So verdient die Ostschweiz am KI-Hunger
Eine Antwort aus dem Chatbot ist schnell gelesen, der industrielle Aufwand dahinter bleibt unsichtbar: Chips müssen gefertigt, grosse Datenmengen gespeichert und zwischen Prozessoren verschoben werden. Die dabei entstehende Wärme muss wieder weg. Hier kommen Firmen zwischen dem Appenzellerland und dem Bodensee zum Zug. Ihre Spezialitäten stecken tief in jener Lieferkette, die künstliche Intelligenz erst möglich macht.
«Aus einem Bezug zur Chipindustrie wird nicht automatisch ein messbarer KI-Umsatz.»
Eine halbe Milliarde in drei Monaten
Wie kräftig die Nachfrage durchschlägt, zeigt etwa VAT in Haag. Der Vakuumventilhersteller verbuchte im zweiten Quartal 2026 Bestellungen über 500 Millionen Franken, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahresquartal. Im ersten Halbjahr erreichte der Auftragseingang 856,4 Millionen, ein Plus von 75 Prozent. VAT nennt den Ausbau der Produktion von Logik- und Speicherchips für KI-Rechenzentren als Treiber. Hinzu kommen chinesische Investitionen in eine eigenständigere Halbleiterindustrie.
Das Geschäft beginnt lange, bevor ein Prozessor im Server steckt. Die Chipherstellung benötigt kontrollierte Produktionsbedingungen; Vakuumtechnik gehört dazu. Auch Inficon ist hier zu Hause. Die Gruppe mit Holdingsitz in Bad Ragaz liefert Mess-, Analyse- und Steuerungstechnik für die Fertigung. Im ersten Halbjahr 2026 stieg der Umsatz im Bereich Halbleiter und Vakuumbeschichtung um 27,2 Prozent auf 202,3 Millionen Dollar. Das sind gut 53 Prozent des Gruppenumsatzes. Zu den Nachfragetreibern zählt Inficon moderne Logikchips, besonders schnelle Speicher und Rechenzentrumsinfrastruktur.
Evatec in Trübbach baut Anlagen für hauchdünne Beschichtungen. Eine Anwendung ist das Advanced Packaging: Dabei werden Chips zu leistungsfähigen Einheiten zusammengefügt und verbunden. Evatec liefert Prozesse, die auch bei Hochleistungsrechnern und KI-Anwendungen zum Einsatz kommen, darunter Beschichtungen zur Wärmeabfuhr. Ein weiteres Feld sind optische Verbindungen für grosse KI-Systeme. Wie international dieses Geschäft ist, zeigt ein aktueller Schritt: Am 1. Oktober etablierte Evatec eine Gesellschaft für Verkauf und Service in Südkorea, einem wichtigen Halbleitermarkt.
Auch die Qualitätskontrolle führt ins Rheintal: SwissOptic in Heerbrugg entwickelt und fertigt optische Module für Anlagen der Halbleiterindustrie. Sie prüfen etwa Wafer, die Trägerscheiben der Chipproduktion, und die dafür benötigten Masken. Das hilft, Fehler zu erkennen und die Ausbeute zu verbessern. Auch ein solches Detail entscheidet darüber, wie viele funktionierende Chips eine Fabrik verlassen.
Wenn Daten im Licht bleiben
Sind die Chips hergestellt, müssen sie miteinander kommunizieren. Huber+Suhner aus Herisau bedient diesen Bedarf mit optischen Schaltern der Marke Polatis. Diese verbinden Rechenressourcen über Lichtsignale. Die Umwandlung in elektrische Signale entfällt beim optischen Schalten. Das soll Energie sparen und die Übertragung beschleunigen. Für die riesigen Rechnerverbünde hinter KI-Anwendungen ist diese Technik ein wichtiges Puzzleteil.
Huber+Suhner erhielt 2025 grosse Bestellungen für optische Schalter von einem Betreiber sehr grosser Rechenzentren; im ersten Halbjahr 2026 trugen sie erstmals zum Umsatz bei. Für den Ausbau der Fertigung eröffnete die Gruppe im Juni 2025 einen Standort im polnischen Pisary. Das zeigt zugleich: Von einer Ostschweizer Unternehmensbasis aus wird ein globaler Markt bedient. Zusätzliche Maschinen und Arbeitsplätze entstehen deshalb nicht zwangsläufig vor der eigenen Haustür.
