Seismograf für die weltpolitische Stimmung
Ist die Schweiz noch souverän oder lediglich gut angepasst? Für Christian Brenner ist klar, dass diese Frage nicht isoliert betrachtet werden kann. Politik leide zunehmend unter Kurzfristigkeit. Amtsperioden, medialer Druck und permanentes Tagesgeschäft liessen kaum Raum für strategisches Denken. «Gleichzeitig hat sich das internationale Umfeld fundamental verändert. Das regelbasierte Wertesystem, auf dem Europa jahrzehntelang aufbauen konnte, verliert an Bindungskraft. Macht wird wieder unmittelbarer ausgeübt, wirtschaftlich, technologisch und militärisch.» Für Brenner folgt daraus kein Ruf nach Abschottung, sondern nach Emanzipation. Europa – und damit auch die Schweiz – müsse in zentralen Bereichen wieder handlungsfähiger werden. «Technologische Souveränität, robuste Wertschöpfungsketten und eigenständige Finanzinfrastrukturen sind keine ideologischen Projekte, sondern nüchterne Risikoprävention.»
«Das regelbasierte Wertesystem verliert an Bindungskraft.»
Die Frage des Bestimmungsrechts
Andreas Thiel setzt früher an, beim Begriff selbst. «Souverän» bedeute historisch und sprachlich «darüberstehend». Wer von Souveränität spreche, spreche zwangsläufig von Obrigkeit. «Das verbreitete Narrativ, das Volk sei der Souverän, ist begrifflich falsch, denn Demokratie bedeutet die «Abwesenheit eines Souveräns». Real existiert Souveränität nur dort, wo Macht gebündelt ist: bei Regierungen, Parlamenten und Verwaltungen.» Gegenüber grossen Machtblöcken sei eine kleine Regierung strukturell unterlegen, im Gegensatz zum demokratischen Volk, das schwieriger zu beeindrucken ist als eine Regierung. Patrick Stach verschiebt den Fokus weg von Begriffen hin zur Funktionsfähigkeit. Für ihn ist Souveränität kein absoluter Zustand, sondern eine Frage des Bestimmungsrechts. «Souverän ist ein Staat dann, wenn er sich anpassen kann, weil er es will, nicht weil er muss.» Die Stärke der Schweiz habe historisch gerade darin gelegen, offen zu bleiben, ohne zentrale Kompetenzen preiszugeben. «Entscheidend sind Rechtsklarheit, demokratische Kontrolle und die Fähigkeit, Nein zu sagen, wenn Kernbereiche betroffen sind.»
Christian Mair ergänzt diese Perspektive um eine vergleichende Sicht: «Absolute Souveränität gibt es nicht. Jede Volkswirtschaft ist abhängig, jede Gesellschaft muss sich anpassen.» Im internationalen Vergleich verfüge die Schweiz jedoch über aussergewöhnlich starke Mitwirkungsrechte. Diese wirkten nicht nur punktuell, sondern auch präventiv. Allein die Existenz von Referendum und Initiative verändere politische Prozesse. «Das System ist zwar nicht perfekt, aber ausserordentlich leistungsfähig.»
Thiel hält dagegen: Die formalen Rechte täuschten über Machtasymmetrien hinweg. «Die Gesetzgebung ist schnell, zentralisiert und hochfrequent. Das Volk hingegen ist langsam, fragmentiert und reaktiv.» Die direkte Demokratie wirke als Korrektiv, könne strukturelle Dynamiken aber nicht vollständig ausgleichen. «Die Gefahr liegt weniger im Verlust formaler Rechte als in einer schleichenden Verschiebung faktischer Macht nach oben, wo der Staat am schwächsten ist.»
«Souveränität ist kein absoluter Zustand.»
Bargeld zwischen Freiheit und Funktionalität
Die Diskussion verschiebt sich vom Politischen ins Monetäre. Der Schweizer Franken gilt als eine der stabilsten Währungen weltweit. Patrick Stach führt dies nicht auf Zufall zurück, sondern auf institutionelle Kontinuität: «Politische Stabilität, verlässliche Rechtsordnung und eine unabhängige Nationalbank mit klar definiertem Mandat zur Preisstabilität bilden das Fundament.» Vertrauen entstehe nicht durch Versprechen, sondern durch über Jahrzehnte konsistentes Verhalten.
Für Andreas Thiel ist Geld in erster Linie eine Masseinheit, entscheidend sei nicht die Form, sondern die Eichung. «Sobald die Definition des Werts vollständig einer zentralen Instanz überlassen wird, entsteht Willkürpotenzial. Digitale Systeme erhöhen diese Macht, weil Eingriffe schneller, umfassender und unsichtbarer werden.» Das eigentliche Risiko liege nicht in der Technologie, sondern im Monopol. Solange Wahlfreiheit bestehe, funktioniere der Wettbewerb der Lösungen. «Wird aber das Bargeld abgeschafft, verschiebt sich das Machtgleichgewicht.» Christian Mair relativiert: Für die langfristige Stärke einer Währung sei der Bargeldanteil sekundär. Dennoch plädiert auch er klar für den Erhalt von Bargeld. «Nicht aus Nostalgie, sondern aus Gründen der Resilienz: Technische Ausfälle, Systemrisiken und individuelle Handlungsfähigkeit sprechen für Redundanz.» Wahlfreiheit sei kein ideologischer, sondern ein funktionaler Wert.
