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Die Ostschweiz bewegt auch über den Wolken

Die Ostschweiz bewegt auch über den Wolken
Ivo Reich
Lesezeit: 4 Minuten

Ein Bauteil aus Diepoldsau sorgt weltweit dafür, dass sich Rückenlehnen in Flugzeugen komfortabel und zuverlässig verstellen lassen. Die Mesag-System AG fertigt den «Aktuator N2-LOK» seit 1994 in der Schweiz. CEO Ivo Reich über Spezialisierung, internationale Konkurrenz und die Chancen von Swiss Made.

Es ist ein Handgriff, über den sich kaum je ein Passagier Gedanken macht: Ein Knopfdruck genügt, die Rückenlehne gibt nach und bleibt in der gewünschten Position. Was selbstverständlich wirkt, ist präzise Mechanik aus Diepoldsau. Hier fertigt die Mesag-System AG den N2-LOK, einen blockierbaren Aktuator für Flugzeugsitze. Druckknopf und Seilzug öffnen ein Ventil, die Lehne lässt sich bewegen und wieder arretieren.

«Wir müssen die entscheidenden Funktionen besser beherrschen als die Konkurrenz.»

Vom Verstellelement zum Luftfahrtspezialisten

«Unser Produkt ist klein und praktisch unsichtbar. Seine Funktion muss aber auf jedem Flug zuverlässig zur Verfügung stehen», sagt CEO Ivo Reich. Das macht N2-LOK zu einem typischen Produkt der Ostschweizer Präzisionsindustrie: Seine Komponenten aus Aluminiumlegierung, Stahl und Kunststoff müssen über Jahre zuverlässig und bei möglichst geringem Gewicht zusammenspielen.

Seit 1994 bietet Mesag den N2-LOK für Flugzeugsitze an. Das Unternehmen bezeichnet sich als führenden Anbieter dieses Aktuatortyps. Für Reich ist dies das Ergebnis bewusster Konzentration: «Wir müssen nicht möglichst viele Produkte anbieten. Entscheidend ist, dass wir unsere Funktion beherrschen und weiterentwickeln.» Mesag verkauft keinen Sitz, sondern eine Funktion, die andere Hersteller integrieren.

Wer mit Mesag fliegt

Bei welchen Airlines N2-LOK heute mitfliegt, lässt sich nicht mit einer Kundenliste beantworten, denn Mesag arbeitet vor allem mit Sitzherstellern. Diese passen ihre Sitzfamilien an Airlines, Flugzeugtypen und Kabinenklassen an. «Eine Airline kann verschiedene Flugzeugtypen, Sitzhersteller und Generationen einsetzen», erklärt Reich. «Darum ist die konkrete Konfiguration entscheidend.» Kundenbeziehungen und laufende Programme bleiben zudem häufig vertraulich.

Diese indirekte Marktposition prägt auch den Auftritt des Unternehmens. Mesag bleibt für Passagiere meist unsichtbar, muss bei Entwicklern, Einkäufern und Technikern der Sitzhersteller aber früh präsent sein. Denn über das Bauteil wird nicht erst entschieden, wenn der fertige Sitz in der Kabine steht, sondern bereits während Entwicklung, Erprobung und Zulassung einer Plattform.

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Warum Sitzhersteller zukaufen

Weshalb fertigen Sitzkonzerne das Bauteil nicht selbst? «Sie könnten die Kompetenz aufbauen», sagt Reich. «Die Frage ist, ob das bei jedem Spezialteil wirtschaftlich und technologisch sinnvoll ist.» Denn ein Flugzeugsitz vereint Struktur, Polster, Gurte, Tische, Mechanik und Elektronik. Der Hersteller entwickelt, prüft und zertifiziert das Gesamtsystem. Für Spezialfunktionen nutzt er Lieferanten, die ihr Wissen in mehrere Programme einbringen.

Beim Aktuator zählen reproduzierbare Kräfte, Dichtheit, Ventiltechnik, Lebensdauer und Serienqualität. Dazu kommen Prüfung, Dokumentation und Rückverfolgbarkeit. Die Mesag konzentriert ihre Erfahrung darauf; der Sitzhersteller müsste sie für eines von vielen Bauteilen selbst aufbauen.

