-Profil mit über 100’000 Followern», sagt Markus Schöb, «das würden wir in der Schweiz nicht im Entferntesten hinbekommen.» Trotzdem betont Markus Schöb sein Commitment für die Ostschweiz: «Ich hänge sehr stark an St.Gallen», sagt er. «Wir können so auch den regionalen Künstlern noch eine Plattform bieten.» In der Schweiz werden jährlich drei grosse Auktionen durchgeführt, zwei in Basel, eine in St.Gallen.
«Die Auktionen in Basel laufen während der Art Basel, da haben wir eine riesige internationale Visibilität», erklärt Markus Schöb. «Wir erhalten sehr schöne Positionen aus der Ostschweiz, die wir nie bekommen hätten, um sie in St.Gallen zu verkaufen.» Solche Werke werden nun in Basel oder in Paris angeboten.
Geboten wird vor allem online
Auktionen in St.Gallen sind gelegentlich für Überraschungen gut. 2015 etwa wurde der Weltrekord für ein Werk des deutschen Bildhauers Rudolf Belling erzielt, seine Bronzeskulptur «Dreiklang» von 1919 wurde für 680’000 Franken ersteigert. Mit den üblichen Zuschlägen kostete die Skulptur 713’428 US-Dollar. Gesteigert hatten nicht Bieter vor Ort, sondern acht oder neun internationale Telefonbieter. 2017 wurde das Ölgemälde «Die Strickschule» von Albert Anker in St.Gallen für 1,8 Millionen Franken ersteigert, inklusive Aufgeld belief sich der Preis auf 2’187’720 Franken. Das ist das höchste in St.Gallen erzielte Ergebnis.
«Als ich als Student bei Hans Widmer angefangen habe, sassen bei Auktionen 100 Leute im Saal, dazu gab es zwei Telefonisten. Informiert wurden nur die etwa 1500 Leute, die einen Katalog bekamen», erinnert sich Markus Schöb. «Heute verschicken wir gegen 3000 Kataloge, etwa 12’000 Einladungen, und wir sind auf sechs oder sieben Plattformen präsent und sind so auf der ganzen Welt sichtbar.» An einer Auktion sind in Basel vielleicht gerade noch zehn Personen im Saal, die 20 Telefonisten nehmen Gebote mehrerer hundert Bieter entgegen, und etliche hundert Bieter nehmen online an der Auktion teil.
Adolf Dietrich ist gefragt
Die 700 Quadratmeter Ausstellungsräume der Galerie Widmer gibt es nicht mehr, das Unternehmen hat heute nur noch Büros in St.Gallen. Die jährliche Auktion wird deshalb im Open Art Museum im Lagerhaus an der Davidstrasse durchgeführt, die nächste ist am 27. Oktober 2026 geplant. Hier kommt traditionell auch Ostschweizer Kunst unter den Hammer, Werke von Carl August Liener, Carl Walter Liner, Hans Zeller oder Ferdinand Gehr sind dann sichere Werte, aber auch Roman Signer oder verschiedene Appenzeller Künstler sind oft im Angebot. Und immer wieder auch Bilder des Thurgauer Malers Adolf Dietrich. Dessen «Margeritenstrauss» wurde vor wenigen Jahren bei einem Startgebot von 70’000 Franken für 350’000 Franken ersteigert.
Um ein Objekt nach einer Auktion dann tatsächlich sein Eigen nennen zu können, muss neben dem gebotenen Preis auch ein Zuschlag von 25 Prozent für das Auktionshaus und darauf die Mehrwertsteuer von 8,1 Prozent entrichtet werden. Je nach Konstellation ist auch auf das Kunstwerk selbst die Mehrwertsteuer fällig.
Das Know-how von Artcurial Beurret Bailly Widmer in St.Gallen wird nicht nur vom Kunsthandel geschätzt. «Wir sind auch die zentrale Anlaufstelle in der Ostschweiz für Kunst-Expertise, nicht nur für Private, sondern auch für Behörden, Anwälte, Konkursämter.»