Christian Brenner ergänzt die ökonomische Perspektive. Bargeld bedeute nicht nur Autonomie, sondern auch Effizienz. «Kartenzahlungen verursachen Gebühren, die sich entlang der Wertschöpfungskette kumulieren. Bargeld hingegen bleibt im Umlauf ohne permanente Transaktionskosten.» Hinzu kämen Privatsphäre und Unabhängigkeit von Infrastrukturen Dritter. Auch die Edelmetall-Studie von Philoro und der HSG zeige, dass die grosse Mehrheit Bargeld behalten wolle, selbst wenn sie es seltener nutze.
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«Ausfälle, Systemrisiken und Handlungsfähigkeit sprechen für Redundanz
Gold als Rücklage, Referenz und psychologischer Anker
Gold bildet den gemeinsamen Referenzpunkt der Diskussion. Für Christian Brenner ist der momentane «Run» auf Gold kein kurzfristiger Trend, sondern Ausdruck systemischer Spannungen. «Geopolitische Konflikte, hohe Staatsverschuldung, expansive Geldpolitik und massive Käufe durch Zentralbanken haben das Edelmetall wieder ins Zentrum gerückt.» Historisch hätten Machtzentren stets versucht, Vertrauen durch materielle Reserven abzusichern. Gold sei dabei kein Garant für Stabilität, aber ein «Seismograf für Misstrauen». Entscheidend sei eine Eigenschaft: Gold habe kein Kontrahentenrisiko. Es sei Eigentum, nicht Forderung. In einer Welt, in der selbst Staaten ausfallen könnten, sei dieser Unterschied zentral. «Gold ist deshalb nicht demokratisch im politischen Sinn, wohl aber offen zugänglich. Es unterliegt keiner Zahlungszusage, keinem Versprechen, keiner Gegenpartei.»
Christian Mair ordnet Gold in die Anlagepraxis ein. Aus Sicht der Portfoliotheorie könne Gold als Beimischung Volatilität reduzieren und Stabilität erhöhen. Ob physisch, über Goldaktien oder strukturierte Produkte, hänge vom Ziel, vom Zeithorizont und vom Risikoprofil ab. «Wer Vermögen über Generationen sichern will, setzt sinnvollerweise auf physisches Gold mit klarer Nachlassregelung.» Wer taktisch agiere, nutze eher liquide Instrumente wie Edelmetall-ETFs (Exchange Traded Funds) oder Aktien.
Brenner widerspricht nicht, setzt aber einen Akzent: Physisches Gold sei der «Last Man Standing». Papierbasierte Lösungen blieben abhängig von Strukturen, Auslieferungsversprechen und regulatorischen Rahmenbedingungen. «Physischer Besitz vermittelt nicht nur Sicherheit, sondern auch Gelassenheit, ein nicht zu unterschätzender Faktor in der Vermögensplanung.» Patrick Stach ergänzt die rechtliche Dimension. Gold sei zwar ebenfalls ein deklarationspflichtiger Vermögenswert. Bei Bankkonkursen bleibe es jedoch im Eigentum des Kunden, im Gegensatz etwa zu Guthaben. Er warnt: «Nicht deklarierte Bestände, beispielsweise in Bankschliessfächern, können im Erbfall zu Nachsteuerungen führen.» Mit zunehmender Regulierung und strengeren Herkunftsnachweisen werde Transparenz auch aus praktischen Gründen wichtiger.
«Formale Rechte täuschen über Machtasymmetrien hinweg.»
Goldpreis, Knappheit und Systemfragen
Die Frage nach der zukünftigen Goldpreisentwicklung bleibt offen. Für Brenner sind die Treiber klar benennbar: Geopolitik, Schulden, Zinsen, Förderkosten und Zentralbanknachfrage. «Wer an Entspannung, fiskalische Disziplin und steigende Zinsen glaubt, muss mit stagnierenden oder fallenden Preisen rechnen. Wer an strukturelle Instabilität glaubt, sieht weiteres Potenzial.» Gold sei kein Prognoseinstrument, sondern ein Frühwarnsignal. Die physische Knappheit unterstreiche diesen Charakter. Die gesamte historisch geförderte Goldmenge entspricht einem Würfel von rund 22 Metern Kantenlänge und passt damit gut unter den Eiffelturm. Der jährliche Zuwachs sei gering, die Förderung zunehmend aufwendig. «Peak Gold» sei kein kurzfristiges Narrativ, sondern eine strukturelle Beobachtung. Andreas Thiel zieht zum Schluss ein grundsätzliches Fazit: Gold sei weniger Investition als Rücklage. «Investitionen schaffen Wertschöpfung, Rücklagen Stabilität.» Gold löse ein zentrales Problem, den Werterhalt, und befriedige gleichzeitig ein menschliches Bedürfnis nach Beständigkeit und Schönheit. Diese Kombination sei einzigartig. «Deshalb hat Gold über Jahrtausende seine Rolle behalten, unabhängig von Systemen, Ideologien und Technologien.»
Text: Stephan Ziegler
Bild: Rebekka Grossglauser