Leader-Zeit
Text: Louis Grosjean, Partner altrimo
Heute wagen wir uns an ein kritisches Leadership-Thema: die Zeit.
Um es vorwegzunehmen: Ich werde nicht erklären, warum Leader Ich-Zeit brauchen, warum sie auf ihre Ressourcen achten, warum sie sich «Zeit freischaufeln» sollen. Die Moral lasse ich aussen vor. Zeit ist für Leader knapp, Punkt. Was fangen wir also mit der uns gegebenen Zeit an?
Zu dieser Frage gibt es eine Vielfalt von Antworten. Ich erwähne drei philosophische Positionen und leite jeweils eine mögliche Antwort her. Der Leser soll dann die Antwort nehmen, die ihm passt – oder seine eigene entwickeln, umso besser.
Aristoteles: Zeit für Veränderung
Für Aristoteles, den griechischen Philosophen aus dem 4. Jahrhundert vor Christus, war Zeit ein Kriterium, mit dem wir Bewegungen messen und strukturieren. Zeit ist also die Bedingung für Veränderung.
Leader sind Faktoren der Veränderung. Sie müssen sich fragen, wie schnell sie etwas verändern wollen. Das ruft die Dimension Zeit auf den Plan. Bin ich zu schnell, verliere ich die Mitmenschen. Bin ich zu langsam, laufe ich Gefahr, meine Bemühungen versanden zu lassen. Die richtige Zeitdosis macht es aus.
Im aristotelischen Sinne lautet eine mögliche Antwort wie folgt: Meine Zeit als Leader soll ich für eine gut dosierte Menge an Veränderungen nutzen.
Augustinus: Erlebte Zeit
Augustinus, einer der Kirchenväter und Philosoph der Spätantike, schrieb in seinem Werk «Confessiones»: «Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiss ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiss ich es nicht.» Er unterschied zwischen physikalischer und erlebter Zeit. Die erlebte Zeit ist nach Augustinus subjektiv: Unser Bezug zur Vergangenheit sei die Erinnerung, zur Gegenwart die Anschauung und zur Zukunft die Erwartung.
Mit der Erinnerung bin ich einverstanden. Als Leader möchte ich doch etwas bewirken, das erinnerungswürdig ist.
Mit der Anschauung habe ich meine Mühe, ist sie mir doch zu passiv; im Leadership-Kontext würde ich zumindest ergänzend von Handlung sprechen. Die Gegenwart ist Handlung.
Auch die augustinische Erwartung ist mir etwas zu passiv. Klar, ich kann eine gewisse Entwicklung der Lage erwarten oder Erwartungen an andere haben. Aber als Leader muss ich doch den Anspruch haben, die Entwicklung zu prägen. Daher würde ich zumindest ergänzend von Beeinflussung sprechen.
Erinnerung – Handlung – Beeinflussung. Ich bin als Leader da, um Erinnerungswürdiges zu schaffen, um zu handeln und um die Zukunft zu beeinflussen. Dieser angepasste augustinische Dreiklang liefert eine mögliche Antwort auf die Frage, was Leader mit ihrer Leadership-Zeit anfangen sollen.
Malraux: Bedeutung und Hoffnung
Meine letzte Antwort stammt nicht von einem eigentlichen Philosophen, sondern vom politisch engagierten Schriftsteller André Malraux. Im Roman «La Condition humaine» («So lebt der Mensch») lässt er einen zum Tode verurteilten Revolutions-Leader sein Handeln Revue passieren. Wenn der Mensch vor dem Tod steht, nimmt die Zeit eine dringende, tragische Dimension an. Ich lasse die Textstelle bewusst unkommentiert – sie spricht für sich:
«Er hatte für das gekämpft, was in seiner Zeit die tiefste Bedeutung trug und die grösste Hoffnung versprach. Er starb unter Menschen, mit denen er hätte leben wollen. Er starb, weil er seinem Leben einen Sinn gegeben hatte. Was wäre ein Leben wert, für das man nicht bereit wäre zu sterben?»