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Der Marktschreier 2.0

Der Marktschreier 2.0
Joy Samuel Karban
Lesezeit: 6 Minuten

Joy Samuel Karban macht aus Putztüchern eine Show und aus Zuschauern Kunden. Als «The Crazy Seller» verbindet der Ganterschwiler Unternehmer das Marktgeschäft mit Social Media. Ein Gespräch über seine schwierigen Anfangsjahre, die Kraft des Unperfekten und einen Beruf, den er selbst dann nicht aufgeben würde, wenn er längst ausgesorgt hätte.

Text: stz.

Joy Karban, sind Sie privat auch der «Crazy Seller»?
Im Grunde schon; The Crazy Seller ist kein Kostüm. Privat bin ich allerdings introvertiert und führe weniger Gespräche. Am Stand ist das gar nicht so anders: Dort halte ich vor allem Monologe, keine Dialoge. Vor hundert fremden Menschen eine Vorführung zu machen, fällt mir leichter als Smalltalk zu zweit.

Und wie wurden Sie vom introvertierten Jugendlichen zum Verkäufer?
Mit 15 bin ich als Standhilfe nach Deutschland gegangen. Nach der Arbeit habe ich heimlich die Vorführung einer Saftpresse auswendig gelernt, Wort für Wort. Mein erster Satz war: «Es gibt über 30’000 verschiedene Sorten Äpfel, und jede schmeckt anders.» Dort stand immer ein Lehrmeister neben mir. Als ich mit 17 zurück in die Schweiz kam und allein an meinem eigenen Stand gestanden habe, blieb plötzlich niemand mehr stehen. Drei Jahre lang. Ich habe jeden Tag an meiner Vorführung gearbeitet, bis sie getragen hat. Verkaufen ist bei mir kein Talent; es waren drei Jahre Hunger und tägliche Wiederholung.

Wann haben Sie gemerkt, dass sich Hartnäckigkeit auszahlt?
Als die Leute meine Vorführung bis zum Schluss angeschaut haben, statt in der Hälfte wegzulaufen. Da habe ich gemerkt: Jetzt funktioniert es. Als Verkäufer lernt man aber nie aus. Mir ging es auch nie in erster Linie ums Verkaufen; ich will den Leuten eine Freude machen. Ich bin ein Verkäufer, der nicht verkaufen will, aber dankbar ist, wenn jemand kauft.

«Ich zeige den Leuten die Show und lasse ihnen den Freiraum, selbst zu entscheiden.»

Das klingt nach einem Widerspruch. Weshalb kaufen die Leute trotzdem?
Der Verkauf ist eher ein Nebeneffekt. Er passiert, wenn man seinen Job gut macht, den Leuten eine Freude bereitet und etwas tut, das man wirklich liebt. Das Produkt bin ich genauso wie das, was am Schluss gekauft wird. Die Leute sagen mir seit Jahren, sie spüren, dass ich gar nicht verkaufen wolle. Ich glaube, genau deshalb kaufen sie. Aber der Zuschauer entscheidet selbst, ob er etwas mitnimmt. Freiwillig und ohne Druck.

Wie viel Inszenierung steckt hinter «The Crazy Seller»?
Die Figur ist zu 100 Prozent Joy Karban, nur steckt nicht alles von Joy Karban in der Figur. Den Namen hat mir eine Kundin gegeben. Sie stand 2017 an meinem Stand und sagte: «Nicht nur die Tücher sind verrückt, Sie sind auch ein verrückter Verkäufer.» Da war der Name! Als Jugendlicher war ich ein grosser YouTube-Fan und sah, wie schwer sich Creator tun, sobald sie etwas verkaufen wollen. Die Leute sind wegen etwas anderem da, dann kommt die Werbung dazwischen. Bei mir gibt es diesen Bruch nicht, weil der Verkauf die Show ist. Künstler zu sein, war schon als kleiner Junge mein Traum. Eigentlich wollte ich Rapper werden.

Was hält die Menschen in den ersten Sekunden an Ihrem Stand?
Sie sind fasziniert und gleichzeitig skeptisch. Viele fragen sich, ob das wirklich ein echter Spiegel oder ein echtes Fenster ist, weil sie kaum glauben können, was das Tuch da macht. Diese Mischung aus Staunen und Zweifel hält sie am Stand.

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Wo endet für Sie das Überzeugen und beginnt das Überreden?
Überzeugen heisst: Ich zeige den Leuten die Show und lasse ihnen den Freiraum, selbst zu entscheiden. Überreden beginnt dort, wo man dem Kunden keine Denkpause lässt, ihn nicht richtig informiert, einfach abschliessen will und aufdringlich wird. Es gibt auch Menschen, denen ich nichts verkaufen möchte: Dann, wenn ihnen das Produkt keinen Mehrwert bringt.