Eine Generation früher war St.Gallen ein vielbeachteter Teil der europäischen Kunstgeschichte.
Hot Spot St.Gallen
Ein bisschen grosse Kunstwelt atmete St.Gallen zudem um die Jahrtausendwende. Die international tätige Zürcher Galerie Hauser & Wirth nutzte die Lokremise von 1999 bis 2004 für einige grosse Ausstellungen. Zudem betreibt die Galerie auch in Henau bei Uzwil ein Depot mit einer umfangreichen Sammlung zeitgenössischer Kunst, die Sammlung ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.
Eine Generation früher war St.Gallen ein vielbeachteter Teil der europäischen Kunstgeschichte. Die 1958 von Franz Larese und Jürg Janett gegründete Erker Galerie war in den 1960er- und 1970er-Jahren eine wichtige Institution für die Nachkriegsmoderne. Neben den Ausstellungen wurden Kunstbücher publiziert und grafische Werke gedruckt. «Erker» war ein Markenzeichen nicht nur für bildende Kunst, sondern auch für Literatur und Philosophie. Die Bedeutung der Erker-Galerie wird in der Ausstellung der Sammlung des Kunstmuseums St.Gallen gewürdigt.
Auch in der Gegenwart gibt es in und um St.Gallen einige Galerien mit Bedeutung für den regionalen Kunstmarkt. Die Galerie Paul Hafner zeigt internationale Gegenwartskunst, das Atelier Senn rahmt Bilder nicht nur, sondern bietet ein breites Sortiment vor allem von Lithografien an. Die Galerie vor der Klostermauer wurde vor einem halben Jahrhundert von regionalen Künstlern eröffnet, um eine Ausstellungsmöglichkeit
zu haben. Der Kunstkiosk St.Gallen ist quasi die neuzeitliche jugendliche Form davon; die Galerie hat nicht immer einen festen Ausstellungsraum, aber sie ist auf Instagram zu finden.
Nicht als konventionelle Galerie versteht sich die vom Künstler Francesco Bonanno gegründete Macelleria d’Arte, die seit über drei Jahrzehnten spannende Ausstellungen mit Eventcharakter veranstaltet.
Ballung im Fürstentum
Kunst mit grossem Preisetikett wird neben St.Gallen auch in Vaduz gehandelt. Das kleine Städtchen beherbergt mit dem Kunstmuseum Liechtenstein und der angeschlossenen Privatsammlung der Hilti Art Foundation eine grosse Dichte an Werken von der klassischen Moderne bis zur zeitgenössischen Kunst. Der schwarze Kubus des Kunstmuseums und der weisse Würfel der privaten Sammlung stehen unmittelbar nebeneinander und symbolisieren so auch, dass das Engagement der öffentlichen Hand und von privaten Sammlern oft symbiotisch wirken.
In der benachbarten Galerie am Lindenplatz können ausgesuchte Werke aus dieser Zeitspanne erworben werden, Arbeiten von Heinz Mack, Hanna Roeckle oder Max Bill etwa. Die Werke werden zu fünf- und sechsstelligen Preisen gehandelt; die Galerie pflegt aber bewusst auch ein Einstiegssegment, um für junge Sammler beispielsweise Grafiken für wenige hundert Franken zugänglich zu machen.
Fehlende Wirtschaftlichkeit
Eine wichtige Adresse für Ostschweizer Gegenwartskunst war die Galerie Adrian Bleisch in Arbon, die seit einem Jahr geschlossen ist. «Eine Galerie ist für mich auch ein Ort des Kunstmarktes. Die Balance zwischen Verkauf und Ausstellungen war in den letzten Jahren nicht mehr gegeben», erklärte Bleisch 2025 gegenüber thurgaukultur.ch. Die negative wirtschaftliche Entwicklung habe sich in den vergangenen Jahren Stück für Stück verschärft, sagte Bleisch dem Thurgauer Portal. Neben den geringer werdenden privaten Verkäufen hätten sich auch zunehmend Unternehmen, Banken und Spitäler aus dem Kunstmarkt zurückgezogen.
