Hoch konzentriert
Text: Alessandro Sgro, Chief Investment Officer Cronberg AG
Es ist der höchste Wert seit Jahren: In den USA entfallen mittlerweile rund 40 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung auf die zehn grössten Unternehmen. In den sozialen Medien kursieren bereits «Meme», wonach nicht mehr der S&P 500 den Markt repräsentiert, sondern Nvidia selbst «der Markt» ist. Der Hype um Nvidias KI-Chips hat den Aktienkurs massiv steigen lassen und damit auch das Gewicht des Unternehmens im S&P 500 deutlich erhöht.
Diese Dominanz treibt die Gesamtentwicklung des Index spürbar an. Zu den weiteren Schwergewichten zählen Apple, Microsoft, Alphabet und Amazon. Vor zehn Jahren lag ihr gemeinsamer Anteil noch bei etwa 20 Prozent. Die Folge: Wer passiv über Indexfonds (ETFs) investiert, setzt heute fast die Hälfte seines US-Engagements auf wenige, sehr ähnliche Geschäftsmodelle – vor allem im Technologie- und Kommunikationssektor.
Dieses Phänomen ist kein rein amerikanisches. Auch in der Schweiz ist die Konzentration aussergewöhnlich hoch: Novartis, Nestlé und Roche stehen zusammen für 36 Prozent des Schweizer Aktienmarkts, die zehn grössten Titel kommen sogar für 65 Prozent. Wer also in den «Markt» investiert, hält in Wirklichkeit ein Portfolio, das stark von nur wenigen Unternehmen abhängt.
Passives Investieren – bequem, aber trügerisch
Die in den letzten Jahren stark gestiegene Popularität passiver Anlageinstrumente hat diesen Effekt verstärkt. Milliarden an Kapital fliessen regelmässig in Indexprodukte, die in der Regel nach Marktkapitalisierung gewichten. Steigt eine Aktie, erhöht sich ihr Indexgewicht, wodurch noch mehr Kapital nachfliesst. So entsteht eine Selbstverstärkungsschleife, die Kurse weiter hochtreibt, unabhängig von fundamentalen Bewertungen.
Passives Investieren ist bequem, günstig und funktioniert in Aufschwungphasen blendend – aber es erhöht auch das Klumpenrisiko. Wenn nur wenige Titel die Indizes dominieren, können bereits kleine Korrekturen dieser Schwergewichte den gesamten Markt nach unten ziehen. Anleger tragen diese Risiken unbewusst mit, weil sie glauben, breit diversifiziert zu sein, es in Wahrheit aber nicht mehr sind.
Hinzu kommt: Viele der stark gewichteten Unternehmen sind heute hoch bewertet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des S&P 500 liegt aktuell bei rund 40 – ein Niveau, das zuletzt um die Jahrtausendwende, kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase, erreicht wurde. Zwar sind die heutigen Tech-Giganten profitabel und global etabliert, doch auch sie sind nicht immun gegen konjunkturelle Abkühlungen oder Zinsveränderungen.
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Aktives Management ist gefragt
Gerade in einem solchen Umfeld ist aktives Asset Management entscheidend. Es ermöglicht, Risiken gezielt zu steuern, Klumpen zu reduzieren und auf Qualität statt Grösse zu setzen. Selektive Investments in Unternehmen mit robusten Geschäftsmodellen, klarer Preissetzungsmacht und gesunder Bilanzstruktur gewinnen an Bedeutung.
Ein aktiver Ansatz erlaubt zudem, Chancen ausserhalb der dominanten Sektoren wahrzunehmen – in Bereichen wie Industrie, Gesundheit, Infrastruktur oder spezialisierter Technologie. Diese Diversifikation schafft Resilienz und verhindert, dass einzelne Titel über die Performance eines ganzen Portfolios entscheiden.
Die beeindruckenden Indexstände täuschen über eine gefährliche Entwicklung hinweg: Die Märkte ruhen auf wenigen Schultern. Wer sein Vermögen langfristig stabil aufbauen möchte, sollte nicht auf die Illusion breiter Diversifikation hereinfallen. Passives Investieren ist nicht per se falsch – doch gerade jetzt braucht es einen risikobewussten Ansatz und eine gezielte Steuerung. Denn an der Börse gilt mehr denn je: Je konzentrierter der Markt, desto wichtiger ist die richtige Auswahl.