Künstler und Publikum zusammenbringen
Der Kunstverein Frauenfeld ist in vielerlei Hinsicht eine Besonderheit. Nach aussen sichtbar sind die Ausstellungsräume an prominenter Lage im historischen Bernerhaus am Bankplatz in Frauenfeld. Die Präsidentin des Kunstvereins, Rita Wenger, sagt: «Wir sind weder ein Museum noch eine Galerie. Wir machen in erster Linie Kunstvermittlung, wir bringen Künstler und Publikum zusammen.»
Der Kunstverein Frauenfeld wurde 1960 aus der Gesellschaft für Musik und Literatur heraus gegründet, zu einer Zeit, als der Kanton Thurgau noch kein Kunstmuseum hatte und niemand in der Kantonshauptstadt Kunst zeigte. Nach einem Provisorium in der Villa Sonnenberg ab 1974 eröffnete der Kanton erst 1983 das Kunstmuseum in der Kartause Ittingen.
Der Kunstverein Frauenfeld hatte also Pioniercharakter. Für sein Engagement wurde er 1983 mit dem Anerkennungspreis der Stadt Frauenfeld und 1995 mit dem Kulturpreis des Kantons Thurgau ausgezeichnet.
«Wir machen in erster Linie Kunstvermittlung, wir bringen Künstler und Publikum zusammen.»
Anfänglich elitär
In den Gründerjahren galt der Kunstverein als etwas elitär. Der vor wenigen Monaten verstorbene Arzt Heinrich Bischof war 30 Jahre lang Präsident, die Akademiker von Frauenfeld trafen sich dort. Es gehörte zum guten Ton, hin und wieder ein Bild zu kaufen. Die heutige Präsidentin Rita Wenger versteht den Kunstverein nicht als elitär: «Kürzlich hat mir jemand gesagt, es sei schön, dass wir ein bisschen normal geworden seien.»
Der Kunstverein veranstaltet jährlich vier Kunstausstellungen im Bernerhaus. «Darum haben wir schon ein bisschen Galerie-Charakter», räumt Rita Wenger ein. Für die Künstler sei es wichtig, dass sie ihre Werke auch zeigen und verkaufen können, erklärt die Präsidentin: «Die Kunst muss unter die Leute kommen. Die Werke sollen irgendwo stehen oder hängen und gezeigt werden.» Wenn Kunst nur noch Museumskunst sei, dann sei sie tot. Nicht alle Künstler und nicht alle Werke eignen sich aber für den Verkauf. «Wir achten darauf, dass wir beides im Programm haben.»
Aktuell werden im Bernerhaus Werke von Christoph Rütimann gezeigt. Er vertrat 1992 die Schweiz an der Biennale in Venedig; 2016 erhielt der in Müllheim lebende Künstler den Thurgauer Kulturpreis. Sein Repertoire geht über Malerei und Bildhauerei hinaus, er schafft auch Klang-, Text-, Foto- und Videoarbeiten oder Performances. «Das ist natürlich nicht in erster Linie eine Verkaufsausstellung, das wissen wir auch.»
Kein Gewinn aus Ausstellungen
Professionelle Kunstgalerien zeigen und verkaufen Kunst als Geschäftsmodell. Der Kunstverein Frauenfeld macht keinen Gewinn aus den Ausstellungen, sondern legt in der Regel noch drauf.
Alle Künstler, die im Bernerhaus ausstellen, bekommen seit einiger Zeit ein pauschales Honorar von 2000 Franken für ihren Aufwand. Ein solches Honorar wird beispielsweise vom Berufsverband Visarte, der auch visuell schaffende Künstler vertritt, empfohlen. Weit verbreitet ist diese Praxis nicht.
Werden während der Ausstellung Werke verkauft, nimmt der Kunstverein eine Provision von 25 Prozent des Verkaufspreises. Andere Galerien nehmen deutlich mehr, teilweise bis zu 50 Prozent. Wie viel ein Werk kosten soll, bestimmen die Künstler allein: «Wir nehmen überhaupt keinen Einfluss auf die Preisbildung», sagt Rita Wenger.
«Die Werke sollen irgendwo stehen oder hängen und gezeigt werden.»
Künstler lieben das Bernerhaus
Der Kunstverein seinerseits stellt die schönen Räumlichkeiten in der Frauenfelder Altstadt zur Verfügung, stellt das Aufsichtspersonal, druckt Einladungskarten und grosse Plakate und wirbt über den eigenen Newsletter für die Ausstellung. Auch bei der Hängung der Werke im Bernerhaus unterstützt der Kunstverein die Künstler. «Wir haben zwei absolute Profis dafür.» Kein Wunder kann Rita Wenger sagen: «Die Künstler sind immer ausserordentlich zufrieden, wenn sie bei uns waren.»
Ob an einer Ausstellung auch gut verkauft wird, lasse sich schlecht vorhersagen. Rita Wenger beobachtet, dass generell weniger Kunst gekauft wird. «Ich glaube, die jungen Leute interessieren sich und gehen an Ausstellungen, sie hängen aber nicht mehr wie wir schöne Kunst an die Wand. Viele ältere Kunstinteressierte haben die Häuser schon voller Kunst.»
