Skigebiete reduzieren Abhängigkeit vom Naturschnee

Skigebiete reduzieren Abhängigkeit vom Naturschnee
Mario Bislin
Lesezeit: 5 Minuten

Die Bilder vom weissen Band in brauner Natur für ein Weltcup-Skirennen in Adelboden bleiben haften. Ostschweizer Skidestinationen wie Pizol oder Flumserberg präsentieren sich aktuell zwar als weisser Wintertraum, doch der Klimawandel fliesst auch hier in die Zukunftsstrategie ein.

16 von 17 Anlagen laufen in den ersten Märztagen am Flumserberg, Skifahrer und Snowboarder geniessen die gut präparierten Pisten und schicken Selfies ins Netz, die auch ein Postkartenfotograf nicht schöner hätte komponieren können. Im Skigebiet Pizol sind alle zwölf Anlagen in Betrieb, auch hier vergnügen sich die Wintersportler bei schönem Wetter auf gut präparierten Hängen – nur einzelne Pisten, darunter die Talabfahrten, sind geschlossen. Die idyllische Momentaufnahme ist freilich etwas trügerisch. «Unsere Wintersaison startete im Dezember aufgrund des wenigen Schnees suboptimal», sagt Mario Bislin, CEO der Bergbahnen Flumserberg AG. Die Pizolbahnen wiederum eröffnete ihren täglichen Betrieb am 9. Dezember, und wenn Klaus Nussbaumer, CEO der Pizolbahnen AG, sagt, «wir konnten immer ein Pistenangebot aufrechterhalten», dann bedeutet dies auch: Selbstverständlich war dies in diesem Winter nicht.

«Spezial-Angebote halfen uns, die schneearme Zeit mit einem blauen Auge zu meistern.»

Mario Bislin, Flumserberg

Ohne Kunstschnee geht es nicht

Zum eigentlichen Winterbeginn war den Ostschweizer Skigebieten kein Schnee gegönnt, doch immerhin spielte die kalte Witterung den Bahnbetreibern in die Karten: «Wir hatten zum Saisonstart tatsächlich ein Zeitfenster offen, um technisch zu beschneien» erklärt Mario Bislin. Am Flumserberg werde dies sehr bewusst und konsequent nur bei optimalen Bedingungen gemacht, also dann, wenn Luft- und Bodentemperatur wie auch Luftfeuchtigkeit stimmen. So liessen sich die Ressourcen Wasser und Strom sinnvoll zu nutzen. Das Skigebiet Flumserberg, das zu den grösseren Destinationen in der Schweiz zählt, gilt als recht schneesicher. «Aber bei solch ungewöhnlichen Wetterverhältnissen ist die technische Beschneiung auch für den Flumserberg wichtig», sagt Mario Bislin.

Ausbauprojekt am Pizol

Am Pizol oberhalb von Bad Ragaz und Wangs standen in den kalten Tagen anfangs Dezember alle 142 Beschneiungsgeräte voll im Einsatz, wie Klaus Nussbaumer berichtet. Damit kann gut ein Viertel der Pisten im Skigebiet künstlich beschneit werden. Bis im Jahr 2028 soll am Pizol das Projekt Beschneiung 4.0 umgesetzt sein. Damit soll eine durchgehende Piste mit einer angemessenen Schneedecke vom Maienberg in Wangs auf 1045 Meter hoch zum Verbindungslift auf über 2200 Meter bis zur Talstation Schwamm auf der Ragazer Seite auf 1350 Meter sichergestellt werden. Dafür wird ein zusätzlicher Speichersee östlich der Pizolhütte erstellt, insgesamt können so für die Beschneiung 134 000 Kubikmeter Wasser bereitgestellt werden. Mit gut 150 zusätzlichen Beschneiungsgeräten sollen künftig 42 Prozent der Pisten beschneit werden können. Die Baubewilligung für das Projekt liegt seit 2020 vor, Einsprachen sind nicht mehr möglich. Die Projektkosten belaufen sich auf 12,4 Millionen Franken. Der Bund stellt drei Millionen als zinsloses Darlehen bereit, der Kanton St.Gallen stellt Zinskostenbeiträge zur Verfügung. Die Standortgemeinden Bad Ragaz und Wangs wie auch die umliegenden Gemeinden Mels, Maienfeld, Pfäfers und Fläsch steuern über fünf Millionen primär in Form von zusätzlichen Aktien bei – sofern in den Gemeinden nun anstehende Abstimmungen positiv ausgehen. CEO Klaus Nussbaumer ist zuversichtlich, dass die Unterstützung aus den Gemeinden kommt: «Wir bereiten derzeit alles vor, dass wir im Sommer mit dem Projekt starten können.» Die Pizolbahnen informieren auf der Website pizolschneit.com ausführlich über ihr Projekt. Unter anderem legen sie dar, dass es ohne Beschneiung in fünf von acht  Wintern zwischen 1500 und 2000 Metern Höhe langfristig keinen Skibetrieb mehr gebe. Mit einer leistungsfähigen Beschneiung sei der Skibetrieb oberhalb von 1500 Metern während der ganzen Wintersaison am Pizol sichergestellt. Das dürfte auch bedeuten: Die Abfahrt zur Talstation in Wangs, die knapp über 500 Metern liegt, wird man hauptsächlich aus alten Erzählungen kennen.

