28.08.2018

St.Galler Autor sensibilisiert für Armut

Leon ist 16 und rappt gerne. Dass seine Familie arm ist, weiss nicht einmal seine Freundin. Doch als ihnen die Wohnung gekündigt wird, droht alles aufzufliegen. Der Ostschweizer Autor Stephan Sigg (34) gibt mit seinem Jugendbuch „Noch 21 Tage“ einen Einblick in das Leben von armutsbetroffenen Kindern und Jugendlichen in der Schweiz. Am Donnerstag, 27. September, ist Vernissage in St.Gallen.

„Viele Jugendliche haben keine Ahnung, dass über 100 000 Menschen in ihrem Alter gesellschaftlich am Rand stehen“, sagt der St.Galler Autor. „Ich möchte sie dafür sensibilisieren.“

Armut ist oft unsichtbar
„In meinem neuen Jugendbuch geht es um ein Thema, von dem wohl viele Jugendliche noch kaum etwas gehört haben“, weiss Stephan Sigg (links im Bild). „Laut Statistik sind von den 1,2 Millionen, die von Armut betroffen oder gefährdet sind, etwa ein Viertel Kinder und Jugendliche. Doch natürlich würde ein armer Jugendlicher nie darüber sprechen. Sie tun alles, um den Schein zu wahren.“ Da im Alltag Armut somit nicht sichtbar sei und nicht darüber gesprochen werde, habe auch kaum ein Jugendlicher ein Bewusstsein dafür, wie verbreitet Armut in der reichen Schweiz sei. „Die Sicht von betroffenen Jugendlichen kommt in den Medien kaum vor. Mit meinem Buch möchte ich ihnen eine Stimme geben.“

Ihm sei es wichtig, mit seiner Geschichte einige Vorurteile aus der Welt zu räumen: „Beim Stichwort Armut denken viele Jugendliche automatisch an Afrika, Hungersnot oder die Bettler in der Fussgängerzone. Der Protagonist in meiner Geschichte ist ein ganz normaler Schweizer Jugendlicher, der von einer Karriere als Rapper träumt. Keiner würde ihm ansehen, was zuhause los ist und wie sehr ihn diese Situation unter Druck setzt.“ Anstatt sich um die Rapkarriere zu kümmern, muss er zum Beispiel auf seine jüngeren Geschwister aufpassen, während seine alleinerziehende Mutter arbeiten geht. „Und da ist immer die Angst, dass in seiner Klasse jemand die Wahrheit herausfindet.“

Die Macht der Instagram-Bilder
Die Geschichte ermögliche es, den Alltag aus der Perspektive eines Armutsbetroffenen zu erleben. „Die Jugendlichen bekommen so ziemlich direkt mit, was es heisst, in der Schweiz am gesellschaftlichen Rand zu stehen. Vieles, das für sie total selbstverständlich, ist für andere unerreichbar: das üppige Taschengeld, der Shoppingnachmittag, das Mittagessen im Fastfood-Lokal, in den Ferien wegfliegen …“ Jugendliche können Armut vielleicht nicht aus der Welt schaffen, aber durch mehr Respekt und Sensibilität Betroffenen ein bisschen den Druck nehmen. „Zum Beispiel auf Instagram“, so der St.Galler Autor, „Jugendliche dokumentieren via Instragram und WhatsApp fast nonstop ihren Alltag mit Fotos und Videos und zeigen, was sie alles haben und wie viel Aufregendes sie täglich erleben. Dass sie damit Jugendliche, die am gesellschaftlichen Rand stehen, noch mehr unter Druck setzen, ist ihnen wohl kaum bewusst. Die Betroffenen werden ständig daran erinnert, was ihnen alles verwehrt bleibt.“

Das Buch „Noch 21 Tage“ ist nur 60 Seiten lang. „Die Geschichte soll gezielt auch Jugendliche ansprechen, die nicht gerne lesen oder sich mit Lesen schwer tun“, erklärt Sigg. Die kompakte Geschichte eigne sich ideal für den Unterricht. Zum Buch gibt es kostenlose Unterrichtsmaterialien als Download. Er hofft, damit einen kleinen Beitrag zu leisten, dass mehr über die Kluft zwischen Arm und Reich gesprochen wird.

