Wildes Werben um Fachkräfte
15.05.2019

Wildes Werben um Fachkräfte

Der Verein «Ostwärts» will Fachkräfte in die Ostschweiz locken und dafür den «Wilden Osten» als coolen Wohn- und Arbeitsort positionieren. «Ostwärts»-Präsident Christoph Suter über das «Google der Ostschweiz», die Erodierung von Bürojobs durch die Digitalisierung und Mund-zu-Mund-Propaganda bei der Mitarbeiterrekrutierung. Ein Highlight-Text von Philipp Landmark aus der aktuellen LEADER-Ausgabe.

Christoph Suter, es muss ja einiges im Argen liegen, wenn der Thurgau, St.Gallen und beide Appenzell nicht nur jammern, sondern tatsächlich zusammenspannen und gemeinsam etwas machen. Ist der Leidensdruck so gross?
Ja. Der Fachkräftemangel ist tatsächlich gross.

Sie sind Präsident des Vereins Ostwärts, der sich diesem Problem stellen will. Woher kam der Anstoss zu dieser Initiative?
Ich weiss nicht mehr, wer zuerst war. Es ist eine gemeinsame Initiative von Vertretern der Wirtschaft und der jeweiligen Wirtschaftförderer der vier Kantone. Wir haben ein Konzept erarbeit und festgehalten, dass es nichts bringt, einfach noch eine Stellenplattform aufzuschalten.

Sondern?
Wir wollen die Ostschweiz als attraktiven Lebensraum, als attraktiven Wohn- und Arbeitsort präsentieren. Wohnen ist einiges günstiger als in Zürich, die Gegend lässt eine Freizeitgestaltung wie in den Ferien zu – und eben: Coole Arbeitsplätze haben wir auch.

Wenn alles so toll ist hier: Wieso merkt das niemand?
Wir stellen in Gesprächen mit Bewerbern immer wieder fest, dass die Schweiz in den Köpfen eben wirklich in Winterthur aufhört, weiter schauen die Leute gar nicht.

Wie wollen Sie nun diese Leute ansprechen?
Mit gezielter, individualisierter Werbung auf digitalen Kanälen. Wir haben ein Tool, das bestimmte Schlüsselwörter von Suchen im Internet auswerten kann. Und so begegnet dann eben Elektroingenieur, der gerne biken geht, auf Facebook oder Amazon oder wo auch immer früher oder später dem «Wilden Osten» …

… als Bike-Paradies.
Genau. Dazu kommen aber natürlich Stellenangebote unserer Mitgliedsfirmen. Und wenn dann jemand eine konkrete Stellenanzeige zum Beispiel von Stadler anschaut, wird dort bereits die Region Bussnang als Wohnort vorgestellt. Für diese Funktionalität bauen wir sozusagen ein kleines Google der Ostschweiz auf.

Das braucht eine gewisse IT-Kompetenz und eine handfeste Finanzierung.
Die Kantone und auch der Bund haben etwas beigesteuert, ebenso zahlreiche Firmen.

Wie viel darf man sich unter «etwas» vorstellen?
Zurzeit kommunizieren wir keine Finanzzahlen. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, als «Wilder Osten» innert drei Jahren selbsttragend zu sein. Dies durch Beiträge der Mitgliedfirmen, aber auch weiterer Mitglieder wie Verbänden, Vereinen oder auch Gemeinden, die uns unterstützen. Auch die IHK Thurgau unterstützt uns ideell, die IHK St.Gallen-Appenzell wartet noch ab.

Selbsttragend heisst, ohne Gelder der öffentlichen Hand auszukommen.
Der Verein hat von der öffentlichen Hand eine Anschubfinanzierung bekommen. Künftig müssen wir unsere Aktivitäten, etwa die Kosten der Agentur, die uns betreut, und das Betreiben der Plattform selbst decken können.

Der «Wilde Osten» ist nun schon seit einem halben Jahr aktiv. Welche Ziele hatten Sie sich für den Start gesetzt?
Wir wollen die vielfältigen Bestrebungen, dem Fachkräftemangel in der Ostschweiz entgegen zu wirken, bündeln und einen gemeinsamen Auftritt schaffen. Dafür haben wir ein Konzept entwickelt. Unsere Website wilder-osten.ch ist seit September online – und wir haben mit jobs.ch auch schon einen starken strategischen Partner gefunden, um möglichst viel Traffic auf diese Website zu lenken. Zudem haben wir erste Firmen unter Vertrag.

Der Lackmustest steht noch aus. Können Sie messbar belegen, dass Sie Fachkräfte in die Ostschweiz gelotst haben, die sonst nicht hier wären
Nein, das lässt sich nicht sauber messen oder sonstwie belegen. Alle Firmen bemühen sich auf vielfältige Weise um qualifizierte Bewerber, da ist es fast unmöglich, eine bestimmte Bewerbung einer konkreten Massnahme zuzuordnen. Meistens wird ohnehin die Kombination mehrerer Massnahmen zu einer Bewerbung führen.

