Abgang mit Folgen
Diana Gutjahr geht nicht, weil sie gehen müsste: Bei den Nationalratswahlen 2023 erzielte die heute 42-Jährige mit 42’993 Stimmen das beste Resultat aller Thurgauer Kandidaten. Gutjahr zieht sich damit aus einer Position der Stärke zurück.
Nach Abschluss der laufenden Legislatur wird sie ziemlich genau zehn Jahre dem Nationalrat angehört haben. «Das war ein Entscheid, der mir sehr schwergefallen ist», sagt die Unternehmerin. «Für mich ist dies der geeignete Zeitpunkt, diesen Teil meiner politischen Laufbahn abzuschliessen.»
«Wohlstand kann nicht verordnet werden, sondern muss täglich neu erarbeitet werden.»
Eine Entscheidung für die Vereinbarkeit
Gutjahr will ihren heranwachsenden Sohn begleiten, mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen und sich wieder stärker im Familienunternehmen engagieren. Wer sich für eine Kandidatur entscheide, stelle sich für vier Jahre zur Verfügung. Deshalb habe sie sich gefragt: «Was wartet in den kommenden Jahren auf mich? Kann ich allem gerecht werden?»
Ihr Sohn wird bald eingeschult. Gleichzeitig bleibt ihre Verantwortung in der Ernst Fischer AG bestehen. Gutjahr führt das Romanshorner Stahl- und Metallbauunternehmen gemeinsam mit ihrem Mann. Ein nationales Parlamentsmandat, die Führung eines Betriebs und die Verantwortung für ein schulpflichtiges Kind unter einen Hut zu bringen, würde zunehmend schwieriger. «Es war kein Entscheid von heute auf morgen, sondern hat sich über Monate entwickelt», sagt Gutjahr. Der Schritt habe sie emotional allerdings stärker mitgenommen, als sie erwartet hätte.
Besondere Bedeutung erhält die Ankündigung durch ihren Zeitpunkt: Nur drei Tage zuvor hatte der Thurgauer SVP-Ständerat Jakob Stark bekannt gegeben, 2027 nicht mehr anzutreten. Gutjahr galt wegen ihrer Bekanntheit, ihrer Wahlergebnisse und ihrer wirtschaftspolitischen Erfahrung als naheliegende Kandidatin für seine Nachfolge. Sie betont jedoch, ihr Entscheid sei vor diesen Spekulationen gefallen.
Damit verzichtet die Amriswilerin auf eine politische Aufstiegsmöglichkeit. Der Zeitpunkt für ein Ständeratsmandat sei angesichts ihrer familiären und beruflichen Prioritäten nicht der richtige. «Das ist kein taktischer Rückzug, sondern ein persönlicher Prioritätenentscheid.»
Von Amriswil nach Bundesbern
Gutjahrs politischer Weg begann 2012 im Grossen Rat des Kantons Thurgau. 2017 rückte sie für Hansjörg Walter in den Nationalrat nach, 2019 wurde sie mit dem besten Wahlresultat im Kanton Thurgau bestätigt. Nach einer kaufmännischen Lehre studierte sie in St.Gallen Betriebswirtschaft und arbeitete in der Wirtschaftsprüfung. 2008 kehrte sie in die Ernst Fischer AG zurück. Das 1911 gegründete Familienunternehmen beschäftigt rund 80 Mitarbeiter. Gutjahr ist Mitinhaberin und seit 2023 Verwaltungsratspräsidentin. Gemeinsam mit ihrem Mann verantwortet sie Aufträge, Investitionen, Löhne und Lehrstellen.
Dieser Hintergrund machte ihre Stimme in Bern besonders wertvoll: Gutjahr kennt den Werkplatz nicht aus Positionspapieren oder Betriebsbesichtigungen. Sie erlebt ihn im Alltag. Sie weiss, was verzögerte Bewilligungsverfahren für die Auftragsplanung bedeuten, wie steigende Materialpreise Kalkulationen verändern und welche Folgen zusätzliche Vorschriften für ein mittelgrosses Unternehmen haben. «Nicht jedes Problem lässt sich mit neuen Vorschriften lösen. Es braucht weniger Vorgaben und mehr Vertrauen in die Praxis», fasst sie eine ihrer Überzeugungen zusammen.
Gutjahrs politische Schwerpunkte ergaben sich denn auch häufig aus betrieblichen Erfahrungen: Bürokratieabbau, faire Wettbewerbsbedingungen, ein starker Werkplatz, sichere Sozialwerke und eine leistungsfähige Berufsbildung.
Ein Beispiel ist ihre parlamentarische Initiative gegen Sozialversicherungsbetrug im Baugewerbe. Diese verlangt, dass Erstunternehmen unter bestimmten Voraussetzungen auch für nicht bezahlte Sozialversicherungsbeiträge ihrer Subunternehmen haften. Damit sollen korrekt arbeitende Betriebe vor Konkurrenten geschützt werden, die sich mit Schwarzarbeit Vorteile verschaffen. Die Wirtschaftskommissionen beider Räte haben dem Anliegen zugestimmt.
Der Vorstoss zeigt exemplarisch, was unternehmerische Erfahrung in der Politik leisten kann: Unternehmer erkennen nicht nur die Absicht eines Gesetzes, sondern auch dessen Auswirkungen, administrativen Aufwand und mögliche Fehlanreize im betrieblichen Alltag.
