Ostschweiz

Digital Conference Ostschweiz: KI macht Urteilskraft wichtiger

Digital Conference Ostschweiz: KI macht Urteilskraft wichtiger
Moderatorin Bigna Silberschmidt führe durch den Nachmittag
Lesezeit: 3 Minuten

Künstliche Intelligenz beschleunigt Cyberangriffe, Desinformation und Veränderungen in der Arbeitswelt. An der Digital Conference Ostschweiz 2026 diskutierten rund 200 Gäste darüber, wie Wirtschaft und Gesellschaft damit umgehen können.

Text: pas / Fotos: Marlies Beeler-Thunheer, Rebekka Grossglauser

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«Cybersecurity trifft KI – Risiko oder Chance?» lautete das Thema der diesjährigen Digital Conference Ostschweiz im Einstein Congress St.Gallen. Die Referate zeigten: KI schafft nicht zwingend völlig neue Probleme, sie beschleunigt und verstärkt viele bereits bestehende.

Anna-Lena Horlemann, Professorin für theoretische Informatik und Mathematik an der Universität St.Gallen, zeigte dies am Beispiel der Cybersecurity. KI könne sowohl von Angreifern als auch von Verteidigern eingesetzt werden. «KI verändert nicht die Spielregeln der Cybersecurity. Sie erhöht das Tempo des Spiels. Wer nicht mitzieht, verliert den Anschluss.»

Anna-Lena Horlemann
Anna-Lena Horlemann

Dabei haben Angreifer einen strukturellen Vorteil: Während sich Unternehmen und Institutionen an Regeln und Vorgaben halten müssen, tun Kriminelle dies nicht. Gleichzeitig eröffnet KI aber auch neue Möglichkeiten für die Abwehr.

Der Mensch bleibt entscheidend

Wirtschaftspsychologin Jill Wick rückte den Faktor Mensch ins Zentrum. Social Engineering nutzt aus, dass Menschen häufig schnell und intuitiv entscheiden. Genau diese Mechanismen lassen sich mit KI einfacher und in grösserem Umfang ausnutzen.

«Es wird immer schwieriger, KI zu entdecken. Wir sollten uns nicht zu sehr auf unser Bauchgefühl verlassen», sagte Wick. Das Grundprinzip sei zwar nicht neu, die Dimension aber schon: KI beschleunige Recherche, Personalisierung und Durchführung von Angriffen.

Jill Wick
Jill Wick

Auch der Kanton St.Gallen setzt sich mit künstlicher Intelligenz auseinander. Regierungsrat Beat Tinner erklärte, man habe untersucht, wo KI einen tatsächlichen Mehrwert schaffen könne und welche Risiken damit verbunden seien. Entscheidend sei, dass Verantwortung nicht an Maschinen delegiert werde. «Es überwiegen die Chancen, aber nur, wenn wir aufmerksam bleiben.»

Vertieft wurden die Themen anschliessend in fünf parallelen Breakout-Sessions. Dabei ging es unter anderem um Cyber Resilience, das Spannungsfeld zwischen Vibe Coding und Compliance, datenbasiertes Arbeiten mit KI, Prompt Injection sowie das Zusammenspiel von KI, Cybersicherheit und menschlichem Verhalten.

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Alte Probleme, neue Reichweite

Henriette Engbersen, Leiterin Public Value der SRG, ordnete Desinformation historisch ein. «Jede neue technologische Revolution bringt auch eine Welle an Desinformation mit sich.» Neu seien vor allem Geschwindigkeit und Reichweite.

Henriette Engbersen
Henriette Engbersen

Mit sozialen Medien hätten sich die Mechanismen der Informationsverbreitung grundlegend verändert. «Was provoziert, wird auf Social Media mehr gezeigt», sagte Engbersen. Polarisierung und Desinformation bezeichnete sie als «zwei toxische Freunde».

Christian Naef ist Digital Shaper 2026

Ein weiterer Höhepunkt war die Wahl des Digital Shaper Ostschweiz 2026. Die Entscheidung lag bei der Community: Aus mehr als 50 nominierten Persönlichkeiten und Teams hatten sich zunächst zehn für die Finalrunde qualifiziert. In der zweiten Publikumsabstimmung setzte sich Christian Naef durch.

Bei der Preisverleihung (von links): Stephan Ziegler, Chefredaktor der MetroComm AG, Christian Naef und Mirko Galasso von der BVS St.Gallen, dem Preissponsor
Bei der Preisverleihung (von links): Stephan Ziegler, Chefredaktor der MetroComm AG, Christian Naef und Mirko Galasso von der BVS St.Gallen, dem Preissponsor

Naef ist CEO und Co-Gründer des Wiler Start-ups RY3T. Das Unternehmen entwickelt Lösungen, die überschüssige Energie in Rechenleistung umwandeln. Der Sieg kam für ihn unerwartet: «Es ist eine grosse Ehre. Ich habe die Konkurrenz gesehen und nicht gedacht, dass ich es werde.»

Precht fordert mehr Urteilskraft

Zum Abschluss weitete Richard David Precht den Blick auf die gesellschaftlichen Folgen der KI. Die Arbeitswelt sei auf die bevorstehenden Veränderungen noch nicht ausgerichtet. Deshalb müssten nach Ansicht des Philosophen und Publizisten grundlegende gesellschaftliche Strukturen überdacht werden, etwa das Steuersystem.

Eine zentrale Herausforderung sieht Precht darin, dass sich Menschen zunehmend auf Systeme verlassen, die sie nicht verstehen. «Wir verlassen uns auf KI, weil wir sie nicht durchschauen. Und genau deshalb haben wir auch so viel Angst davor.»

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Richard David Precht
Richard David Precht

Damit gewinnt für ihn die Bildung an Bedeutung. «Wir leben in einer Gesellschaft totaler Information, aber wir sind zu wenig geschult auf Urteilskraft.» Wissen allein reiche nicht. Entscheidend sei die Fähigkeit, Informationen einzuordnen und selbst zu beurteilen.

Damit schloss Precht zugleich den Kreis zu den vorherigen Referaten. Ob Cyberangriffe, Social Engineering oder Desinformation: KI erhöht Tempo und Reichweite, nimmt dem Menschen aber die Verantwortung nicht ab. Je leistungsfähiger die Technologie wird, desto wichtiger werden ein bewusster Umgang mit ihr und die Fähigkeit, ihre Ergebnisse kritisch zu beurteilen.

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