Den Tourismus bewusst entwickeln

Den Tourismus bewusst entwickeln
Roland Dähler
Lesezeit: 4 Minuten

Verschiedene Hotspots im Appenzellerland werden von Touristen zeitweise regelrecht überrannt. Der Kanton Appenzell Innerrhoden reagiert und versucht, den Tourismus in die richtigen Bahnen zu lenken.

Wenn Tourismusorganisationen Konzepte verfassen, ist das Business as usual. In Appenzell Innerrhoden hat 2021 aber die Standeskommission, die Kantonsregierung, den Auftrag für die Erarbeitung einer umfassenden Tourismusstrategie erteilt, die inzwischen vorliegt. «Mit der Tourismuspolitik des Kantons sollen erstmals Rahmenbedingungen für eine bewusst geführte Entwicklung des Tourismus geschaffen werden», erklärt Landammann Roland Dähler, warum die Exekutive sich hier engagiert. Der Zeitpunkt ist nicht zufällig: «Die Coronapandemie hat uns Grenzen des touristischen Angebotes aufgezeigt.» Zeitweise kamen mehr Menschen ins Appenzellerland, als die Strukturen es verkraften. «Gleichzeitig zeigen Megatrends, dass der Tagestourismus in den nächsten Jahren steigen wird, ohne dass wir dieses Marktsegment bewerben», hält Dähler, Vorsteher des Innerrhoder Volkswirtschaftsdepartements, fest. Im Konzept wird angenommen, dass der Tagestourismus bis 2040 um gut 20 Prozent zunehmen wird. Wirklich problematisch sind jeweils rund zwei Dutzend Spitzentage im Jahr, hauptsächlich Wochenenden in der Hauptsaison. «Wir möchten im Tagestourismus die Anzahl der Gäste etwas steuern oder verlagern», sagt Roland Dähler. Gleichzeitig soll die Infrastruktur verbessert werden. «Wir sind überzeugt, dass wir so die Qualität des gesamten touristischen Erlebnisses steigern können.» Dähler weiss, dass man im Appenzellerland ein gutes Produkt hat: «Vieles im Tourismus läuft heute schon sehr gut. Das wollen wir fördern, damit wir eine Basis für wieder- kommende Gäste schaffen können.»

Bedeutender Wirtschaftsfaktor

Heute findet sich jeder sechste Arbeitsplatz im Kanton im Tourismus. Mit einer Wertschöpfung von 124 Millionen Franken steuert der Tourismus 13 Prozent des Bruttoinlandprodukts von Appenzell Innerrhoden bei. Ziel der neuen Tourismusstrategie sei, die langfristige Planung der verschiedenen Politikbereiche wie die Raumplanungs-, Landwirtschafts-, Verkehrs- und Gesundheitspolitik in Bezug auf den Tourismus aufeinander abzustimmen. Dabei sollen zukünftige Trends erkannt und die Rolle des Kantons im Tourismus geklärt werden: «Wir legen Schwerpunkte und Massnahmen fest, wo und wie der Kanton die Verbesserung von Qualität und Wertschöpfung des Tourismus im Kanton beeinflussen will», sagt Roland Dähler. In der Innerrhoder Tourismuspolitik wurden nun fünf Schwerpunkte und 20 Massnahmen definiert, um vorausschauend und steuernd einzugreifen. Roland Dähler ist von Amtes wegen auch Vorstandsmitglied des Vereins Appenzellerland Tourismus AI (VAT AI), der ebenfalls eine Tourismusstrategie formuliert hat. Das sei keine Doppelspurigkeit, wie Dähler erklärt: «Die Tourismuspolitik des Kantons und die Tourismusstrategie des Vereins Appenzellerland Tourismus AI ergänzen sich.» Die Strategie des VAT AI ziele auf die Schaffung und Vermarktung von touristischen Angeboten, die vielfach auch von Einheimischen genutzt würden. Die Touristiker in Appenzell Innerrhoden schauen dabei über die Nasenspitze hinaus und koordinieren sich regelmässig mit anderen Playern in der Ostschweiz wie den Vorstehern der Volkswirtschaftsdepartemente, den Amtsstellen, den Tourismusdirektoren und mit den ÖV-Anbietern, wie Dähler sagt. «Wir pflegen einen sehr intensiven Austausch und arbeiten erfolgreich zusammen.»

  

«Megatrends zeigen, dass der Tagestourismus steigen wird, ohne dass wir dieses Marktsegment bewerben.»

Sinnvolle Ergänzung des Hotelangebots

Um mehr Logiernächte in den Kanton zu bringen, benötigt Appenzell Innerrhoden zusätzliche Hotelbetten. Die Standeskommission will die raumplanerischen Voraussetzungen für neue Hotelprojekte oder für Erweiterungsprojekte schaffen. Klären will sie auch, ob der Kanton solche Projekte wirtschaftlich fördern soll. Dabei würde die Standeskommission auf Aspekte wie eine langfristige Erfolgswahrscheinlichkeit und eine ökologische und soziale Nachhaltigkeit achten. Allfällige neue Betriebe müssten zu Appenzell Innerrhoden passen und das bestehende Angebot sinnvoll ergänzen. «Die Umsetzung von Projekten liegt aber in den Händen der Grundstückeigentümer sowie der Investoren. Die öffentliche Hand kann und will nicht über privates Eigentum bestimmen», betont Roland Dähler.

Shuttle für Ausflügler

Mögliche Angebotsverbesserungen im öffentlichen Verkehr werden im Gespräch mit den Transportunternehmen – Appenzeller Bahnen und Postauto – und den Tourismusorganisationen dauernd geprüft. «Wenn Massnahmen sinnvoll sind, können wir auch kurzfristig entscheiden», sagt Roland Dähler und nennt als Beispiel den neuen Postauto-Shuttle ab der Haltestelle Hirschberg der Appenzeller Bahnen. Dieser Shuttle verkehrt Ende April bis Ende Oktober an Wochenenden und bringt Ausflügler aus St.Gallen und Gais rund eine halbe Stunde schneller nach Weissbad, Schwende oder Wasserauen.

Die Parkplätze in Wasserauen, dem wichtigen Tor zum Alpstein, sind begrenzt, «bei gewissen Wetterkonstellationen kann zudem ein grosser Teil der Parkplätze nicht genutzt werden», sagt Dähler. «Wir wollen deshalb mit einem Verkehrsexperten prüfen, welche Massnahmen für eine nachhaltige Lösung notwendig sind. Ob dies ein Parkhaus sein wird, wird sich zeigen.»

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Schneefreie Winter

Grosse Skigebiete gibt es in Appenzell Innerrhoden nicht, das grösste ist die Ebenalp mit sechs Anlagen auf bis zu 1720 Metern Höhe. Der vergleichsweise kleine Anteil des Wintersports an der touristischen Wertschöpfung könnte sich noch akzentuieren: «Die klimatischen Megatrends sprechen eine klare Sprache. Wir müssen davon ausgehen, dass die Winter in unserem Kanton vermehrt schneefrei sind», sagt Roland Dähler. «Mit verschiedenen zusätzlichen Angeboten soll die Saison im Frühling und im Herbst etwas verlängert werden.» Der VAT AI erarbeite deshalb zusammen mit den touristischen Leistungsträgern auch alternative Angebote für die Wintersaison.

Text: Philipp Landmark

Bild: Thomas Hary

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