Wirtschaft

Das Ende der Globalisierung?

Das Ende der Globalisierung?
Thomas Friedli
Lesezeit: 6 Minuten

Das Institut für Technologie-Management der Universität St.Gallen ITEM hat untersucht, wie es der Schweizer Industrie geht. Im LEADER-Interview spricht HSG-Wirtschaftsprofessor Thomas Friedli über die aktuellen Studien-Ergebnisse, die Auswirkungen von Corona und über Probleme mit internationalen Supply Chains.

Bereits zum fünften Mal hatte das ITEM die Möglichkeit, Unternehmen zu befragen, um die Schweiz als Industriestandort besser zu verstehen. Ziel ist es, zukünftige Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, einen allfälligen Strukturwandel abbilden zu können und Firmen, Organisationen, Politikern und Wissenschaftlern die Ergebnisse zur Verfügung zu stellen, um datenbasierte Diskussionen zu ermöglichen. Damit sollten gemäss Thomas Friedli dann auch die zahlreichen Ad-hoc-Umfragen bei singulären Ereignissen mit der Zeit der Geschichte angehören.

Thomas Friedli, das Institut für Technologie-Management der Universität St.Gallen hat also erneut untersucht, wie es der Schweizer Industrie geht. Wie ist der aktuelle Befund?
Die Schweizer Industrie blickt zuversichtlich in die Zukunft. Die Auftragslage ist hervorragend. Die Arbeitslosigkeit ist zurückgegangen und die Kurzarbeit konnte in vielen Unternehmen aufgehoben werden. Ausserdem sind viele Mitarbeiter aus dem Homeoffice zurückgekehrt.

Einer der Gründe für diese Zuversicht dürfte der Umstand sein, dass die Schweiz 2020 im internationalen Vergleich nur einen geringeren BIP-Rückgang zu verzeichnen hatte. Weshalb ist das so?
Dies mag auch an den Massnahmen des Bundes im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie liegen, die von der Industrie im weltweiten Vergleich als viel besser eingestuft wurden. Zudem konnten wir das zweite Jahr in Folge feststellen, dass mehr Unternehmen Fertigungskapazitäten in der Schweiz auf- (23 % in 2020) als abbauten (17 % in 2020). Diese Zahl ist besonders vor dem Hintergrund der Coronakrise interessant und zeigt die Stärke der Schweizer Wirtschaft und insbesondere den Glauben an sich selbst.

Allerdings kann man nur vom Glauben nicht leben.
Das stimmt, dazu braucht es Margen und Gewinne. Diese müssen hoch genug sein, um weiter in die Zukunft investieren zu können, in Forschung und Entwicklung, in die Infrastruktur, in die Mitarbeiter, in Digitalisierung. Dieses ständige Weiterentwickeln und auch ein Selbstverständnis zu transportieren, dass man in die Zukunft investiert, kann als Rückgrat des Schweizer Erfolgs gesehen werden. Das ist aber ein Punkt, der uns etwas Sorgen bereitet: Margen und Gewinne stehen seit 2008/2009 unter Dauerdruck.

Welchen Anteil hatte oder hat Corona an der aktuellen Situation der Unternehmen? Wie Sie sagen, ist die hiesige Industrie ja nicht erst seit Corona mit grösseren Herausforderungen konfrontiert: Finanzschulden, Eurokrise, Aufgabe des Mindestkurses gegenüber dem Euro usw.
Die Schweiz ist immer wieder mit Krisen verschiedener Arten konfrontiert und steht bis zu einem gewissen Grad unter permanentem Druck. Diese schwierige Situation hat allerdings auch dazu geführt, dass die Schweizer Industrie sich gezwungenermassen flexibel schnell adaptiert und somit relativ gut auf Veränderungen reagieren kann, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dies ist insbesondere wichtig, da die Schweiz ein exportabhängiges Land ist (ca. 63,2 % des BIP wurde 2020 an Waren exportiert) und somit global wettbewerbsfähig sein muss. Unsere Industrie findet in der Regel schnell pragmatische Lösungen, dies nicht zuletzt mit den Mitarbeitern. Dies ist ein Unterschied zu den meisten Nachbarländern.

 

«Mehr Unternehmen haben Fertigungskapazitäten in der Schweiz auf- als abgebaut.»

Und diese Flexibilität hat sich auch während Corona bezahlt gemacht?
Ja. Und Corona hat ein weiteres Mal gezeigt, wie wichtig diese Flexibilität ist und wie viel der Werkplatz Schweiz zu bieten hat. Unsere Studie zeigt, dass Verlagerungen in der jüngsten Vergangenheit, also in den vergangenen drei Jahren, kaum eine wesentliche Rolle gespielt haben. Dies und der Fakt, dass die Schweiz relativ gesehen, das heisst, wenn man die produzierte Wertschöpfung pro Kopf betrachtet, weltweit die Nummer Eins ist, mit grossem Abstand vor Deutschland. Vieles macht man also richtig.

Dennoch wurde ihr durch Corona vor Augen geführt, wie abhängig sie von weltweiten Lieferketten ist.
Ja, auch in unserer Studie wurden Disruptionen in der externen Supply Chain von den Unternehmen als durch Corona ausgelöste Restriktionen als am schwersten eingestuft. Dies muss man jedoch relativieren.