Müssen Sie sich für die Erfolgskontrolle also auf Ihr Gefühl verlassen?
Moment, gewisse Sachen können wir schon messen, wir wissen zum Beispiel, woher jemand auf unsere Stellenplattform gekommen ist. Diesen Traffic können wir messen. Es muss letztlich aber jede Firma selbst beurteilen, ob sich das Engagement für sie lohnt.

Wo suchen Sie eigentlich neue Leute? In der Restschweiz hinter Winterthur oder auch im grenznahen Ausland?
Das kann ich nur für Stadler beantworten: Für Stellen hier in der Ostschweiz suchen wir in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich.

Bei der Suche setzt Stadler auch auf das Netzwerk der eigenen Mitarbeiter.
Ja wir haben ein Mitarbeiter-Empfehlungsprogramm. Damit haben wir sehr gute Erfahrung gemacht, es resultiert eine sehr hohe Einstellquote pro Dossier daraus.

Nicht nur in der Ostschweiz werden – neben Treuhand-Fachleuten – vor allem Ingenieure und Techniker gesucht.
Mit «Fachkräften» meine ich nicht nur Ingenieure, das fängt bei guten Handwerkern an. Wir finden auch keine Elektriker, keine Schreiner, keine Polymechaniker, keine Automatiker – wir spüren den Fachkräftemangel auch dort. Dasselbe höre ich auch von anderen Firmen.

Woran liegt das? Bilden wir die falschen Leute aus?
Für eine KV-Lehrstelle bekomme ich 60 Bewerbungen. Bei einer Industrielackierer- oder Automatikmonteur-Lehrstelle sind wir froh, wenn wir eine oder zwei Bewerbungen bekommen.

Wie sind denn die Perspektiven? Wenn ich zwischen einer KV-Lehre und einer technischen Lehre wählen könnte, wo stehe ich in zehn Jahren besser da?
Beim Lohn etwa gleich. Aber wenn ich weiter denke: Die Digitalisierung wird viele reine Bürojobs überflüssig machen. Wenn ich hingegen eine technische Lehre mache und danach ein technisches Studium anhänge, dann bin ich eine sehr gesuchte Person. Wir jedenfalls machen gute Erfahrungen mit Leuten, die selbst mal gefräst oder einen Schraubenzieher in der Hand hatten und dann eine entsprechende Zusatzausbildung gemacht haben.

St.Gallen lanciert gerade die IT-Bildungsinitiative, um einem Teil des Fachkräftemangels zu begegnen. Braucht es noch mehr solcher Anstrengungen?
Ja. Und vor allem muss die Wirtschaft den Dialog mit den Schulen pflegen und ihre Bedürfnisse darlegen.

In den für Sie wichtigen Berufen sieht man heute verschwindend wenige Frauen.
Frauen haben bei uns grundsätzlich die gleichen Chancen. Wir versuchen, mit attraktiven Arbeitszeitmodellen Frauen entgegenzukommen oder auch Wiedereinsteigerinnen Chancen zu bieten – da gibt es durchaus Potenzial.

Hauptziel bleiben aber junge Talente?

Nicht unbedingt. Wenn man eine Handvoll junger Leute anstellt, braucht man auch jemanden mit Erfahrung. Für Stadler ist es nicht so sehr ein Problem, junge Studienabgänger zu finden – wir haben eine Starke Marke, wir haben ein cooles Produkt – , für uns ist es eher schwierig, gute Seniors zu finden, die schon in der Branche tätig sind.

Das liegt daran, dass es im Inland neben Stadler kaum noch eine Schienenfahrzeugbranche gibt. Sie hätten aber die Möglichkeit, auch intern Leute zu rekrutieren. Tun Sie das?
Ja, das ist auch unserem schnellen Wachstum geschuldet. Da sind immer wieder attraktive Stellen zu haben, und relativ viele davon besetzen wir wieder intern. Drei von vier Kaderstellen besetzen wir mit Leuten, die schon bei uns sind. Ich beobachte schon seit längerer Zeit, dass die jungen Leute heute nicht mehr so firmentreu sind. Sie wollen eine coole Aufgabe, eine Herausforderung, sie wollen auch schnell weiter kommen. Bei uns gehen immer wieder Türen auf, junge Talente können früh Verantwortung übernehmen.

Eine andere Möglichkeit, zu Fachkräften zu kommen, wäre, das Potenzial älterer Leute gezielter zu nutzen. Nur sind die oft zu teuer, und ihr Wissen ist nicht à Jour.
Entscheidend ist, dass sich ältere Arbeitnehmer immer wieder weiterbilden. Wir stellen auch 58-jährige Ingenieure ein, wenn wir merken, dass sie am Ball geblieben sind. In der Produktion stellt sich natürlich die Frage der körperlichen Leistungsfähigkeit.

