«Wehtun»
Text: Louis Grosjean, Partner altrimo
Die geopolitische Aktualität schmerzt.
Präsident Wladimir Putin hat seine Angriffe auf die zivile Bevölkerung und Infrastruktur in der Ukraine mittels verbesserter Drohnentechnologie und gesteigerter Drohnenproduktion intensiviert. Präsident Donald Trump schlägt Warnungen vor der Machtübernahme durch künstliche Intelligenz und insbesondere vor deren militärischen Anwendungen in den Wind: Es gelte, China auf diesem Feld zu schlagen.
Das kann uns nicht gleichgültig sein. Mit höchster Technologie nehmen Machthaber immer mehr Schmerz in Kauf, ja fügen ihn absichtlich anderen zu, um ihre Macht zu erhalten oder auszuweiten. In diesem bescheidenen Rahmen will ich versuchen, eine Erklärung anhand von Nietzsches Philosophie zu geben.
Erhalt der Spezies durch den Willen zur Macht
Friedrich Nietzsche ist ein kontrovers diskutierter Philosoph aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er hat mehrere Werke veröffentlicht, darunter «Die fröhliche Wissenschaft». In diesem Werk vertritt er ein paar interessante Thesen zu unserem Thema.
In den ersten Sätzen des Buches sagt uns Nietzsche sinngemäss: Oberstes Ziel einer Spezies sei deren Erhalt, nicht die Nächstenliebe. Das entspringe unserem kräftigsten, unverrückbaren Grundinstinkt.
Im 4. Aphorismus («Unterkapitel») des ersten Buches, genannt «Das Arterhaltende», postuliert Nietzsche, die stärksten und bösesten Geister der Menschheit hätten am meisten zu ihrem Fortschritt beigetragen. Neues komme aus Bösem.
Im 13. Aphorismus des ersten Buches, genannt «Zur Lehre vom Machtgefühl», analysiert Nietzsche zwei Mittel der Macht: das Wehtun und das Wohltun. Wehtun sei das viel effektivere Mittel, um jemandem die eigene Macht spürbar zu machen. Wohltun hingegen würden wir verwenden, um die Abhängigkeit anderer deutlich zu machen und durch diese gestärkte Abhängigkeit unsere Macht zu vergrössern.
Die Herleitung Nietzsches ist eine Kriegserklärung an die christliche Moral, ja an alle dem «Guten im Menschen» verpflichteten Religionen und Philosophien. Nicht von ungefähr hat Nietzsche andernorts geschrieben: «Gott ist tot.»
Können wir diese Herleitung auf die geopolitische Aktualität anwenden? Und wie steht es um unser unternehmerisches Handeln?
Wehtun erzeugt Furcht
Wir beobachten in der Tat eine Art «Chicken Game». Duckt sich Putin oder Selenski, verliert er nicht nur den Krieg, sondern vermutlich auch das Amt. KI-Technologie dürfte im Wirtschaftskrieg zwischen den USA und China, aber auch bei einer allfälligen Invasion Taiwans die Entscheidung herbeiführen. Dabei wird die Entfesselung einer exponentiell steigenden Zerstörungsmacht in Kauf genommen.
Schmerz erzeugt Furcht. Furcht dient der Macht. Es scheint, als kämen die bösesten Gestalten an die Macht und als würden diese das Schicksal der Menschheit am stärksten prägen. Ganz wie von Nietzsche postuliert.
Und in Unternehmen?
Unternehmen sind so divers, wie sie zahlreich sind. Macht- und kampforientierte Unternehmenskulturen gibt es. Harmonieorientierte Unternehmenskulturen auch. Wo Nietzsche recht haben könnte: Einige Unternehmen, die einen technologischen Quantensprung geschafft haben, wurden oder werden durchaus von machtbewussten, ja verletzenden Persönlichkeiten geführt. Denken wir an Elon Musk mit Tesla und SpaceX, Steve Jobs mit Apple, Travis Kalanick mit Uber oder, früher, Thomas Edison.
Was können wir daraus ableiten?
Sicher kein allgemeines Plädoyer für Machtbesessenheit auf Kosten der Mitarbeiter. Jedes Unternehmen hat seine Kultur. Nicht jedes Unternehmen ist berufen, das Schicksal der Menschheit zu prägen. Jedoch kann man in den Aussagen Nietzsches ein Argument für Konfrontation erblicken: Reibung erzeugt Hitze. Konflikt kann ein Unternehmen weiterbringen.