Warum Unternehmer im Parlament unverzichtbar sind
Mit Gutjahrs Abschied verliert das Parlament nicht einfach eine bürgerliche Stimme. Es verliert eine Unternehmerin, die selbst Löhne bezahlt, Lehrlinge ausbildet, Investitionen verantwortet und mit den Folgen politischer Entscheide leben muss.
Eine funktionierende Volksvertretung lebt von unterschiedlichen Berufen. Problematisch wird es aber, wenn jene Sicht schwächer wird, die Wertschöpfung unter realen Marktbedingungen verantwortet.
Wer einen Betrieb führt, kennt Liquiditätsengpässe, Rekrutierungsprobleme, Haftungsrisiken, Preisdruck und regulatorische Folgekosten aus eigener Erfahrung. Dieses Wissen verändert die Fragen in den Kommissionen: Ist eine neue Pflicht notwendig? Können kleine Betriebe sie bewältigen? Entsteht mehr Produktivität oder vor allem mehr Papier?
Ein Familienunternehmen denkt zudem nicht nur bis zur nächsten Wahl, sondern in Generationen. «Wer langfristige Investitionen verantwortet, weiss, weshalb stabile Rahmenbedingungen und Planungssicherheit entscheidend sind», sagt auch Gutjahr.
«Das Milizsystem lebt davon, dass Berufsleute ihre Erfahrung in die Politik einbringen.»
Das Milizsystem stösst an Grenzen
Gutjahrs Rückzug macht auch die Grenzen des Schweizer Milizparlaments sichtbar: Eine Studie der Universität Genf bezifferte den tatsächlichen Arbeitsaufwand eines Nationalratsmandats bereits 2017 auf durchschnittlich 87 Prozent eines Vollzeitpensums. Berufliche Mandate, Verbandsarbeit und Wahlkämpfe waren darin noch nicht enthalten.
Wer daneben ein Unternehmen mit rund 80 Mitarbeitern führt, Verbände präsidiert und Verantwortung für eine Familie trägt, vereinbart mehrere anspruchsvolle Aufgaben. Kurz: Je operativer die Verantwortung im Betrieb, desto schwieriger wird das politische Engagement.
Daraus entsteht ein Paradox: Das Milizsystem soll Praxiswissen ins Parlament bringen, stellt aber so hohe zeitliche Anforderungen, dass besonders stark eingebundene Praktiker auf eine Kandidatur verzichten. Gutjahrs Entscheid ist persönlich nachvollziehbar, politisch aber ein Warnsignal.
Wenn immer mehr Unternehmer zum Schluss kommen, dass sich ein nationales Mandat nicht mehr mit der Führung eines Betriebs vereinbaren lässt, verliert das Parlament einen Teil seiner wirtschaftlichen Bodenhaftung. Die Politik wird deshalb nicht automatisch wirtschaftsfeindlicher. Aber die Gefahr steigt, dass über Unternehmen gesprochen wird, ohne deren Alltag aus eigener Verantwortung zu kennen.
Kein Abschied von der Politik
Ganz von der öffentlichen Bühne verschwindet Diana Gutjahr nicht. Sie betont, dass dies kein politischer Ausstieg sei. «Ich werde auch in Zukunft auf der politischen Bühne auftauchen», kündigt sie an. Seit 2025 präsidiert sie den Thurgauer Gewerbeverband, seit 2019 den Branchenverband metal.suisse. Zudem gehört sie dem Vorstand des Schweizerischen Gewerbeverbands an.
Für ihre Nachfolger formuliert sie einen Anspruch, der auch ihren eigenen Stil beschreibt: Sie sollten sich mit Herzblut für den Thurgau einsetzen und dessen Anliegen sachlich, anständig und unaufgeregt vertreten. «Unterschiedliche Überzeugungen gehören zur Politik. Entscheidend ist jedoch das gemeinsame Ziel, konstruktive Lösungen zu finden.»
Die Suche nach einem Nachfolger für den Nationalrat dürfte einfacher werden als jene nach einem aussichtsreichen Ständeratskandidaten. Schwieriger wird es, jemanden zu finden, der Gutjahrs Kombination aus Wahlerfolg, politischer Erfahrung, unternehmerischer Verantwortung und Verankerung im Gewerbe mitbringt.
«Je operativer die Verantwortung im Betrieb, desto schwieriger wird das politische Engagement.»
Ein Verlust über die Parteigrenzen hinaus
Gutjahrs Abschied ist deshalb mehr als eine Personalie der SVP. Er berührt die Frage, wer bereit und überhaupt noch in der Lage ist, politische Verantwortung auf nationaler Ebene zu übernehmen. Denn das Schweizer Milizsystem lebt davon, dass Unternehmer, Landwirte, Ärzte, Handwerker, Lehrer und andere Berufsleute ihre Erfahrung in die Politik einbringen. «Gerade Unternehmer sind dabei unverzichtbar. Sie wissen, dass Wohlstand nicht verordnet werden kann, sondern täglich neu erarbeitet werden muss. Sie kennen die Risiken eines Entscheids, weil sie diese Risiken selbst tragen», bestätigt Gutjahr.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wer ihren Sitz übernimmt. Sie lautet auch, wie ein Milizsystem ausgestaltet sein muss, damit Menschen mit echter unternehmerischer Verantwortung weiterhin bereit sind, sich in Bern zu engagieren. Findet die Politik darauf keine überzeugende Antwort, wird Gutjahrs Rückzug kein Einzelfall bleiben.
Text: Stephan Ziegler
Bild: Marlies Beeler-Thurnheer