Und des Lohns? Wir werden wohl alle noch länger als heute üblich arbeiten müssen. Da kann doch die Lohnkurve nicht mehr bis am letzten Tag nach oben zeigen?
Es wird salonfähig werden, gegen Ende der Karriere Führungsfunktionen und auch Druck abzugeben, vielleicht noch 80 Prozent zu arbeiten, einen Experten-Status zu haben – und wieder einen etwas tieferen Lohn zu bekommen. Diese Situation kennen wir bei uns durch das schnelle Wachstum übrigens noch nicht, wir haben ja kaum Pensionäre ...

Thematisieren Sie solche Fragen im Rahmen von «Ostwärts», gibt man sich gegenseitig Tipps?
Nein, «Ostwärts» will nicht den Firmen sagen, wie sich ausrichten sollen, sondern Werbung machen für die Ostschweiz. Aber jede Firma befasst sich von sich aus mit all diesen Fragestellungen. Der Leidensdruck wird zwangsläufig dazu führen, dass Firmen umdenken, dass sie andere Zeitmodelle anbieten oder kreativ bei den Anstellungsbedingungen sind. Langsam werden wir von einem Arbeitgebermarkt zu einem Arbeitnehmermarkt.

Die Firmen müssen sich quasi bei den Arbeitnehmern mit attraktiven Bedingungen bewerben.
So kann man es auch sehen. Aber Anstellungsbedingungen, wie sie von Google kolportiert werden, können wir als Industriebetrieb nicht bieten. Aber wir können jungen Ingenieuren viel Verantwortung und Kompetenzen geben, ihnen viele Herausforderungen stellen – an einem solchen Arbeitsplatz blühen die Leute auf.

Auf wie viele Leute käme man eigentlich, wenn man die Vermisstenlisten der Ostschweizer Unternehmen zusammenzählt?
Da wage ich keine Schätzung. Bei uns alleine sind es über 100 Stellen, aber auch jede kleine Elektrikerfirma klagt, dass sie ihre Leute nicht findet.

Dann geht es in die Tausende?
Davon müssen wir ausgehen.

Wir hoffen also auf einige zusätzliche Pendler in Richtung Osten.
Oder wir rekrutieren diejenigen Leute, die heute wegpendeln. Ich überlege ernsthaft, ob wir mal am Bahnhof Weinfelden Flyer verteilen sollen. Diese Leute wissen immerhin schon, dass es sich lohnt, in der Ostschweiz zu wohnen.

Mit dem Claim «Wilder Osten» wollen Sie das Klischee der braven, langweiligen und überangepassten Ostschweizer konterkarieren.
Jedenfalls wollen wir als Ostschweiz frecher auftreten. Und zeigen, dass hier vieles möglich ist, dass man hier Abenteuer erleben kann.

Wenn diese Initiative funktioniert, wäre das ja ein schönes Beispiel, dass man etwas erreichen kann, wenn die vier Kantone zusammenspannen. Für Nachahmer: Wieso hat es in diesem Fall funktioniert?
Sicher, weil der Leidensdruck gross ist. Und auch, weil wir uns bald von «Man sollte»-Formeln verabschiedet haben und uns sagten «Wir machen». Aber wir merken auch: Das Projekt ist komplex, für gewisse Fragen braucht es die Unterschriften von vier Wirtschaftsförderern, es gibt langwierige Vernehmlassungen.

Wird die Initiative überflüssig, wenn sie erfolgreich ist?
Nein, ich glaube eher, dass wir dann eine Ostschweizer Plattform schaffen können, die viel mehr kann, als bei der Rekrutierung von Fachkräften zu helfen.

Zum Beispiel?
Sie kann helfen, sich in der Ostschweiz zurechtzufinden. Das wäre nicht zuletzt für Leute, die wir zu uns holen, wichtig. Wenn sie sich im «Wilden Osten» wohlfühlen, dann ziehen sie nicht gleich wieder weg.

Zu anderen, die auch um Talente buhlen? Gerade diese Leute, die in der Ostschweiz sehr gesucht sind, sind auch anderswo sehr begehrt.
Der Kanton Aargau möchte sogar eine Initiative nach unserem Vorbild lancieren und schaut uns deshalb genau zu.

Den Aargauern verraten Sie hoffentlich nicht alle Erfolgsgeheimnisse, das sind schliesslich Konkurrenten …
Auch wenn wir Ostschweizer nun wild sind – wir bleiben nett.

Christoph Suter ist Leiter HR bei der Stadler Bussnang AG und Präsident des Vereins «Ostwärts». ostwaerts.info