Lachen Sie genug?
Text: Louis Grosjean, Partner altrimo
Vor ein paar Monaten hörte ich im geschäftlichen Kontext einen seltsamen Vorwurf in einer Diskussion: Ein Teilnehmer warf dem anderen vor, er lache zu viel. Als ich das hörte, war ich perplex: Wie musste ich das einordnen?
Die Antwort kam diesen Sommer mit dem Buch «Trotzdem lachen» des zeitgenössischen Philosophen und Journalisten Yves Bossart.
Lachen ist für vieles gut
Wenn wir lachen, kann das gemäss Yves Bossart mehrere Gründe haben. Kinder lachen beim Spielen. Sie ahmen eine ernsthafte Situation nach, z. B. bei einer Wasserpistolen-Schlacht. Mit dem Lachen kommunizieren sie: Ich tue dir nichts, du bist okay, wir spielen ja nur. Es ist nicht ernst. Lachen gibt eine sichere Zone zu erkennen.
Lachen schafft auch Nähe. Gemeinsam über eine absurde Situation zu lachen, bedeutet, gemeinsame Gefühle zu erleben. Gleichzeitig ist es ein gemeinsames Urteil über eine Situation. Durch das Lachen stärken Menschen ihre Beziehung zueinander.
Lachen kann auch Distanzierung bedeuten. Wenn ich über etwas lache, signalisiere ich, dass ich es nicht so ernst nehme. Dass ich nicht verkrampft versuche, alles über eine Situation zu verstehen, sondern deren Absurdität akzeptiere.
Diktatoren vs. Humor
Es kommt nicht von ungefähr: Das Lachen hat in Diktaturen einen schweren Stand. Wenn ich lache, zeige ich, dass ich keine Angst habe. Ich strahle eine gewisse Überlegenheit aus: Die Situation, in der ich lache, kann mir nichts anhaben.
Das mögen Diktatoren nicht. Ohne Angst, ohne Ernst, ohne Unterlegenheit der Bürger lässt sich keine Diktatur aufrechterhalten. Deshalb war es ein Geniestreich von Chaplin, den Film «Der grosse Diktator» mit vielen humoristischen Situationen über Hitler und Mussolini zu spicken. Und deshalb wurde dieser Film in Nazi-Deutschland verboten.
Zurück zum ursprünglichen «Zuviel-Lachen-Vorwurf» im Gespräch. Die Antwort ist simpel. Der Autor des Vorwurfs verhält sich regelmässig aggressiv und dominant. Er weist deutliche narzisstische Züge auf. Das Lachen seines Gegenübers störte ihn: Es sollte ihn entwaffnen.