Schwerpunkt Switzerland Innovation Park Ost

Brutstätte für Innovation in der Ostschweiz

Brutstätte für Innovation  in der Ostschweiz
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Fünf Hauptstandorte zählte das Forschungsnetzwerk Switzerland Innovation Park bisher – die Ostschweiz suchte man vergeblich auf der Karte. Doch nun nimmt der Innovationspark Ost seine Tätigkeit auf und übernimmt dafür wesentlich Aktivitäten des St.Galler Startfelds. Der Innovationspark soll helfen, die Wirtschaftskraft der Ostschweiz zu stärken.

Wie wäre es eigentlich, wenn sich eine Region dem internationalen Wettbewerb einfach verweigern würde? Wenn ein Landesteil auf möglichst viele qualifizierte Arbeitsplätze und auf eine hohe Wertschöpfung pfeifen würde? Für einen kurzen Moment würde dieses idyllische, rückwärtsgewandte Gedankenexperiment vielleicht funktionieren. Spätestens dann, wenn man ernsthaft erkrankt und merken würde, dass auch in der Gesundheitsversorgung die Uhren stehen geblieben sind, wäre die Vorstellung nicht mehr so kuschelig. Wenn alle halbwegs talentierten und motivierten jüngeren Leute nach Lausanne, Singapur oder Helsinki abhauen, um nicht vor Langeweile zu sterben, wäre auch niemand da, der ein Retro-Modell am Laufen halten könnte. Und vermutlich würden es vorwärtsgewandte Kantone nicht sonderlich lustig finden, den Verweigerern mit einem üppigen Finanzausgleich noch mehr unter die Arme zu greifen.

Auf Innovation zu verzichten wäre bald einmal ein existenzgefährdendes Experiment. Weshalb die meistens Regionen auf dieser Welt sich mehr oder weniger stark um Fortschritt bemühen. Und um jetzt keine Missverständnisse zu generieren: Die Ostschweiz setzt sich nicht dem Verdacht aus, sich dieser Notwendigkeit verweigern zu wollen, im Gegenteil. Zahlreich sind die Bemühungen, hoch die Ambitionen. Nur braucht, wer das Feld von hinten aufrollen will, auch einen langen Atem und viel Beharrlichkeit.

 

Irgendwo in der Mitte

Wie weit hinten ist die Ostschweiz eigentlich? Die UBS lässt in einer Studie die Wettbewerbsfähigkeit der Kantone analysieren, mit verschiedenen Indikatoren wird das Potenzial zur Steigerung der Wirtschaftsleistung beziffert. Auch für
2021 kommt es zum erwartbaren Ergebnis: Auf den ersten drei Plätzen stehen die Kantone Zug, Basel-Stadt und Zürich. Dahinter folgen mit etwas Abstand Aargau, Schwyz und die Waadt. Der Thurgau steht im Mittelfeld auf Platz 12, unmittelbar vor St.Gallen, beide kommen auf gerade mal zwei Drittel des Potenzials von Zug. Appenzell Ausserrhoden liegt auf Platz 17, Appenzell Innerrhoden schliesslich auf Platz 20. Würden in den grösseren Kantonen die urbanen Zentren ge-
sondert betrachtet, schnitten diese klar besser ab – etwa die Region Lausanne mit der EPFL, einem der Hotspots für Innovation in der Schweiz. Das Muster lässt sich aber auch auf einen Kanton wie St.Gallen übertragen.

Im nationalen Finanzausgleich spiegelt sich das wirtschaftliche Potenzial, drei der vier Kantone der engeren Ostschweiz sind ressourcenschwach. Appenzell Innerrhoden gilt in der für 2023 massgeblichen Wertung mit 101,2 Prozent des Schweizerischen Mittelwerts der Ressourcenstärke neu als ressourcenstark. Appenzell Ausserrhoden kommt auf
85,2 Prozent, St.Gallen auf 83,6 Prozent und der Thurgau auf 80,1 Prozent. Diese drei Kantone werden deshalb mit Geldern des Bundes und der stärksten Kantone alimentiert. So klug dieses freundeidgenössische Instrument des Ausgleichs ist: Sonderlich sexy ist es nicht, Finanzausgleich zu kassieren.

Der Kanton St.Gallen, so formulierte es darum die kantonale FDP vor einem Jahr, soll von einem grossen Empfänger von Finanzausgleich bis 2030 zu einem Geber werden. Gute Idee, fand der Kantonsrat, und schrieb dieses Ziel der Regierung in die To-Do-List. Diese nahm den Wunsch auf und grübelte, wo anzusetzen ist, um die Ressourcenkraft des Kantons zu stärken. Die Analyse zeigte, dass im Kanton wie auch in der übrigen Ostschweiz der Dienstleistungssektor mit seiner höheren Wertschöpfung schwach ausgeprägt ist, und dass in der Ostschweiz auch die Löhne in allen Bereichen unterdurchschnittlich sind.

