Finanzplatz Ostschweiz

Zwischen Nähe und Neuerfindung: Wohin steuert der Finanzplatz Ostschweiz?

Zwischen Nähe und Neuerfindung: Wohin steuert der Finanzplatz Ostschweiz?
Josef Montanari, Ueli Manser, Thomas Koller, Marcel Helfenberger, Reto Calonder
Lesezeit: 5 Minuten

Der Finanzplatz Ostschweiz steht unter Druck und zugleich vor neuen Chancen. Digitalisierung, Regulierung und verändertes Kundenverhalten fordern die Institute heraus, während gleichzeitig ihre traditionellen Stärken an Bedeutung gewinnen. Fünf Ostschweizer Bankenvertreter zeigen, wie sie die Zukunft einschätzen und welche Wege sie einschlagen wollen.

Für Josef Montanari von der Migros Bank liegt die Stärke der Region klar in ihrer Verwurzelung: «Der Bankenplatz Ostschweiz zeichnet sich durch eine starke Verankerung, eine hohe Kundennähe und eine solide Basis an KMU-Kunden aus.» Gleichzeitig werde die Wettbewerbsfähigkeit zunehmend davon abhängen, «digitale Innovationen zu integrieren und gleichzeitig die traditionellen Stärken zu bewahren». Gerade darin sieht er eine zentrale Chance: «Je digitaler der Alltag wird, desto digitaler müssen auch die Banken werden – und gerade deshalb wird der persönliche Kontakt an Wert gewinnen.»

Auch Ueli Manser von der Appenzeller Kantonalbank beschreibt die Ausgangslage als stabil und bodenständig: «In der Ostschweiz hat es eine vernünftige Bankendichte mit schweizweit wettbewerbsfähigen, fachkompetenten Banken.» Für ihn liegt die Stärke gerade in der Überschaubarkeit und Nähe. Die Kunden hätten eine «schöne, regionale Auswahl», und genau darin liege ein Vorteil, der sich nicht einfach kopieren lasse.

Thomas Koller von der Thurgauer Kantonalbank richtet den Blick stärker auf die wirtschaftliche Realität: «Gerade in anspruchsvollen Zeiten setzen wir auf einen stetigen Dialog mit den Unternehmen.» Die Nähe zur regionalen Wirtschaft sei kein Schlagwort, sondern gelebte Praxis. «Unsere meist langjährigen Berater kennen das Geschäft und die Herausforderungen der Kundschaft gut und können sich auf Augenhöhe austauschen.» Diese Kontinuität schaffe Vertrauen – und damit Stabilität.

«Andere Regionen haben punkto Stärke und Wettbewerbsfähigkeit aufgeschlossen.»

Für Marcel Helfenberger von Raiffeisen ist genau diese Bodenständigkeit ein entscheidender Faktor: «Wir sind vielleicht nicht der lauteste Finanzplatz, aber wir sind verlässlich und nah an der realen Wirtschaft.» Gerade in einem Umfeld, das zunehmend von globalen Dynamiken geprägt sei, werde diese Nähe zu einem Wettbewerbsvorteil. «Diese Bodenständigkeit wirkt manchmal unspektakulär, aber sie trägt – auch dann, wenn die Rahmenbedingungen anspruchsvoll sind.»

Reto Calonder von Julius Bär ergänzt diese Perspektive mit einem Blick von aussen: «Der Bankenstandort Ostschweiz zeichnet sich durch einen ausgesprochen guten Ruf für qualitativ hochstehende Beratung aus.» Gleichzeitig habe sich das Umfeld verändert. «Andere Regionen in der Schweiz haben

in den letzten Jahren punkto Stärke und Wettbewerbsfähigkeit aufgeschlossen.» Der Wettbewerb werde intensiver – und damit auch der Druck, sich weiterzuentwickeln.

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Digitalisierung trifft auf persönliche Beratung

Ein zentrales Spannungsfeld zeigt sich in der Frage, wie stark Banken auf Digitalisierung setzen sollen. Für Montanari ist die Richtung klar: «Die Bank der Zukunft denkt nicht in Kanälen, sondern in Bedürfnissen.» Digitale Lösungen und persönliche Beratung seien kein Widerspruch, sondern müssten ineinandergreifen.

Auch Helfenberger betont diese Doppelstrategie: «Unsere Kunden wollen einfache digitale Lösungen für den Alltag. Gleichzeitig möchten sie bei wichtigen Lebensentscheiden einen Menschen vor sich haben, der zuhört und versteht.» Entscheidend sei ein «nahtloses Zusammenspiel» – nicht ein Entweder-oder.

Für Koller steht fest, dass sich am Fundament nichts ändert: «Am grundlegenden Geschäftsmodell, das auf Nähe und Vertrauen basiert, wird sich auch in Zukunft nichts ändern.» Die Digitalisierung sei ein wichtiges Instrument, aber kein Ersatz für persönliche Beratung. Gerade bei komplexen Entscheidungen bleibe der direkte Austausch zentral.

Manser sieht die Entwicklung pragmatisch: «Aus unserer Sicht suchen die Kunden vermehrt regionale Angebote. Entsprechend müssen wir unser Geschäftsmodell nicht verändern.» Digitale Angebote würden gezielt ergänzt, ohne die persönliche Betreuung in den Hintergrund zu stellen.

