Pfister öffnet die Pflichtlager
Text: stz.
Roland Pfister steht seit knapp einem Jahr an der Spitze jener Organisation, die eingreift, wenn die Wirtschaft die Versorgung der Schweiz mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen nicht mehr allein sicherstellen kann. Nun hat der Delegierte für wirtschaftliche Landesversorgung erstmals in diesem Umfang den Bezug von Protein-Futtermitteln aus den Pflichtlagern bewilligt.
Ab dem 1. September dürfen bis spätestens Ende Februar 2027 maximal 20 Prozent der eingelagerten Gesamtmenge bezogen werden. Das entspricht laut dem Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung fast 16'000 Tonnen.
Die Massnahme ist zeitlich und mengenmässig begrenzt. Sollte sich die Lage weiter verschärfen, könnte Wirtschaftsminister Guy Parmelin per Verordnung die gesamte Menge der Pflichtlager freigeben.
Transportwege werden zum Nadelöhr
Der Engpass ist nicht auf eine weltweite Knappheit zurückzuführen. Auf dem Weltmarkt stehen derzeit genügend Proteinträger zur Verfügung. Probleme bereitet vielmehr der Transport in die Schweiz.
Wegen der tiefen Wasserstände können auf Rhein und Donau seit Wochen deutlich weniger Güter befördert werden. Gleichzeitig sind Strasse und Schiene stärker ausgelastet, weil auch andere Waren auf diese Verkehrswege ausweichen. Den Schweizer Importeuren gelingt es deshalb gegenwärtig nicht, genügend Protein-Futtermittel ins Land zu bringen.
Zusätzlich hat die anhaltende Trockenheit das Angebot an Raufutter reduziert. Dadurch steigt die Bedeutung eiweissreicher Ergänzungsfuttermittel weiter.
Besonders wichtig ist Sojaschrot. Es entsteht bei der Gewinnung von Sojaöl als Rückstand aus der Verarbeitung von Sojabohnen und dient als Proteinquelle in der Tierfütterung. Die Schweiz ist bei Sojaschrot fast vollständig von Importen abhängig.
Die Pflichtlager für Protein-Futtermittel sind auf eine Bedarfsdeckung von zwei Monaten ausgerichtet. Wie alle Pflichtlager befinden sie sich nicht im Eigentum des Bundes, sondern gehören den beteiligten Unternehmen. Der Staat legt die Vorgaben fest und entscheidet in einer Mangellage über einen befristeten Zugriff.
Ostschweizer Krisenmanager an zentraler Stelle
oland Pfister wurde vom Bundesrat per 1. Oktober 2025 zum Delegierten für wirtschaftliche Landesversorgung und damit zugleich zum Direktor des Bundesamtes ernannt. Der promovierte Ökonom lebt mit seiner Familie in Gommiswald und war bis Ende 2024 Mitglied des dortigen Gemeinderates.
Pfister studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität St.Gallen und an der University of California. 2013 erwarb er an der HSG den Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften. Nach Tätigkeiten in der Unternehmensberatung und im Finanzsektor arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität St.Gallen.
Seine weitere Laufbahn führte ihn in die Lebensmittelindustrie. 2014 übernahm Pfister die Leitung der Marketing- und Unternehmenskommunikation der Micarna mit Standorten in Bazenheid und Courtepin. 2020 wurde er Direktor Unternehmenskommunikation der Migros Industrie, ab 2023 war er stellvertretender Leiter des Nationalen Krisenstabs beim Migros-Genossenschafts-Bund. Zudem ist Pfister Oberst im Generalstab der Schweizer Armee. Der Bundesrat bezeichnete ihn bei seiner Ernennung als erfahrenen Krisenmanager und Führungsexperten aus Industrie und Militär.
Vorsorge für Öl, Gas und Lebensmittel
Pfister und seine Organisation sind derzeit an mehreren Fronten gefordert. Neben den Folgen des Extremsommers beobachtet die Wirtschaftliche Landesversorgung die geopolitischen Risiken für die Mineralölversorgung. Für September ist die Versorgung nach aktueller Einschätzung sichergestellt. Wegen der unsicheren internationalen Lage sind verlässliche Prognosen jedoch jeweils nur für wenige Wochen möglich.
Auch beim Gas erhöht die Schweiz ihre Vorsorge für den kommenden Winter. Tiefe Speicherstände in Europa und geopolitische Unsicherheiten erschweren die Vorbereitung. Da die Schweiz über keine eigenen saisonalen Gasspeicher verfügt, ist sie vollständig auf Importe und ausländische Speicherkapazitäten angewiesen.
Zusätzlich zu den vorgeschriebenen Gasreserven hat die Branche in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftlichen Landesversorgung neue Bezugsoptionen geschaffen. Damit könnte bei Bedarf Gas, das von Frankreich durch die Schweiz nach Italien transportiert wird, für die Versorgung im Inland genutzt werden. Das abgesicherte Volumen entspricht ungefähr einem Zehntel des schweizerischen Winterverbrauchs. Eine unmittelbar bevorstehende Gasmangellage sei daraus jedoch nicht abzuleiten, hält das BWL fest.