Dass es möglich ist, Terrain gegenüber den anderen Schweizer Kantonen gut zu machen, zeigt ein Blick in die jüngere Vergangenheit. Im Jahr 2011 kam der Kanton St.Gallen auf nur 73,6 Prozent der durchschnittlichen Ressourcenstärke. Die Tendenz stimmt also schon einmal, die Bestrebungen, an wirtschaftlicher Potenz zuzulegen, gibt es schliesslich auch nicht erst seit einem Jahr. Neu sind zum Teil die Instrumente.

 

 

Wer das Feld von hinten aufrollen will, braucht einen langen Atem und viel Beharrlichkeit.

Innovationsschub erhofft

Vier Stossrichtungen sollen St.Gallen in naher Zukunft wettbewerbsfähiger machen, wie die Kantonsregierung erklärte. Der Kanton will sich, erstens, bei der Arealentwicklung stärker engagieren, um für attraktive Ansiedlungen oder Erweiterungen von Unternehmen überhaupt geeignete Flächen anbieten zu können. Dann sind, zweitens, in St.Gallen die Vermögenssteuern im Vergleich zu den Nachbarn «problematisch hoch», was wohlhabende Personen – und somit potenzielle Steuerzahler und Investoren – abschreckt; hier will der Kanton nachbessern. Als rückständig gilt, drittens, auch die Kinderbetreuung, weshalb Tagesstrukturen ausgebaut werden sollen. Und viertens schliesslich will St.Gallen der wirtschaftlichen Strukturschwäche mit einem institutionalisierten Innovationsschub begegnen: dem neuen Innovationspark Ost.

Nach zwei gescheiterten St.Galler Konzepten und einer ungehörten parallelen Thurgauer Bewerbung bekam die Ostschweiz doch noch den Zuschlag für einen sechsten Hauptstandort des Switzerland Innovation Parks. Die Ostschweiz hat diesen Zugang zum Eidgenössischen Forschungsnetzwerk aber nicht einfach ertrötzelet, sondern mit einem überzeugenden, gemeinsamen Konzept verdient. Der Kanton St.Gallen als Treiber der Geschichte hatte aus den ersten Abfuhren gelernt und glaubwürdige Ziele formuliert. Und er hat die ganze Region ins Boot geholt.

Der neue Hotspot für Innovation soll denn auch in der ganzen Ostschweiz bis ins Fürstentum Liechtenstein befruchtend wirken. Die Restschweiz jedenfalls glaubt dem jüngsten Partner im Verbund, dass hier ein signifikantes Potenzial für eine zukunftsgerichtete Vernetzung von Wirtschaft und Forschung aktiviert werden kann – sonst hätte es keinen Zuschlag gegeben.

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Sie werden den Innovationspark Ost prägen (von links): Peter Frischknecht, Leiter Campus Lerchenfeld und Start-up- Förderung; Bärbel Selm, Leiterin Networking Center; Hans Ebinger, Geschäftsführer; Urs Sidler, Leiter Transfer Center;  und Cornelia Gut-Villa, Geschäftsführerin Stiftung Startfeld und des Vereins Smartfeld.
Sie werden den Innovationspark Ost prägen (von links): Peter Frischknecht, Leiter Campus Lerchenfeld und Start-up- Förderung; Bärbel Selm, Leiterin Networking Center; Hans Ebinger, Geschäftsführer; Urs Sidler, Leiter Transfer Center; und Cornelia Gut-Villa, Geschäftsführerin Stiftung Startfeld und des Vereins Smartfeld.

Standort Startfeld

Eigentlich wären verschiedene Standorte für den Ostschweizer Innovationspark in Frage gekommen, doch der «Campus Lerchenfeld» unmittelbar neben der Empa in St.Gallen lag irgendwie auf der Hand, denn hier hat Startfeld Pionierarbeit geleistet und bereits ein Innovationszentrum aufgebaut.

2010 gegründet, übernahm Startfeld ab 2016 mehr und mehr Räumlichkeiten im Tagblatt-Komplex, der früheren Druckerei Zollikofer. Weit über 1500 Start-ups wurden von hier aus bei den ersten Schritten ins Unternehmertum beraten und gefördert, mehrere Dutzend Firmen haben sich auch physisch im Lerchenfeld angesiedelt. Entstanden ist ein in
der Ostschweiz so einzigartiges Ökosystem.

