Gast-Kommentar

Der Zauberlehrling

Der Zauberlehrling
Louis Grosjean
Lesezeit: 3 Minuten

Unsere Arbeitswelt erlebt derzeit eine Revolution. KI übernimmt viele Arbeitsschritte, ja ganze Berufsbilder. Was bleibt uns Menschen? Was sollen wir unseren Kindern raten, wenn es um die berufliche Ausbildung geht? Antworten sucht Louis Grosjean in unserer Serie «LEADER-Philosophie».

Text: Louis Grosjean, Partner altrimo

Hätte man vor zehn Jahren vernünftige Eltern gefragt, was ihre Kinder studieren sollen, so wäre die Antwort bestimmt eher Computerwissenschaften als Philosophie gewesen. Die Entwicklung kam anders.

Gemäss einer in diesem Jahr publizierten Studie der Federal Reserve Bank of New York lag 2024 die Arbeitslosenquote der Absolventen des Studienfachs Computerwissenschaften bei 7,0 Prozent, jene der Philosophieabsolventen hingegen bei signifikant tieferen 5,1 Prozent. Viele Absolventen des Philosophiestudiums werden von KI-Firmen angeheuert. Die Arbeit von Computerprogrammierern hingegen wird von KI übernommen.

Die neuen KI-Könige

Tatsächlich haben Philosophiestudenten einen Vorteil: Während Tech-Freaks das «Wie» auf der Grundlage von Wissen erlernen, profitieren Philosophiestudenten von dem kritischen Denkvermögen, das sie während ihrer Ausbildung erwerben. Das merken auch die KI-Giganten: Das Denken, auch jenes einer KI, wird von Werten und Haltungen gelenkt.

Diese Entwicklung ist begrüssenswert. Nachdem das Internet uns das Wissen abgenommen hat, dringt KI unweigerlich in unsere Denkprozesse ein. Wer Antworten auf komplexe Fragen sucht, findet diese bei KI-Anwendungen. Man mag diese Delegation des Denkens an KI für bedauernswert halten, doch sie findet statt. Umso besser ist es, wenn die Antworten der KI-Modelle nicht von Tech-Freaks gesteuert werden, sondern von Philosophen.

Der griechische Philosoph Platon sagte einmal, Staaten würden von ihren Problemen erst erlöst sein, wenn Philosophen Könige oder Herrscher zu Philosophen würden. Ganz so weit ist es nicht gekommen, aber an der heutigen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt hätte er seine Freude.

Immo Vision 26  

Welche Berufe haben Zukunft?

Damit verbunden ist die Frage, was heutige Eltern ihren Kindern raten können, wenn es um die berufliche Ausbildung geht. Philosophie ist eine mögliche Antwort. Aber auch dort werden die Modelle möglicherweise die gesamte philosophische Wissensbasis erschliessen und die Arbeit von Menschen vielleicht ersetzen können.

Was bleibt, sind zwei berufliche Ausrichtungen. Zum einen gibt es das Handwerk. Ich rede nicht von Fabrikarbeit in grossen Industriebetrieben. Auch dort übernehmen Maschinen zunehmend die Steuerung. Ich spreche vom Handwerk in kleinen Betrieben: von Schreinereien, dem Baugewerbe, Gärtnereien usw. Zwar können Computer die zeichnerische Gestaltung oder die Arbeitsplanung unterstützen. Ausführen müssen die Arbeiten jedoch in weiten Teilen Menschen.

Zum anderen bleibt die Arbeit mit anderen Menschen eine Domäne des Menschen. In der Pflege und in der Sozialarbeit können Programme die Analyse unterstützen. Die Wärme und die Einfühlsamkeit eines Mitmenschen sind allerdings nicht durch Roboter zu ersetzen.

Kopf, Herz und Hand

Was unterscheidet Jobs, die von KI übernommen werden, von Jobs, die dem Menschen vorbehalten bleiben? Erstere sind überall dort zu finden, wo grosse Datenmengen der Arbeit zugrunde liegen. In der Datenverarbeitung ist der Mensch mittlerweile nicht mehr konkurrenzfähig. Wo nur der Kopf arbeitet, kann und wird KI mit der Zeit die Arbeit übernehmen.

Wo hingegen Vertrauen an erster Stelle steht, bleibt der Mensch zentral. Mein Gegenüber ist aus Fleisch und Blut. Ich kann ihn spüren und, falls er mich hintergeht, zur Rechenschaft ziehen. Mit einem Computerprogramm kann ich das nicht tun. Um mit der körperlichen Metapher fortzufahren: Berufe, in denen Kopf, Herz und Hand miteinander verbunden werden, haben weiterhin Zukunft.

«Die ich rief, die Geister, / Werd’ ich nun nicht los», lautet die bekannteste Stelle aus Goethes Ballade «Der Zauberlehrling», verfilmt von Walt Disney. Die Geister der KI sind gekommen, um zu bleiben. Es ist Zeit, darüber nachzudenken, welche Domänen der Arbeitswelt wir Menschen unser Eigen nennen.

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