Die Putztücher von «MonkeyClean» sind eng mit Ihrer Bekanntheit verbunden. Wie begann diese Geschichte?
Die Marke habe ich 2016 zusammen mit einem Geschäftspartner gestartet und seither begleitet. Die Leute verbinden mich mit den Tüchern. Auf der Strasse sprechen sie mich an: «Du bisch doch de Typ mit de Lümpe!» Und die Tücher sind ganz klar das beste Produkt, das ich je verkauft habe.

Ihre Videos wirken oft wild und ungeschliffen. Warum funktioniert das in einer Welt durchgestylter Werbung?
Weil sie echt sind. Und das wird immer wichtiger: Durch KI kann heute jeder Hochglanz. Umso mehr zählen Menschlichkeit und Authentizität. Meine erste Werbung war eine abgefilmte Vorführung des Stands. Ohne Schnitt, ohne jede Erfahrung. Sie hat vom ersten Tag an funktioniert.

«Der Stand ist meine Bühne. Dort bin ich zu Hause, dort bin ich am meisten ich selbst.»

Wo machen Sie mehr Umsatz: am Stand oder online?
Das ist gemischt. Die Märkte sind saisonal, das Online-Geschäft lässt sich leichter skalieren. Aber die Märkte waren und sind mein Fundament. Alles, was online funktioniert, habe ich zuerst am Stand gelernt. Online und Markt schliessen sich nicht aus. Bei mir ergänzen sie sich.

Was bleibt als Erfolgsrezept, wenn man Show und Reichweite einmal weglässt?
Echten Mehrwert bieten. Den Leuten eine Freude machen, statt ihnen etwas verkaufen zu wollen. Und sehr fleissig sein, ohne Angst vor der Extrameile. Nach 14 Jahren, rund 2000 Märkten und über 100’000 Vorführungen kann ich sagen: Eine Abkürzung gibt es nicht.

Kann tatsächlich jeder verkaufen lernen?
Ich glaube ja. Die Frage ist nur, wie gut und was man bereit ist, dafür zu tun. Ich bin selbst Autodidakt, ohne Lehre und ohne Studium. Meine Lehre war der Stand. Und ich bin introvertiert. Wenn ich es mir antrainieren konnte, kann das auch jemand anderes.

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Weshalb fehlt Ihrer Branche trotzdem der Nachwuchs?
Leider kenne ich in der Schweiz keinen jungen Marktschreier ausser mir. Ich versuche seit Jahren, Leute nachzuziehen, aber das ist wirklich schwierig. Vielleicht gelingt es, mehr Junge für diesen Beruf zu begeistern, wenn meine Bekanntheit weiter wächst. Man muss aber wissen: Es gehört viel Schweiss und Herzblut dazu.

Könnte irgendwann eine KI Ihren Platz am Stand einnehmen?
Nein, das wird nicht passieren. Im Gegenteil: Ich glaube, die Menschen werden sich mehr Menschlichkeit wünschen und sie auch mehr schätzen. In der Beratung wird KI vieles übernehmen können. Aber ein echter Marktschreier am Stand ist ein menschliches Erlebnis. KI könnte das vielleicht sogar perfekter als jeder Mensch. Doch genau das Unperfekte würde den Leuten fehlen. Vielleicht baut mir in Zukunft aber ein KI-Roboter den Stand auf. (lacht)

Welche Zukunft haben Märkte neben dem Onlinehandel?
Die grossen, traditionellen Veranstaltungen wird es immer geben. Der Mensch sucht das Unperfekte, das Authentische und das Menschliche. Und sich mit Freunden und Bekannten an so einem Anlass zu treffen, ist auch einfach schön.

Würden Sie noch auf Märkte fahren, wenn Sie finanziell längst ausgesorgt hätten?
Ja. Ich mache das nicht wegen des Geldes. Der Stand ist meine Bühne. Dort bin ich zu Hause, dort bin ich am meisten ich selbst. Ich liebe diesen Job, und solange ich kann, werde ich ihn machen. Egal, was passiert.

Was muss in zehn Jahren erreicht sein, damit Sie sagen: Es hat sich gelohnt?
Natürlich habe ich viele Ziele. Aber wenn ich das Leben leben darf, das ich liebe, habe ich schon viel erreicht. Dranbleiben, meinen Weg weitergehen und mich von niemandem und von keinem Dogma davon abbringen lassen. Ich bin oft hingefallen. Ich weiss, wie es ist, wenn es am Abend nicht einmal für ein Sandwich reicht. Wenn ich dann noch ein Dach über dem Kopf habe und etwas zu essen auf dem Tisch, bin ich von Herzen dankbar. Alles, was darüber hinauskommt, ist ein Geschenk. Mein Motto ist: Lebe das Leben, das du liebst.

Text: Stephan Ziegler

Bild: zVg

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