Calonder hingegen spricht von einem tiefgreifenderen Wandel: «Diese Kräfte erfordern eine permanente Anpassung – weg von rein lokal geprägten, produktlastigen Ansätzen hin zu flexiblen, datengesteuerten und beratungsorientierten Modellen.» Für ihn ist klar, dass sich das Banking strukturell verändert.

«Die Bank der Zukunft denkt nicht in Kanälen, sondern in Bedürfnissen.»

Chancen in Vorsorge, Anlagen und KMU-Geschäft

Einigkeit herrscht bei den Wachstumsfeldern. Der klassische Zinsmarkt bleibt wichtig, doch die Zukunft liegt zunehmend in Beratung, Anlagen und Vorsorge.

Marcel Helfenberger bringt es so auf den Punkt: «Viele Menschen merken, dass reine Sparformen nicht mehr reichen. Sie suchen Orientierung.» Genau hier liege die Chance der Banken, «verständliche Beratung, transparente Produkte und eine Begleitung anzubieten, die wirklich zur Lebenssituation passt».

Josef Montanari sieht zusätzlich Potenzial in einer «ganzheitlichen Finanzberatung, die Anlage- und Vorsorgethemen kombiniert». Gleichzeitig bleibe das Hypothekargeschäft eine tragende Säule, insbesondere im Zusammenspiel mit fundierter Beratung im Immobilienbereich.

Auch Thomas Koller will die TKB strategisch weiterentwickeln: «Unsere Ertragsstruktur wollen wir weiter diversifizieren und uns noch stärker zu einer Anlage- und Vorsorgebank entwickeln.» Angebote wie das Pensionszentrum zeigten, wohin die Reise gehe.

Ueli Manser verweist auf die solide Nachfrage in der Region: «Aufgrund des grossen Bedürfnisses an Finanzierungen sehen wir weiterhin grosse Wachstumschancen.» Gleichzeitig verzeichne die APPKB in der Anlageberatung und der Vermögensverwaltung eine starke Nachfrage aus der ganzen Ostschweiz.

Für Reto Calonder als Vertreter einer Privatbank steht das Vermögensgeschäft naturgemäss im Zentrum: «Neben unserer Kernkompetenz im Anlagebereich beobachten wir eine steigende Nachfrage in Bereichen wie Nachfolgeplanung oder Vermögensübergabe.» Gerade in einer alternden Gesellschaft gewinne dieses Thema zusätzlich an Gewicht.

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Zwischen Regulierung, Wettbewerb und Fachkräftemangel

Neben den Chancen benennen alle Gesprächspartner auch klare Herausforderungen. Der Margendruck, steigende regulatorische Anforderungen und der Wettbewerb durch neue Anbieter sind zentrale Themen.

Montanari spricht von «zunehmendem Wettbewerb durch FinTechs und internationale Player», während Manser festhält, dass die Regulierung «für eine kleine regionale Bank eine grosse Herausforderung darstellt».

Koller erweitert den Blick um wirtschaftliche Faktoren: «Ein Abschwung in der Eurozone oder eine unsichere weltwirtschaftliche Entwicklung stellen die Exportwirtschaft vor Herausforderungen – und damit auch einen Teil unserer Kundschaft.» Gleichzeitig werde es immer schwieriger, qualifizierte Mitarbeiter zu finden.

Helfenberger sieht die Herausforderung vor allem in der Geschwindigkeit des Wandels: «Wer in Zukunft erfolgreich sein will, muss Prozesse konsequent vereinfachen und digitale Möglichkeiten intelligent nutzen.» Es gehe nicht darum, alles zu digitalisieren, sondern das Richtige.

Calonder spricht von einer ganzen Reihe struktureller Treiber: «Konsolidierungsdruck, Digitalisierung, regulatorische Komplexität, Generationenwechsel und steigender Wettbewerb» würden den Finanzplatz nachhaltig verändern.

«Es geht nicht darum, alles zu digitalisieren, sondern das Richtige.»

Die Zukunft bleibt regional verankert

Trotz aller Unterschiede in den Einschätzungen bleibt ein gemeinsamer Nenner bestehen: die Bedeutung der Regionalität. Helfenberger formuliert es so: «Diese Nähe schafft Vertrauen und ermöglicht pragmatische und schnelle Entscheidungen.» Koller ergänzt, dass Kunden «Verlässlichkeit und einen kompetenten Ansprechpartner» schätzen.

Montanari sieht die Filiale der Zukunft als «hybrides Beratungszentrum», während Calonder betont, dass Kundennähe heute vor allem «authentische Beziehung und spezialisierte Beratung» bedeute. Und Manser bringt es direkt auf den Punkt: «Schuster, bleib bei deinen Leisten.» Für ihn bleibt entscheidend, «für die regionalen Kunden ein verlässlicher Partner zu sein».

Gerade in dieser Kombination aus Nähe, Vertrauen und Anpassungsfähigkeit liegt die eigentliche Stärke des Bankenplatzes Ostschweiz. Er wird sich weiterentwickeln müssen. Doch vieles spricht dafür, dass er dies aus einer Position der Stabilität heraus tun kann.

Text: Stephan Ziegler

Bild: Rebekka Grossglauser, zVg

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