Auch ein Lieferantenwechsel kann aufwendig werden. Je nach Zulassungsbasis müssen Flugzeugsitze dynamische Nachweise erbringen. Die US-Luftfahrtbehörde FAA etwa lässt dabei zwar auch Berechnungsmodelle zu, verlangt jedoch, dass diese durch dynamische Tests validiert werden. Ein neues Bauteil kann deshalb zusätzliche Prüfungen, Dokumentationen und Anpassungen im Ersatzteilwesen auslösen. «Wir liefern nicht nur einen Aktuator, sondern eine qualifizierte Funktion und begleiten sie langfristig», sagt Reich. Darum kann das kleine Bauteil wertvoller sein, als seine Abmessungen vermuten lassen.

Konkurrenz aus zwei Richtungen

Mesag bewegt sich in einem internationalen Markt. Mitbewerber wie Stabilus oder Camloc Motion Control führen ebenfalls blockierbare Gasfedern und Lösungen zur Sitzverstellung. Nicht jedes Produkt ist allerdings bei Abmessungen, Kraftkennlinie, Gewicht und Zulassung direkt austauschbar. «Der Kunde braucht genau die Lösung, die zu seinem Sitz passt, dokumentiert ist und langfristig betreut wird», sagt Reich. Wer in einer Plattform qualifiziert ist und verlässlich liefert, schafft eine technische Wechselhürde.

Konkurrenz kommt auch von anderen Technologien: In Premiumsitzen steuern elektromechanische Systeme mehrere Bewegungen bis zum flachen Bett. In der Economy Class sprechen einfacher Aufbau, geringes Gewicht und tiefer Energiebedarf für mechanische Lösungen.

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«Über das Bauteil wird nicht erst entschieden, wenn der fertige Sitz in der Kabine steht.»

Warum Swiss Made bestehen kann

Beim Stückpreis ist die Schweiz kaum am günstigsten. Für Reich zählt eine andere Rechnung: «‹Made in Switzerland› setzt sich nicht allein über den Preis durch. Entscheidend sind Präzision, Verlässlichkeit, Flexibilität und Service.» Eine klemmende Lehne verursacht Wartungsaufwand und kann einen Sitz unbenutzbar machen. Auch ein Lieferantenwechsel kostet. Darum zählen neben dem Preis Zuverlässigkeit, Rückverfolgbarkeit, konstante Qualität und langfristige Verfügbarkeit.

Die Stärke von Diepoldsau sieht Reich in kurzen Entscheidungswegen und der Nähe von technischem Wissen, Fertigung und Kundenbetreuung. Die Mesag bringt es so auf den Punkt: «Qualität und Service sind unser Produkt.» Das Schweizer Kreuz allein verkauft allerdings noch kein Bauteil; Swiss Made wird zum Vorteil, wenn messbare Leistung Risiken und Folgekosten reduziert. «Wir wollen nicht überall der günstigste Anbieter sein. Unser Ziel ist, über den gesamten Lebenszyklus die verlässlichste Lösung zu bieten.»

Klein im Sitz, gross in der Lieferkette

Die Mesag steht beispielhaft für Ostschweizer Industrieunternehmen, deren Produkte weltweit unterwegs sind, obwohl ihr Name beim Endkunden kaum bekannt ist. Der N2-LOK ist kein spektakuläres Kabinendesign. Er ist ein präzises Funktionsteil, dessen Qualität sich gerade darin zeigt, dass es unauffällig arbeitet.

Der Markt bleibt anspruchsvoll: Gefragt sind leichtere und wirtschaftlichere Lösungen, zugleich steigen die Ansprüche an Komfort, Sicherheit und dokumentierte Qualität. «Wir müssen die entscheidenden Funktionen unseres Produkts besser beherrschen als die Konkurrenz und erreichbar sein, wenn eine technische Frage dringend wird», sagt Ivo Reich.

Gelingt das, bleibt Diepoldsau Teil einer Wertschöpfungskette, die von Spezialisten über Sitzhersteller und Flugzeugbauer bis zu den Airlines reicht. Und irgendwo über den Wolken genügt weiterhin ein Knopfdruck, damit Ostschweizer Präzision ihre Arbeit verrichtet.

Text: Stephan Ziegler

Bild: Marlies Beeler-Thurnheer

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