Gast-Kommentar

Wenn Schlagzeilen Märkte bewegen

Wenn Schlagzeilen Märkte bewegen
Alessandro Sgro
Lesezeit: 2 Minuten

Die Finanzmärkte reagieren heute schneller denn je – oft nicht auf Fakten, sondern auf Schlagzeilen. Jüngste Kursbewegungen rund um Donald Trumps Zolldrohungen gegenüber Ländern, die Grönland unterstützen, zeigen eindrücklich, wie stark Medien und politische Rhetorik die Anlegerpsychologie beeinflussen. Für Anleger stellt sich damit eine zentrale Frage: Wie gelingt der langfristige Vermögensaufbau inmitten des lauten medialen Getöses? Antworten kennt Alessandro Sgro in der LEADER-Finanzkolumne «Inside financial markets».

Text: Alessandro Sgro, Chief Investment Officer Cronberg AG

Kaum hat das neue Börsenjahr gut und hoffnungsvoll begonnen, ist sie bereits wieder zurück: die Unsicherheit. Ausgelöst durch die Aussagen Donald Trumps, Länder, die Grönland unterstützen, mit zusätzlich Strafzöllen zu belegen. Der Handelskonflikt schien damit erneut entzündet und Ängste um die Konjunktur kamen auf. Die Reaktion folgte prompt. Sowohl Aktien- als auch Bondmärkte korrigierten, die Volatilität nahm zu und Risikoanlagen wurden gemieden.

Bemerkenswert daran ist weniger die Korrektur selbst als ihr Auslöser. An den wirtschaftlichen Fundamentaldaten hatte sich nichts verändert. Wachstumsperspektiven, Ertragskraft und Liquidität blieben intakt. Es waren Worte, verstärkt durch mediale Zuspitzung, die Unsicherheit erzeugten. Nur wenige Tage später dann die Kehrtwende: Am Weltwirtschaftsforum in Davos relativierte Trump seine Aussagen und betonte, dass keine Gewalt angewendet würde. Die Märkte entspannten sich. Kurse erholten sich. Wieder ohne neue Fakten.

Diese Episode steht exemplarisch für das heutige Marktumfeld. Medien wirken als Verstärker von Narrativen. Sie sind omnipräsent und ihr Geschäftsmodell lebt von Aufmerksamkeit und Geschwindigkeit. Differenzierung und Einordnung bleiben dabei oft auf der Strecke. Für Anleger entsteht so ein permanenter Strom an Stresssignalen – unabhängig davon, ob sie langfristig relevant sind oder nicht. Psychologisch ist das heikel, denn negative Nachrichten wirken viel stärker als Positive. Unsicherheit erzeugt Handlungsdruck. Wer sein Portfolio entlang von Schlagzeilen steuert, riskiert, kurzfristige Emotionen mit langfristigen Entscheidungen zu verwechseln.

Diese Mechanik ist nicht auf die Finanzmärkte beschränkt. Ähnlich wirkt sie im Spitzensport. Der Captain des FC St. Gallen, Lukas Görtler, beschrieb in den sozialen Medien kürzlich, wie ihn die Medien innerhalb weniger Tage vom Provokateur zum vorbildlichen Captain stilisierten. Seine Erkenntnis: Medien beeinflussen Emotionen und Emotionen beeinflussen Leistung. Entscheidend ist der bewusste Umgang mit der Berichterstattung. Lob nicht überhöhen, Kritik nicht überbewerten und sich auf das konzentrieren, was man tatsächlich beeinflussen kann: Leistung und Verhalten.

Für Anleger gilt im Kern dasselbe. Denn erfolgreiche Geldanlage basiert nicht auf der Frage, welche Schlagzeile morgen dominiert, sondern darauf, wie gut ein Portfolio auf unterschiedliche Entwicklungen vorbereitet ist. Ein gut diversifiziertes, auf Qualität ausgerichtetes Portfolio muss politische Rhetorik, temporäre Volatilität und Stimmungsumschwünge aushalten können. Denn an den Märkten gilt nach wie vor: Schlagzeilen kommen und gehen. Der langfristige Vermögensaufbau folgt nicht dem Takt der Schlagzeilen, sondern der Entwicklung realer Fundamentaldaten, Produktivität und der Wertschöpfung über die Zeit.

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