Die Auswirkungen waren also nicht besonders einschneidend?
m Durchschnitt wurden sie als «geringe Beeinträchtigung» eingestuft. Allerdings sind die Schwierigkeiten mit der Verfügbarkeit von Halbleitern und der Verteuerung und Verknappung verschiedenster Rohstoffe erst nach Abschluss der Erhebung dazu kommen. Insgesamt hat sich gezeigt, dass die Schweizer Unternehmen mit den jüngsten Unterbrüchen vergleichsweise gut klargekommen sind. Einige der Unternehmen begreifen die Coronakrise sogar als Chance. Vor allem die Digitalisierung der Prozesse (27 %), sowie Prozessoptimierungen ohne Digitalisierungsaktivitäten (23 %) und ein Stärken der Beziehungen zu Kunden, Zulieferern und Geschäftspartnern (20 %) wurden als Chancen gesehen und intensiviert.

 

«Margen und Gewinne stehen seit 2008/2009 unter Dauerdruck.»

Was unternehmen die Unternehmen, um nicht mehr so abhängig von der Krisenanfälligkeit dieser Lieferketten zu sein?
Unsere Studie zeigt, dass Unternehmen vor allem im Bereich der Lagerbestände Anpassungen treffen. So geben 28 % der befragten Unternehmen (31 % der KMU und 24 % der grossen Unternehmen) an, ihre Lagerbestandspolitik zu verändern. Ein Fünftel der Unternehmen plant zudem Anpassungen in der Supply Chain, und ein weiteres Fünftel gibt an, die Resilienz durch eine Digitalisierung der Prozesse steigern zu wollen.

Wie können Lieferketten denn angepasst werden?
Mögliche Wege sind intensivere Beziehungen zu Lieferanten aufbauen oder auf zusätzliche Lieferanten als Back-up zu setzen. Rückverlagerungen hingegen sind teilweise mit Schwierigkeiten verbunden. So kann die Zuliefererstruktur am vormaligen Standort nicht mehr existent sein. Andererseits sind die Ziele von Verlagerungen oftmals ein verbesserter Zugang zum lokalen Markt. Dort drängt sich eine Rückverlagerung sowieso nicht auf.

Einige Unternehmen überlegen sich aktuell aber dennoch eine Rückverlagerung.
Im Swiss Manufacturing Survey gaben fünf Prozent der Unternehmen an, Reshoring als direkte Chance aus der Corona-Krise zu sehen. In welchem Umfang weitere Brennpunkt-Themen wie die Blockade des Suez-Kanals die Reshoring-Thematik beflügeln, ist nur schwer abzuschätzen. In unserer im Februar initiierten Studie konnten wir diese Entwicklung noch nicht erfragen. Äusserst spannend dürfte aber der Blick auf unsere nächstjährige Umfrage werden. Dort wird sich zeigen, inwiefern Reshoring 2021 aktiv von den Unternehmen umgesetzte wurde und welche weiteren Motive auch in Zukunft für eine Rückverlagerung von Produktionsstätten in die Schweiz führen (Start im April 2022).

Welche Resultate haben vergangene Studien diesbezüglich gezeigt?
Frühere grosse Studien in der deutschen Industrie haben bereits vor Jahren jede vierte Verlagerung als Rückverlagerung klassifiziert. Wenn man berücksichtigt, dass dies auch immer ein Eingeständnis ist, dass der Verlagerungsentscheid falsch war, kann man davon ausgehen, dass die Anzahl Unternehmen, die die mit der ursprünglichen Verlagerung verbundenen Ziele nicht erreicht hat, noch grösser ist. Dies erstaunt wenig, da dies oft eindimensional kostenfokussierte Betrachtungen sind, die das Potenzial über- und die Konsequenzen auf Zielgrössen wie Qualität, Lieferzuverlässigkeit oder Flexibilität unterschätzen.

 

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«Fünf Prozent der Unternehmen sehen Reshoring als Chance aus der Krise.»

Läutet das Interesse an Rückverlagerungen das Ende der Globalisierung ein?
Das Ende der Globalisierung wird dadurch sicher nicht eingeläutet. In der aktuellen Situation zeigt sich nur, dass eine Verlagerung in Low-Cost-Länder aus rein finanziellen Gründen sich oft strategisch fatal auswirken. Selbstverständlich kann ein gut geführter Low-Cost-Standort, der auch auf die richtigen Aufgaben und Produkte fokussiert ist, eine wertvolle Ergänzung zur Ausbalancierung des Produktionsnetzwerks sein. Man darf aber nie die Markt- und Kundenanforderungen aus den Augen verlieren. Die Kundensegmente, auf die sich gerade Schweizer Unternehmen fokussieren, verlangen neben einer hohen Produktqualität insbesondere auch eine hohe Lieferzuverlässigkeit und -geschwindigkeit. Dazu ist oft eine geografische Nähe unumgänglich.

Dennoch wird es nun bei vielen Unternehmen zu einer Überprüfung der weltweiten Produktionsnetzwerke kommen, oder?
Dies ist eine Fragestellung, mit der wir uns am Institut für Technologiemanagement intensiv beschäftigen. Denn besonders für multinationale Grosskonzerne, aber auch für Schweizer KMU wird es zunehmend bedeutender das eigene, aber auch das externe Lieferantennetzwerk für die Unternehmensstrategie optimal auszurichten. Die Robustheit des Netzwerks wird da zu einem zunehmend höher priorisierten Kriterium.

Die Schweizer Industrie blickt also grundsätzlich zuversichtlich in die Zukunft und die Globalisierung wurde nicht abgeblasen. Wird in ein paar Monaten also alles wieder so wie vor Corona?
Vorerst werden Überlegungen, wie man ein stabileres Netzwerk aufbauen kann eine gewichtige Rolle spielen. Es ist allerdings auch zu erwarten, dass mit etwas Zeitverzug Kostenwieder prominent mitdiskutiert werden. Sicherlich ist durch die Corona-Krise deutlich geworden, dass dies immer im Zusammenhang mit anderen Zielgrössen erfolgen muss.

 

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