Vom Bündner Bauernhof bis nach Amsterdam
Text: stz.
Lärm, Abgase und Motorwärme gehören für viele Landwirte, Landschaftsgärtner und Mitarbeitende von Werkdiensten zum Alltag. Gerade an steilen Berghängen, Böschungen oder auf schmalen Wegen kommen häufig handgeführte Einachser mit Benzinmotor zum Einsatz.
Gian Caduff wusste aus eigener Erfahrung, wie unangenehm lange Arbeitstage hinter einer solchen Maschine sein können. Der Maschineningenieur ist auf einem Landwirtschaftsbetrieb aufgewachsen. Gemeinsam mit Daniel Vincenz und zwei weiteren Kollegen gründete er im bündnerischen Rueun das Maschinenbauunternehmen Novaziun. Aus einem alltäglichen Problem entstand schliesslich eine Geschäftsidee.
Zwei Stunden waren zu wenig
Die Idee, einen Einachser zu elektrifizieren, ist grundsätzlich nicht neu. Die Herausforderung liegt vielmehr darin, genügend Leistung und vor allem genügend Reichweite für den professionellen Einsatz bereitzustellen. Eine grössere Batterie erhöht zwar die Betriebsdauer, macht eine handgeführte Maschine aber gleichzeitig schwerer und schwieriger zu kontrollieren.
Auch die Bündner Entwickler machten zunächst die naheliegenden Versuche. Bei bestehenden Einachsern ersetzten sie den Verbrennungsmotor durch Batterie und Elektromotor. Das Ergebnis war zwar leise und lokal emissionsfrei, nach rund zwei Stunden Mähen war jedoch Schluss. Für professionelle Anwender war das zu wenig.
Novaziun entschied sich deshalb für einen radikaleren Ansatz. Statt ein bestehendes Konzept weiter umzubauen, entwickelte das Team eine komplett neue Maschine. 2023 begann die Arbeit am Monotrac praktisch auf dem weissen Blatt Papier.
Dadurch konnten Batterie, Elektromotor, Gewichtsverteilung und Konstruktion von Anfang an aufeinander abgestimmt werden. Das Resultat kann sich sehen lassen: Je nach Einsatz erreicht der elektrische Einachser heute eine Betriebsdauer von fünf bis neun Stunden. Damit lässt er sich auch für einen vollständigen professionellen Arbeitstag einsetzen.
Eine Maschine pro Woche aus der Surselva
Aus dem Entwicklungsprojekt ist inzwischen ein kleines Industriegeschäft geworden. In Rueun produziert Novaziun derzeit ungefähr einen Monotrac pro Woche. Und der Markt reicht längst über die Bündner Berge hinaus.
Maschinen aus der Surselva sind bereits in Deutschland und Österreich unterwegs. Einen besonders bemerkenswerten Kunden haben die Bündner zudem in den Niederlanden gewonnen: Auch die Stadt Amsterdam setzt den Monotrac ein.
Damit zeigt das Unternehmen exemplarisch, wie aus einem konkreten Anwenderproblem eine international vermarktbare Nischenlösung entstehen kann. Statt mit einem möglichst breiten Produktangebot anzutreten, konzentriert sich Novaziun auf eine Aufgabe, bei der herkömmliche Elektrogeräte bislang an Grenzen stiessen.
Mehr als nur ein Elektromäher
Der Monotrac soll dabei nicht auf das Mähen beschränkt bleiben. Die Maschine lässt sich auch zum Schneeräumen einsetzen. Selbst die Batterie erhält ausserhalb der Arbeitszeiten eine zusätzliche Funktion: Wird der Einachser nicht gebraucht, kann sie als Speicher für Solarstrom verwendet werden.
Für die Gründer besitzt das Projekt zudem eine regionalwirtschaftliche Dimension. Entwicklung und Produktion finden in der Surselva statt. Dadurch entstehen technische Arbeitsplätze in einer Region, in der entsprechende Stellen vergleichsweise rar sind.
Ausgerechnet die schwierigen Bedingungen der Bündner Berglandwirtschaft haben damit den Anstoss für eine technische Innovation gegeben, die inzwischen auch im flachen Amsterdam gefragt ist. Was mit dem Wunsch nach weniger Lärm, Abgasen und Hitze bei der Arbeit begann, ist für Novaziun zum Exportprodukt geworden.
Und vielleicht liegt gerade darin die interessanteste Unternehmergeschichte: Die Bündner haben nicht nach einer möglichst spektakulären Geschäftsidee gesucht. Sie haben ein Problem gelöst, das sie selbst gut kannten – und offenbar nicht nur sie.