Viele Bewerbungen von Künstlern erreichen den Kunstverein. Wer tatsächlich im Bernerhaus ausstellen darf, bestimmt der Vorstand. Viele Anfragen müssen abschlägig beantwortet werden. «Ein eigentliches Fachgremium sind wir nicht», sagt Rita Wenger. Der Vorstand beurteilt auch nicht nur den künstlerischen Wert einer Bewerbung, sondern auch, ob ein Künstler ins Programm passt. Die üblicherweise vier Ausstellungen im Jahr sollen ein breites Spektrum abdecken, vor allem aber aktuelles Kunstschaffen mit Bezug zum Thurgau zeigen. Heute sind die ausstellenden Künstler diverser in Bezug auf Alter und Geschlecht, Jahre nur mit Ausstellungen von Männern gibt es nicht mehr.
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Elektrobeats und Triggerwarnung
Vor einem Jahr stellte das junge Duo Dara Maillard und Loris Mauerhofer im Bernerhaus aus. Wie meistens gab es während der Ausstellung auch ein Künstlergespräch, das in diesem Fall von elektronischer Musik umrahmt wurde. «Ich komme aus der klassischen Musik und verstand das wohl zu wenig, aber ich fand es hochspannend. Und es kamen viele junge Leute, um die Werke und diese Performance zu sehen.»
Manchmal lotet der Kunstverein auch Grenzen aus. In der Ausstellung von Valentin Magaro und Werner Angst wurde das Motiv des Fräuli mit dem Leuli aus dem Frauenfelder Wappen bis an die Grenzen pornografischer Darstellungen interpretiert. Diese Werke wurden in einem hinteren Raum gezeigt, davor gab es eine Triggerwarnung, wie Rita Wenger sagt. «Selbstverständlich haben dann alle Besucher auch diese Bilder angeschaut.»
Mitglieder ermöglichen die Aktivitäten
Der Kunstverein finanziert seine Aktivitäten über verschiedene Quellen. Die wichtigste Quelle ist die Stadt Frauenfeld, die jährlich 25’000 Franken überweist. Damit kann annähernd die moderate Miete des Bernerhauses bezahlt werden. Vermieterin ist die Thurgauische Evangelische Landeskirche. Vom Kanton Thurgau bekam der Kunstverein diverse Male Beiträge aus dem Lotteriefonds, ein regelmässiger Financier der Aktivitäten ist der Kanton aber nicht. Noch nicht. Ab nächstem Jahr ist ein regelmässiger Beitrag im Rahmen einer Leistungsvereinbarung in Diskussion. «Wir hoffen und meinen, dass wir die entsprechenden Vorgaben erfüllen», sagt Rita Wenger.
Ab und zu fliessen gewisse Beiträge von Gönnern in die Kasse, vorhersehbar ist das nicht. Idealisten sind auch die ehrenamtlich tätigen Vorstandsmitglieder und weiteren Macher aus dem Kreis des Kunstvereins selbst, sie stellen die Ausstellungen jeweils in Fronarbeit auf die Beine.
Die Beiträge der Mitglieder sind eine weitere Einnahmequelle. Die Mitgliederzahl des Kunstvereins ist in den letzten Jahren etwas geschwunden, immerhin 330 Personen helfen mit ihrem Obolus, die Aktivitäten zu tragen. Die Mitglieder sind eigentlich Gönner, sie bekommen aber auch eine Gegenleistung. Sie können unter anderem zu vergünstigten Bedingungen und vorrangig an Exkursionen teilnehmen, bei denen sie Einblicke erhalten, die der Öffentlichkeit oft verwehrt bleiben. Kürzlich ging es beispielsweise nach Herrliberg, wo Christoph Blocher persönlich eine Führung durch seine imposante Sammlung gab, hauptsächlich Werke von Schweizer Künstlern.
Repräsentative Sammlung
Eine für den Thurgau repräsentative Sammlung an Kunstwerken ist auch beim Kunstverein Frauenfeld gewachsen. In den Anfängen war es üblich, den ausstellenden Künstlern ein Werk abzukaufen, das heutige Honorar gab es noch nicht. «In unserer Sammlung haben wir sehr viele Werke von Künstlern, die über die Jahre bei uns ausgestellt haben», sagt Rita Wenger. «Das sind zum Teil bekanntere Namen, aber auch weniger prominente. Die Sammlung zeigt durchaus, was in den letzten 65 Jahren in der Thurgauer Kunstszene passiert ist.»
Neben Werken, die der Kunstverein erwarb, umfasst die Sammlung auch Bilder aus Schenkungen. «Wir bekommen viele Angebote, auch von Erben von verstorbenen Künstlern», erklärt Rita Wenger. Der Kunstverein ist bei der Annahme von Schenkungen aber zurückhaltend: «Werke in der Sammlung zu lagern und zu konservieren ist aufwendig und kostspielig.» Der Kunstverein verfügt über Platz in einem klimatisierten Depot in Aadorf, das auch vom Thurgauer Kunstmuseum genutzt wird. «Davon profitieren wir.»
In den Pandemie-Jahren herrschte eine etwas gedrückte Stimmung im Kunstverein, die Mittel waren knapp. Deshalb wurde erwogen, Bilder aus der Sammlung zu verkaufen, insbesondere von Künstlern, die mehrfach vertreten sind. Es kam anders: «Wir haben aktuell sogar mehr Werke als 2020, es sind etwa 500.»
Text: Philipp Landmark
Bild: Rebekka Grossglauser