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«Der Sommerumsatz hat sich im letzten Jahrzehnt verdreifacht.»

Klaus Nussbaumer, Pizol

Alternative Angebote

In der schwierigen Zeit im Dezember und Januar, als der Flumserberg die Gäste mit einem reduzierten Pistenangebot empfing, zeigte sich die Bergbahn von ihrer kreativen Seite. So konnten verschiedene Alternativen zum Skifahren auf dem Berg angeboten werden. Auf dem Maschgenkamm wurden im Panoramarestaurant auf 2020 Metern Yoga-Stunden angeboten, auf der Prodalp lockte der kristallförmige Klettertum «Cliimber» mit über 100 Stationen zum Winterklettern. Für Kinder gab es Märli-Specials, Kindercocktail-Mixkurse und Wanderungen mit Alpakas, Ponys und Ziegen. «Diese Spezial-Angebote halfen uns, die schneearme Zeit mit einem blauen Auge zu meistern», sagt Mario Bislin. Inzwischen hat es genügend Schnee für den Skibetrieb: Während der Flumserberg um Weihnachten recht schwach besucht war, konnte die Destination im Februar an ihre allerbesten Ergebnisse anknüpfen. Die Destination, die ohne Gelder von der öffentlichen Hand auskommt, erwirtschaftete mit den verschiedenen Bahnen, den Gastrobetrieben und den Sportfilialen zuletzt einen konsolidierten Betriebsertrag von rund 33 Millionen Franken. In der Wintersaison beschäftigt der Flumserberg 350 Mitarbeiter, etwa 60 Prozent davon in einem Vollzeitpensum. Die Gästestruktur am Flumserberg hat sich über die Pandemie-Zeit nicht spürbar verändert, «unsere Gäste sind dem Berg treu geblieben», sagt Bislin. Zur Hauptsache werden Gäste aus dem Kanton Zürich und aus der Ostschweiz registriert.

Beitrag an die Lebensqualität

Ein Dutzend Kilometer weiter südöstlich, am Pizol, sieht Klaus Nussbaumer eine leichte Veränderung: «Wir haben festgestellt, dass wieder mehr Schweizer  Gäste ihr Land für sich entdeckt haben.» Zudem kämen auch wieder mehr deutsche Gäste. Der Flumserberg versteht sich als ein Ganzjahresausflugsziel, wie Mario Bislin sagt, «als Familienberg haben wir eine sehr grosse Bedeutung für den lokalen Tourismus, wir leisten einen grossen Beitrag für die Wertschöpfung in unserer Region». Haupteinnahmequelle ist nach wie vor die Wintersaison, «seit einigen Jahren sehen wir unser Entwicklungspotenzial hauptsächlich in der schneefreien Zeit». Mit einem Kletterturm, einer Sommer-Rodelbahn oder Angeboten für Biker macht sich der Flumserberg fit für die schneefreie Zeit. Neu möchte die Destination auch im kulturellen Bereich punkten: Ab 2024 findet die Freilichtoper, das Herzstück der St. Galler Festspiele, jedes zweite Jahr auf 1400 Metern am Flumserberg statt. Im Sommer 2024 wird hier Henry Purcells Oper «The Fairy Queen» gegeben.

Auch die Pizolbahnen haben in den vergangenen Jahren sehr viel in das Sommerangebot investiert und bieten mittlerweile rund 300 Tage Bergerlebnis an. «Der Sommerumsatz hat sich im letzten Jahrzehnt verdreifacht. Das Wintersportangebot ist aber immer noch dominierend in der Wertschöpfung», sagt Klaus Nussbaumer. Darum sei die Investition in die Beschneiungsanlagen wichtig. Mit über 350 000 Gästen im Jahr (Saison 2021/22) hätten die Pizolbahnen eine touristische Bedeutung für die Region, «sie tragen darüber hinaus zur Lebensqualität bei, was auch für die internationalen Unternehmen im Rheintal wichtig ist», sagt Nussbaumer. «Eine hohe Lebensqualität ist Grundlage, um qualifizierte Mitarbeiter für die Unternehmen zu finden und zu halten

Text: Philipp Landmark

Bild: Thomas Hary

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