«Wo bleiben die Einschusslöcher?»
Text: Fredy Hasenmaile, Chefökonom von Raiffeisen Schweiz
An den Anleihemärkten knallt es. Die Renditen langfristiger Staatsanleihen sind in den USA, Japan und Grossbritannien auf lange nicht mehr gesehene Niveaus gestiegen. Die Aktienbörsen notieren trotzdem nahe ihren Höchstständen. Die Schüsse sind unüberhörbar. Doch wo bleiben die Einschusslöcher?
Den Zinsanstieg treibt ein brisanter Mix: die fragile Lage im Nahen Osten, Zweifel an der staatlichen Haushaltsdisziplin, der enorme Kapitalbedarf der amerikanischen KI-Unternehmen und eine erstarkende Weltwirtschaft. Zugleich verlangen Anleger eine höhere Entschädigung dafür, Staaten langfristig Geld zu leihen.
Das bleibt nicht folgenlos. Mit den Anleiherenditen steigen auch die Zinsen für Unternehmenskredite, Konsumkredite und Hypotheken. Investitionen werden teurer, die Finanzierung belastet die Gewinne. Gleichzeitig sinkt bei höheren Zinsen der heutige Wert künftiger Unternehmensgewinne, während Anleihen als Alternative zu Aktien attraktiver werden. Die Börsen geraten damit von mehreren Seiten unter Druck.
Warum halten sie sich trotzdem so gut?
Weil steigende Gewinnerwartungen bisher vieles auffangen. Anleger bezahlen bereits weniger für jeden Dollar erwarteten Gewinns: Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse sind gesunken. Dass die Indizes dennoch kaum nachgeben, verdeckt diese Korrektur. Im September überlagerte im S&P 500 die starke Entwicklung der grossen Technologiekonzerne die Schwäche vieler anderer Aktien.
Damit hängt viel an der Hoffnung auf weiter steigende Gewinne. Doch angesichts höherer Kosten wird es schwieriger, die Erwartungen nochmals nach oben zu schrauben. Werden sie enttäuscht, dürften auch die Kurse nachgeben.
Erste deutliche Spuren zeigen sich andernorts. Frankreichs Staatsfinanzen geraten zunehmend ins Visier der Anleger. Hohe Schulden, ein beträchtliches Haushaltsdefizit und politische Unsicherheit nähren Zweifel an der fiskalischen Glaubwürdigkeit. Der wachsende Renditeabstand zu deutschen Bundesanleihen ist ein Warnsignal.
Auch die erneute Flucht in den Schweizer Franken spricht für steigende Nervosität. Anleger suchen wieder Sicherheit. Die bislang robuste Entwicklung der Aktienmärkte sollte deshalb niemanden in falscher Sicherheit wiegen. Die eigentliche Belastungsprobe könnte den Börsen erst noch bevorstehen.