«Angst ist keine Anlagestrategie»
Text: Christian Mair
An Gründen zur Verunsicherung mangelt es Anlegern derzeit nicht. Der anhaltende Iran-Konflikt, höhere Ölpreise und der erneute Zinsauftrieb belasten die Stimmung. Gleichzeitig liefern Unternehmen solide Gewinne, und die Wirtschaft erweist sich als widerstandsfähig. Das dritte Quartal 2026 stand damit im Zeichen gegenläufiger Kräfte.
Gerade in einem solchen Umfeld kommt es darauf an, Risiken und Chancen sorgfältig gegeneinander abzuwägen. Wer seine Anlageentscheide allein von den jüngsten Krisenmeldungen abhängig macht, verliert leicht die wirtschaftlichen Grundlagen aus den Augen. Für mich bleiben diese entscheidend.
Die Wirtschaft hält dagegen
Die industrielle Aktivität in den USA und die solide Wachstumsdynamik in Asien sprechen weiterhin für wirtschaftliche Widerstandskraft. Auch aus dem Euroraum kommen ermutigende Signale: Die Einkaufsmanagerumfragen zeigen eine beschleunigte Expansion. Besonders die Industrie erlebt ihre stärkste Wachstumsphase seit mehr als vier Jahren.
Das beseitigt die geopolitischen Risiken nicht. Es erklärt aber, weshalb die Aktienmärkte trotz des schwierigen Umfelds Unterstützung finden. Solange sich keine deutliche Konjunkturabschwächung abzeichnet und die Unternehmen ihre Ertragskraft behaupten, sehe ich gute Gründe, an Aktien festzuhalten.
Entscheidend ist dabei die Bereitschaft, die eigene Einschätzung laufend zu überprüfen. Verdichten sich die Anzeichen einer wirtschaftlichen Eintrübung, muss sich das auch in der Portfoliostruktur niederschlagen.
Obligationen verdienen wieder Aufmerksamkeit
Das höhere Zinsniveau hat für Anleger zwei Seiten. Es verteuert die Finanzierung und setzt die Bewertung von Aktien unter Druck. Gleichzeitig eröffnet es bei Obligationen wieder attraktivere Ertragsmöglichkeiten. Die Europäische Zentralbank hat ihre Leitzinsen im September erneut angehoben. Auch die US-Notenbank erhöhte den Leitzins.
Damit lohnt sich ein genauerer Blick auf diesen Portfoliobaustein. Ein gezielter Aufbau von Obligationen kann laufende Erträge liefern und die Abhängigkeit von den Aktienmärkten verringern. Qualität, Laufzeit und Währung müssen dabei zur jeweiligen Anlagestrategie passen.
Die Frage lautet deshalb für mich, welche Mischung unter den veränderten Bedingungen sinnvoll ist. Höhere Zinsen schaffen Spielraum, das Portfolio ausgewogener aufzustellen.
Hinter dem KI-Boom steckt reale Nachfrage
Ein wichtiger struktureller Wachstumstreiber bleibt die künstliche Intelligenz. Ihre Nutzung nimmt zu, während die Kosten pro Verarbeitungseinheit sinken. Dadurch werden zusätzliche Anwendungen wirtschaftlich interessant. Für die führenden Technologieunternehmen entstehen daraus erhebliche Umsatz- und Gewinnchancen.
Auch für 2027 rechnen Analysten mit weiter steigenden KI-Investitionen. Zugleich erweitert sich das Spektrum der Anwendungen: KI-Agenten übernehmen zunehmend Aufgaben, intelligente Brillen erschliessen neue Einsatzmöglichkeiten. Ein Beispiel ist der von Meta vorgestellte persönliche KI-Agent Muse. Solche Entwicklungen zeigen, wie die Technologie Schritt für Schritt im Alltag ankommt.
Die Kurskorrekturen im Technologiesektor im Juni und Juli bewerte ich vor diesem Hintergrund als Konsolidierung. Die im September wieder anziehenden Notierungen stützen diese Einschätzung. Dennoch ersetzt ein überzeugender Technologietrend keine sorgfältige Prüfung der einzelnen Unternehmen und ihrer Bewertung.
Disziplin schlägt hektische Kurswechsel
Für mich bleibt ein breit diversifiziertes Portfolio die überzeugendste Antwort auf dieses anspruchsvolle Umfeld. Aktien gehören weiterhin dazu, auch mit Blick auf den langfristigen Erhalt der Kaufkraft. Ihre Gewichtung muss jedoch zur Risikofähigkeit des Anlegers und zur wirtschaftlichen Entwicklung passen.
Gold und Silber können das Portfolio als gezielte Beimischung ergänzen. Angesichts der hohen und weiter wachsenden Staatsverschuldung sehe ich darin einen Baustein zur Absicherung gegen langfristige monetäre Risiken.
Obligationen liefern zusätzliche Ertragsquellen. Eine angemessene Liquiditätsreserve schafft wiederum die Freiheit, bei Marktkorrekturen ausgewählte Kaufgelegenheiten zu nutzen. Wer Reserven hält, kann dann handeln, wenn attraktive Anlagen günstiger werden.
Investiert zu bleiben verlangt deshalb Aufmerksamkeit, Überzeugung und die Bereitschaft zur Anpassung. Die Märkte werden uns auch künftig Gründe zur Nervosität liefern. Umso wichtiger ist eine Strategie, die über die nächste Schlagzeile hinaus Bestand hat.