Gast-Kommentar

«Menschen lassen sich nicht neu starten»

«Menschen lassen sich nicht neu starten»
Isabelle Helbling ist Consultant bei der GU Sicherheit & Partner AG in Wil. Sie berät Unternehmen beim Aufbau von Krisenorganisationen, konzipiert Schulungen und Übungen und unterstützt als Mitglied des 7/24-Teams im akuten Krisenfall, insbesondere in der Krisenkommunikation
Lesezeit: 3 Minuten

Nach einem Cyberangriff werden Server wiederhergestellt, Passwörter geändert und Sicherheitslücken geschlossen. Doch für die Menschen im Unternehmen kann die Krise weitergehen. Erschöpfung, Angst und Schuldgefühle verschwinden mit keinem Softwareupdate. Wer seine Mitarbeiter dabei alleinlässt, riskiert den nächsten Schaden, warnt Krisenberaterin Isabelle Helbling.

Text: Isabelle Helbling

Wenn ein Unternehmen von einem Cyberangriff getroffen wird, drängen sich zunächst technische Fragen auf: Welche Systeme sind betroffen? Welche Daten wurden gestohlen? Wann können wir wieder arbeiten? Diese Fragen sind dringend. Doch während Spezialisten den Angriff untersuchen und den Betrieb wiederherstellen, geraten Menschen an ihre Belastungsgrenzen.

In unserer Begleitung betroffener Unternehmen erleben wir immer wieder, wie gross der Druck wird. IT-Verantwortliche arbeiten unter Hochspannung. Geschäftsführer fürchten um ihr Lebenswerk. Mitarbeiter fragen sich, ob ein unbedachter Klick die Katastrophe ausgelöst hat. Schlafmangel, Schuldgefühle und Existenzängste gehören zu den Folgen, die in keiner Übersicht über ausgefallene Systeme auftauchen.

Genau hier liegt ein blinder Fleck vieler Krisenpläne: Die Wiederherstellung der Technik ist organisiert. Wer sich um die Menschen kümmert, bleibt offen.

Die IT steht dabei besonders unter Druck. Seit der ersten Alarmmeldung versucht sie, das Ausmass zu verstehen, Schäden zu begrenzen und Lösungen zu finden. Auf einen Fortschritt folgt der nächste Rückschlag. Gleichzeitig erwarten Geschäftsleitung und Belegschaft Antworten. Wer so arbeitet, braucht irgendwann jemanden, der eine Ablösung organisiert und auf Erholung besteht.

Auch Unternehmer und Führungskräfte können an ihre Grenzen kommen

Sie tragen Verantwortung für Arbeitsplätze, Kunden und die Zukunft des Betriebs. Sie müssen weitreichende Entscheidungen treffen, obwohl wichtige Informationen fehlen. Dazu kommt die quälende Frage, ob sich der Angriff hätte verhindern lassen. Gerade wer nach aussen Zuversicht vermitteln soll, kann sich in dieser Situation sehr allein fühlen.

Besonders belastend ist die Lage für Mitarbeiter, die sich selbst für den Angriff verantwortlich machen. Vielleicht haben sie Zugangsdaten auf einer gefälschten Website eingegeben. Vielleicht vermuten sie es auch nur. Aus Unsicherheit können Scham und massive Selbstvorwürfe entstehen.

Ein Unternehmen muss die Ursachen eines Angriffs sorgfältig aufklären. Dabei braucht es Sachlichkeit und einen respektvollen Umgang mit den Beteiligten. Wer vorschnell einen Schuldigen präsentiert, verschärft die Belastung und erschwert eine offene Aufarbeitung. Entscheidend ist, wie der Angriff möglich wurde und welche Schutzmassnahmen künftig besser greifen müssen.

Dass diese menschlichen Folgen ernst zu nehmen sind, unterstreicht auch die Forschung. Eine 2024 im «Journal of Cybersecurity» veröffentlichte Untersuchung von Gareth Mott und weiteren Forschern stützt sich auf Interviews und Workshops mit insgesamt 83 Fachleuten, darunter Vertreter betroffener Organisationen. Sie beschreibt erhebliche psychische und körperliche Belastungen und zeigt, welche Rolle Vorbereitung, Führungskultur und Krisenkommunikation spielen.

Für Unternehmensleitungen folgt daraus eine konkrete Aufgabe: Sie müssen die Belastbarkeit ihrer Teams in die Krisenbewältigung einplanen. Dazu gehören geregelte Ablösungen, verbindliche Pausen und klare Prioritäten. Was muss heute erledigt werden? Was kann warten? Wer übernimmt, wenn eine Schlüsselperson ausfällt? Solche Fragen gehören ebenso in den Krisenstab wie der Stand der technischen Wiederherstellung.

OD  La Culina  

Genauso wichtig ist eine verständliche interne Kommunikation

Mitarbeiter brauchen Orientierung: Was wissen wir? Was ist noch unklar? Welche Abläufe gelten vorübergehend? Neue Sicherheitsvorgaben lassen sich besser nachvollziehen, wenn ihr Zweck erklärt wird. Und wer Unterstützung benötigt, sollte wissen, wo er sie vertraulich erhält.

Auch nach dem technischen Neustart bleibt Führungsarbeit nötig. Die Beteiligten brauchen Gelegenheit, den Ablauf gemeinsam aufzuarbeiten, offene Fragen zu klären und ihre Erfahrungen einzubringen. Psychologische Unterstützung sollte bei Bedarf zugänglich sein. Wertschätzung zeigt sich dabei besonders darin, ob ein Unternehmen seinen Mitarbeitern tatsächlich Zeit zur Erholung gibt.

Diese Vorbereitung beginnt vor dem Ernstfall. Zuständigkeiten müssen geklärt, Stellvertretungen organisiert und Krisenabläufe geübt werden. Zur Sicherheitskultur gehört auch, dass Mitarbeiter Fehler und verdächtige Vorgänge früh melden können, ohne vorschnelle Verurteilungen befürchten zu müssen.

Ein Cyberangriff ist für ein Unternehmen erst dann bewältigt, wenn auch die Menschen wieder tragfähig arbeiten können. Deshalb gehört neben jede Frage nach dem Zustand der Systeme eine zweite: Wie geht es denjenigen, die unseren Betrieb gerade retten?

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