In der dritten St.Galler Bewerbung um einen eigenständigen Standort des Schweizerischen Innovationspark wurden genau diese Qualitäten des bestehenden Campus Lerchenfeld in die Waagschale geworfen, und folgerichtig setzt der Innovationspark Ost nun auch auf den Strukturen des Startfelds auf. Der Innovationspark Ost wird diese Strukturen bei Bedarf auch deutlich vergrössern können, im Bewerbungsdossier wurde dokumentiert, wie die heutige Liegenschaft
des Campus Lerchenfeld in mehreren Etappen ergänzt werden kann.

Startfeld und Innovationspark Ost verfolgen auch inhaltlich weitgehend kongruente Ziele: Die Wettbewerbsfähigkeit des Kantons bzw. der ganzen Ostschweiz soll gesteigert werden, zukunftsfähige Arbeitsplätze sollen geschaffen werden. Startfeld fördert dazu im Wesentlichen innovative Einzelprojekte und Geschäftsideen, der Innovationspark soll nun die Innovationsfähigkeit grundsätzlicher und systemisch fördern.

 

Im Startfeld wird seit 2010 an neuen Ideen getüftelt.
Im Startfeld wird seit 2010 an neuen Ideen getüftelt.

Weitere Hausaufgaben

Damit ist der SIP Ost sicher ein Trumpf in den Bemühungen, die Ostschweiz zu einem attraktiven und florierenden Standort zu machen. Der Innovationspark allein kann aber nicht funktionieren, Wirtschaft und Politik müssen zahlreiche weite-re Felder beackern, wenn die Bemühungen etwas fruchten sollen. Die Infrastrukturen müssen à Jour sein, und da hat die Ostschweiz insbesondere bei den Verkehrsverbindungen noch grössere Hausaufgaben zu lösen.

Die grenzüberschreitende Region am Bodensee mit Bayern, Baden-Württemberg, Vorarlberg, Liechtenstein möchte zu-sammen mit den Ostschweizer Kantonen auch die Anerkennung als eigenständigen Metropolitanraum erreichen – was vielleicht helfen würde, die Notwendigkeit einer guten Erreichbarkeit zu plausibilisieren. Vorerst müsste aber die Ostschweiz geeint hinter diesem Ansinnen stehen, im Thurgau verfängt die Idee noch nicht wirklich.

Eine nachhaltige Investition in den Standort Ostschweiz sind auch aktuelle Initiativen im Bildungsbereich wie die
St.Galler IT-Bildungsoffensive oder der neue Joint Medical Master an der HSG – solche Bemühungen dürfen kein Strohfeuer bleiben.

 

Startfeld hat hier Pionierarbeit geleistet.

Top-Areale optimal einsetzen

Will die Ostschweiz sich an den Besten orientieren, dann dürfen die wenigen grossen Standorte von überregionaler Bedeutung, auf denen attraktive Wirtschaftsareale erschlossen werden können, nicht für zweitbeste Lösungen hergeschenkt werden. Für die ambitionierte, überkantonal koordinierte Standortentwicklung Wil West sieht es gut aus, da haben der Thurgauer Grosse Rat und der St.Galler Kantonsrat schon erste richtungsweisende Entscheide gefällt. In der Stadt St.Gallen gilt es, für den Bereich rund um den Bahnhof St.Fiden gross gedachte Lösungen zu finden, die diesem einmaligen Standort gerecht werden. Nicht unbedingt zu einem grossen Wirtschaftsgebiet werden muss die Stadt Frauenfeld, wo mitten im Stadtgebiet die Stadtkaserne und das Zeughaus und weitere Areale neu genutzt werden können. Aufgrund der attraktiven Lage wären hier aber durchaus Standorte für spannende und innovative Arbeitsplätze denkbar – die von Winterthur in zehn Minuten mit der Bahn erreichbar sind. Im nächsten Jahr sollen hier konkrete Projekte ausgearbeitet werden.

Eine attraktive ÖV-Anbindung bekommt vielleicht auch der Innovationspark Ost. Die angedachte Verschiebung
des Bahnhofs Bruggen nach Osten und die so entstehende Doppelhaltestelle Bruggen/Haggen würde den Standort perfekt erschliessen – wenn dereinst auch ein guter und dichter S-Bahn-Fahrplan lockt und der St.Galler Westbahnhof zu einem lokalen ÖV-Hub aufgewertet wird.

Text: Philipp Landmark

Bild: Reto Martin, zVg

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