Auch beim Speicher gibt es einen regionalen Anschluss: Swissbit aus Bronschhofen bietet Flash-Speicher für KI-Server und Anwendungen direkt an Maschinen oder Geräten. Sie dienen etwa dem Starten der Systeme oder speichern deren grundlegende Software und Betriebsdaten. Das sind andere Aufgaben als jene der Hochleistungsspeicher unmittelbar am KI-Prozessor. Im Juli 2026 kündigten Swissbit und der Halbleiterhersteller Nexperia eine Zusammenarbeit für KI-, Cloud- und Serverplattformen an, die Speichertechnik und Halbleiterkomponenten zusammenbringt.
Dass die Datenflut auch Industriezulieferern Geschäft bringt, zeigt SFS in Heerbrugg: Im Halbjahresbericht 2026 meldet die Gruppe eine ausserordentliche Entwicklung ihres Elektronikgeschäfts. Neben mobilen Geräten nennt sie Komponenten für sogenannte Nearline-Festplatten als Wachstumstreiber. Diese speichern grosse Datenmengen in Rechenzentren. Damit profitieren auch Hersteller von Präzisionsteilen vom Ausbau der Dateninfrastruktur.
«Die Zukunft kostet Geld, bevor sie Geld einbringt.»
Vom Dübel bis zur Käserei
Rechenzentren brauchen Gebäude, Befestigungen und Brandschutz. Hilti aus Schaan bietet dafür Montagesysteme, Verankerungen und Lösungen zur Brandabschottung an. Bei der Veröffentlichung der Achtmonatszahlen am 24. September 2026 verwies Konzernchef Jahangir Doongaji auf grosse Investitionen in Energie- und Rechenzentrumsprojekte. Das traditionelle Baugeschäft bleibe dagegen schwach. Die Dateninfrastruktur eröffnet damit ein Geschäftsfeld, das über die Computertechnik weit hinausreicht.
Hoval mit Hauptsitz in Vaduz kümmert sich um eine andere Voraussetzung: die Kühlung. Wie das vor Ort aussieht, zeigt das Rechenzentrum Ostschweiz in Gais. Dort arbeiten zehn ServeCool-Geräte von Hoval. Das Konzept nutzt kühle Aussenluft und ergänzend Verdunstungskühlung, wobei Aussenluft und Luft im Serverbereich getrennt bleiben. Die Abwärme des Rechenzentrums wird zudem von der Bergkäserei Gais zum Pasteurisieren von Milch genutzt. Das bestehende Projekt macht sichtbar, wie sich Rechenleistung, Kühlung und regionale Wärmenutzung verbinden lassen.
«Verdient wird mit Technik, die funktioniert, und mit Aufträgen, die sich profitabel ausführen lassen.»
Der Boom ist kein Selbstläufer
So verlockend die Geschichte klingt: Aus einem Bezug zur Chipindustrie wird nicht automatisch ein messbarer KI-Umsatz. Inficon bedient weitere Märkte, SFS profitiert auch von mobilen Geräten, und nicht jedes Rechenzentrum dient dem Training künstlicher Intelligenz. Die Beispiele zeigen unterschiedlich direkte Verbindungen zur KI-Welle. Wer sie alle als reine KI-Gewinner verbucht, verwechselt eine industrielle Chance mit einer bereits realisierten Rendite.
Auch volle Auftragsbücher sind noch kein höherer Gewinn. Bei VAT lag der Halbjahresumsatz 2026 trotz des Bestellschubs mit 511,9 Millionen Franken um 8,3 Prozent unter dem Vorjahr; währungsbereinigt blieb er praktisch stabil. Kapazitäten müssen erst aufgebaut und Aufträge abgearbeitet werden. Huber+Suhner schrieb im Kommunikationssegment im ersten Halbjahr operativ rote Zahlen. Die operative Marge dieser Sparte lag bei minus 0,8 Prozent. Zu den Belastungen zählten Vorleistungen für Entwicklung und den Ausbau der Produktion optischer Schalter. Kurz: Die Zukunft kostet Geld, bevor sie Geld einbringt.
Wie viel vom Boom in der Region hängen bleibt, entscheidet sich nicht allein am Firmensitz. Swissbit fertigt den Grossteil seiner Speicherprodukte in Berlin. VAT baute im ersten Halbjahr weltweit über 700 Vollzeitstellen auf, überwiegend temporär und mehr als zur Hälfte in Malaysia. Die Ostschweizer Chance liegt in Entwicklung, industriellem Wissen und der Fähigkeit, internationale Geschäfte zu führen. Der KI-Hunger schafft Nachfrage. Verdient wird daran mit Technik, die funktioniert, und mit Aufträgen, die sich profitabel ausführen lassen.
Text: Stephan Ziegler
Bild: zVg