„Noch 21 Tage“, da bux Verlag, 60 Seiten, ISBN 978-3-906876-11-5, CHF 8.90, ab September erhältlich.

Vernissage:
Donnerstag, 27. September, Caritas-Markt, St.Gallen, 19.30 Uhr – Lesung, Podiumsgespräch mit Fachpersonen und Apéro

Über den da bux Verlag
„Wir hätten nie damit gerechnet, dass unsere Bücher so schnell ihr Publikum finden“, freut sich Alice Gabathuler (rechts im Bild), die 2016 zusammen mit Tom Zai (Bildmitte) aus Walenstadt und Stephan Sigg den da bux Verlag gegründet hat. „In der ganzen Schweiz arbeiten Lehrpersonen mit unseren Geschichten.“ Auch Feedbacks der Jugendlichen zeigen, dass die Bücher ankommen. Als einziger Schweizer Verlag hat es der da bux Verlag mit einem Buch auf die Shortlist für den Bookstar 2018 geschafft.

„Da waren wir wirklich baff“, beschreibt Alice Gabathuler den Moment, als in diesem Frühling die Shortlist mit den zwanzig Nominierten für den Jugendbuchwettbewerb Bookstar bekannt gegeben wurde. Mit dabei: „Hau ab, Bruderherz“ von Franco Supino. Die Geschichte, die Jugendlichen das Thema Migration näherbringt, wurde verlegt vom da bux Verlag. „Wir haben von Anfang an an diese aktuelle Geschichte geglaubt“, erklärt die Verlegerin, „Die Shortlist wird von Jugendlichen zusammengestellt. Sie wählen aus allen Jugendbuchneuerscheinungen im deutschsprachigen Raum die zwanzig besten Bücher aus.“ Für da bux sei das eine ganz besondere Ehre und wie „ein Ritterschlag“. „Bis Ende September können die Jugendlichen für ihr Lieblingsbuch voten, wir fiebern natürlich schon der Preisverleihung entgegen.“

Gentechnik für Jugendliche
Auch für die Edition 3, die anfangs September erscheint, hat das Verlagsteam ein abwechslungsreiches Themenmenü zusammengestellt und namhafte Autorinnen und Autoren verpflichtet: In „Monster im Dunkeln“ der Berner Autorin Karin Bachmann geht es um eine blinden Jugendlichen. Die bekannte Zürcher Autorin Katja Alves legt mit „Erwischt“ eine witzige Geschichte über eine Jugendliche mit portugiesischen Wurzeln vor. Die Ostschweiz ist gleich zwei Mal vertreten: Der Thurgauer Autor Severin Schwendener regt die Jugendlichen mit seiner packenden Geschichte „Biohacker“ über Möglichkeiten und Grenzen von Gentechnik zum Denken an und Stephan Sigg gibt in „Noch 21 Tage“ Einblicke in den Alltag eines Jugendlichen, der von Armut betroffen ist.

Innovation aus der Ostschweiz
„Es läuft besser als wir es in unseren kühnsten Träumen ausgemalt hätten“, sagt Alice Gabathuler, „Die Lehrpersonen wissen unser Gesamtpaket zu schätzen: Sie bekommen Unterrichtsmaterialien zum Buch kostenlos dazu und können die Autoren zu Lesungen oder Workshops einladen.“ Der Businessplan, den das Verlagstrio vor der Gründung ausgearbeitet hat, scheint aufzugehen. Noch vor drei Jahren lag der Schweizer Jugendbuchbereich komplett brach. „Inzwischen werden wir sogar für Referate und Workshops für Unternehmer in anderen Branchen eingeladen“, erzählt die Verlegerin und fügt lachend hinzu: „Ein junger Verlag aus der Ostschweiz, der im digitalen Zeitalter die Buchbranche aufrollt – das scheint zu beeindrucken. Natürlich braucht es ein bisschen Verrücktheit, um so etwas zu starten. Wir selber sehen uns als eine Buch-Band, die noch für viel Wirbel sorgen will.“

www.dabux.ch