In der Ostschweiz gibt es etliche Galerien, die sich auf wenige Künstler spezialisiert haben. Ein Beispiel ist die Art-Galerie Inauen in Appenzell, die vor allem das Schaffen von Inhaberin Carmela Inauen sowie einigen weiteren lokalen Künstlern zeigt.
Spannende Museen
Die 1991 gegründete Kunsthalle Wil zeigt Künstler, die noch nicht zu den grossen Namen der Szene gehören. Dafür haben Ausstellungen manchmal experimentellen Charakter, was auch auf das Programm der Kunsthalle Arbon zutrifft, die sich als Plattform für zeitgenössische Kunst versteht. Im Kunstraum Kreuzlingen wird regelmässig der mit 15’000 Franken dotierte Adolf-Dietrich-Förderpreis an junge Talente verliehen. Im Frauenfelder Kulturzentrum Eisenwerk werden in der Shedhalle regelmässig Ausstellungen aktueller Künstler gezeigt.
In der über 900 Jahre alten Klosteranlage Kartause Ittingen in Warth oberhalb von Frauenfeld wurde 1983 das Thurgauer Kunstmuseum eingerichtet, das erst 1971 gegründet wurde. Die bereits 1942 begonnene Thurgauer Kunstsammlung umfasst 30’000 Objekte, unter anderem Werke von Adolf Dietrich und Hans Krüsi. Im Museum wird in wechselnden Ausstellungen aktuelle Kunst von internationalen wie regionalen Künstlern gezeigt.
In Appenzell finden sich mit dem gemischten Doppel Kunstmuseum und Kunsthalle zwei eigenständige Häuser, die aber unter einer Leitung stehen. Das Kunstmuseum widmet sich der Moderne bis zur Gegenwartskunst; es zeigt auch Werke aus der Sammlung der beiden Appenzeller Vertreter der modernen Kunst, Carl August Liner und Carl Walter Liner. Die Kunsthalle in der Alten Ziegelei zeigt aktuelles Kunstschaffen und ist darüber hinaus auch ein Konzertort.
Hochkarätiges in St.Gallen
Das Flaggschiff der Ostschweizer Museumslandschaft ist das Kunstmuseum St.Gallen. In der grössten Ostschweizer Stadt locken zudem die Kunst Halle St.Gallen, die als ein Zentrum zeitgenössischer Kunst gilt, oder das Open Art Museum, wo Art brut und Outsider Art gepflegt werden.
Die Kunst Halle St.Gallen wurde 1985 von der Kunst Halle St.Gallen Stiftung gegründet. Sie entstand aus dem Bedürfnis, zeitgenössischer Kunst in der Ostschweiz eine eigenständige Plattform zu geben.
Ein eher unerwartetes Museum ist auch die Universität St.Gallen. In den Gebäuden der HSG wurde Kunst am Bau dank privater Spender von Grössen wie Hans Arp, Joan Miró, Alberto Giacometti, Gerhard Richter oder Antonio Tàpies realisiert. Viele der Werke sind frei zugänglich. Gäbe es ein globales Kunst-Ranking von Universitäten, dürfte die HSG die Nummer eins für sich reklamieren.
Kunst im öffentlichen Raum
Es gab Zeiten, da haben Kunstwerke regelmässig die Gemüter erregt. In St.Gallen hat in den 1980er-Jahren das rote Fass von Roman Signer im Grabenpärkli hitzige Diskussionen ausgelöst. Der Brunnen, vom Gewerbeverband aus Anlass seines Geburtstages der Stadt geschenkt, plätschert heute noch, und Signer ist längst ein Künstler von Weltrang.
Auch von Pipilotti Rist kann man nicht nur Videoinstallationen in den Museen der Welt und der Stadt St.Gallen bewundern. Sie schuf zusammen mit dem Architekten Carlos Martinez im Auftrag von Raiffeisen Schweiz rund um deren Hauptsitz die Stadtlounge, die gemeinhin als «Roter Platz» bezeichnet wird.
Text: Philipp Landmark
Bild: Artcurial Beurret Bailly Widmer, zVg