Raiffeisen-Chefökonom sieht Anleihemarkt als Trumps Gegenspieler
Text: stz.
Zölle, Steuersenkungen und politischer Druck auf die Notenbank: US-Präsident Donald Trump versucht mit unterschiedlichen Mitteln, die wirtschaftliche Entwicklung zu beeinflussen. Beim Anleihemarkt stösst er nach Einschätzung von Fredy Hasenmaile jedoch auf einen Gegenspieler, den er weder einschüchtern noch entlassen kann. In seinem Kommentar «Trump ausgebremst» vom 23. September beschreibt der Raiffeisen-Chefökonom, wie steigende Renditen den Handlungsspielraum der amerikanischen Regierung einschränken.
Die Dimension dieses Marktes ist beträchtlich. Hasenmaile beziffert das weltweite Anleihevolumen auf rund 145 Billionen Dollar. Davon entfallen knapp 50 Billionen auf die USA. Die dort gebildeten Zinsen beeinflussen weit mehr als die Finanzierung von Staaten: Sie wirken auf Hypotheken, Unternehmenskredite und Aktienbewertungen ein.
Trump möchte mit niedrigeren Zinsen Investitionen, den Immobilienmarkt und die Börsen beleben. Gleichzeitig sollen sie die wachsende Zinslast des Staates begrenzen. Die jüngste Entscheidung der US-Notenbank ging jedoch in die entgegengesetzte Richtung: Am 16. September erhöhte die Fed ihren Leitzins einstimmig um 0,25 Prozentpunkte auf eine Spanne von 3,75 bis 4 Prozent. Sie begründete den Schritt mit der weiterhin erhöhten Inflation.
Hasenmaile sieht darin auch eine Folge von Trumps eigener Politik
Zölle verteuerten Importe, Steuersenkungen ohne entsprechende Ausgabenkürzungen vergrösserten das Staatsdefizit. Hinzu komme der Krieg gegen den Iran, der über höhere Öl- und Energiepreise zusätzlichen Inflationsdruck ausgelöst habe. Diese Entwicklungen erschwerten gerade jene Zinssenkungen, die der Präsident erreichen wolle.
Nach Angaben des Ökonomen sind die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen seit Beginn des Krieges um rund einen Prozentpunkt auf etwa fünf Prozent gestiegen. Dazu hätten auch die robuste amerikanische Wirtschaft und der hohe Kapitalbedarf für künstliche Intelligenz beigetragen. Für den Staat bedeutet ein höheres Renditeniveau, dass die Aufnahme neuer Schulden und die Refinanzierung auslaufender Anleihen teurer werden.
Auch die Gegenmassnahmen von US-Finanzminister Scott Bessent beurteilt Hasenmaile kritisch. Dessen Unterstützung für den japanischen Yen und spätere Rückkäufe langlaufender Anleihen hätten die gewünschte Entlastung nicht gebracht. Das hektische Vorgehen habe vielmehr zusätzliche Nervosität ausgelöst.
«Der Anleihemarkt gleicht einem scheuen Reh. Er lässt sich nicht einfangen und anbinden», schreibt Hasenmaile. Entscheidend sei das Vertrauen der Investoren: Wachsen ihre Sorgen über Inflation und Staatsverschuldung, verlangen sie höhere Renditen. Die langfristigen Zinsen könnten deshalb selbst dann steigen, wenn die Notenbank ihren kurzfristigen Leitzins senke.
Vor diesem Hintergrund hält der Chefökonom auch Trumps Druck auf die Unabhängigkeit der Fed für kontraproduktiv. Entstehe der Eindruck, die Notenbank dulde aus politischen Gründen eine höhere Inflation, könnten Anleger einen zusätzlichen Risikoaufschlag verlangen. Der Versuch, niedrigere Zinsen zu erzwingen, drohe damit das Gegenteil zu bewirken.
Dass der Anleihemarkt politische Entscheidungen beeinflussen kann, illustriert Hasenmaile mit einem historischen Beispiel: Bereits unter Bill Clinton hätten stark steigende Renditen in den frühen 1990er-Jahren den Druck zu einer disziplinierteren Haushaltspolitik erhöht.
Den aktuellen Renditeanstieg wertet Hasenmaile entsprechend als Warnsignal an Washington. Seine Schlussfolgerung: «Wer die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Finanz- und Geldpolitik aufs Spiel setzt, muss mehr bezahlen.» Der Raiffeisen-Chefökonom plädiert deshalb dafür, stärker auf die korrigierende Wirkung der Märkte zu vertrauen.