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Fintechs: Weniger Glamour, mehr Substanz

Fintechs: Weniger Glamour, mehr Substanz
Andrea Barbon
Lesezeit: 4 Minuten

Die grosse Boomphase ist vorbei, doch die Branche bleibt in Bewegung. Die aktuelle IFZ-Fintechstudie zeigt eine Verschiebung hin zu mehr Reife, weniger Neugründungen und neuen technologischen Schwerpunkten. Ein Beispiel aus St.Gallen macht diese Entwicklung konkret sichtbar.

Die Übernahme des St.Galler Fintechs Kaspar& durch die Liberty Vorsorge AG steht exemplarisch für die aktuelle Entwicklung der Branche. Was vor wenigen Jahren noch als klassisches Start-up mit Endkundenfokus gestartet ist, wird heute Teil einer grösseren Plattformstrategie. Kaspar& hatte sich ursprünglich mit einer eigenen Anlage-App im Retailmarkt positioniert, stiess dort jedoch schnell an Grenzen. Hohe Kosten und fehlende Skalierung führten zu einem Strategiewechsel hin zu B2B-Lösungen. Mit der Integration in Liberty wird dieser Weg konsequent weitergeführt: Die Technologie bleibt bestehen, das Geschäftsmodell verändert sich.

«Das Wachstum wird über den anfänglichen Hype hinaus anhalten.»

Vom Boom zur Reifephase

Diese Entwicklung passt exakt zu den Befunden der aktuellen IFZ-Fintechstudie. Nach Jahren mit starkem Wachstum zeigt sich eine deutliche Abkühlung der Dynamik. Die Zahl der Neugründungen geht zurück, gleichzeitig nimmt die Zahl der Übernahmen und Marktbereinigungen zu. Der Markt wird selektiver, weniger experimentell und stärker von wirtschaftlichen Realitäten geprägt.

Für Andrea Barbon, Assistenzprofessor am Center for Financial Services Innovation der Universität St.Gallen, ist diese Entwicklung wenig überraschend. «In gewisser Weise ist die anfängliche Boomphase vorbei. Die zugrunde liegenden Fundamentaldaten bleiben jedoch stark, und das Wachstum wird auch über den anfänglichen Hype hinaus anhalten», erklärt er.

Die aktuelle Phase sei weniger als Krise zu verstehen, sondern vielmehr als Übergang in eine reifere Marktstruktur. «Ich sehe darin vor allem einen natürlichen Reifeprozess. Grössere Unternehmen sind zunehmend daran interessiert, etablierte Fintechs zu übernehmen – insbesondere wegen ihrer Technologie, ihres geistigen Eigentums und ihrer Kundenbasis», so Barbon.

Powerplay Day  

Übernahmen verändern die Dynamik

Gerade Übernahmen wie jene von Kaspar& verdeutlichen, wie sich die Innovationslogik verändert. Während Fintechs früher oft als direkte Herausforderer etablierter Banken auftraten, werden sie heute zunehmend in bestehende Strukturen integriert. Innovation entsteht nicht mehr nur ausserhalb des Systems, sondern wird gezielt eingekauft und skaliert.

Das hat auch Auswirkungen auf die Dynamik im Markt. «Diese Entwicklung ist typisch für eine reifende Branche. Integration kann unabhängige Experimente teilweise verlangsamen, ermöglicht aber gleichzeitig Skalierung und eine breitere Umsetzung von Innovationen», sagt Barbon.

Der Wettbewerb verschiebt sich damit. Statt vieler kleiner Anbieter mit ähnlichen Ideen dominieren zunehmend grössere Plattformen, die gezielt Technologien bündeln und weiterentwickeln.

«Kooperation und Disruption werden auch künftig nebeneinander bestehen.»

B2B statt Disruption

Parallel dazu verändert sich auch das Geschäftsmodell vieler Fintechs. Die Studie zeigt, dass der Fokus zunehmend auf B2B-Anwendungen liegt. Viele Fintechs entwickeln Technologien für Banken und Finanzdienstleister, während andere weiterhin direkt mit etablierten Anbietern konkurrieren.

Kaspar& ist auch hier ein typisches Beispiel. Der Rückzug aus dem Endkundengeschäft zugunsten von Partnerschaften zeigt, wie schwierig es ist, sich im Retailmarkt nachhaltig zu behaupten. Gleichzeitig eröffnet die Zusammenarbeit mit etablierten Anbietern neue Skalierungsmöglichkeiten.

Trotzdem sieht Barbon keine vollständige Abkehr von der ursprünglichen Disruptionsidee. «Das mag für einige Fintechs zutreffen, aber viele andere verfolgen weiterhin das Ziel, etablierte Finanzinstitute herauszufordern. Kooperation und Disruption werden auch künftig nebeneinander bestehen.»

Weniger Kapital, mehr Disziplin

Ein weiterer zentraler Faktor ist die Finanzierung. Venture-Capital-Investitionen sind rückläufig, was sich direkt auf die Innovationsdynamik auswirkt. Neue Geschäftsmodelle entstehen vorsichtiger, Investoren verlangen klarere Perspektiven auf Profitabilität.

Für Barbon ist auch das Teil der Normalisierung: «Sollte der Rückgang bei Venture Capital anhalten, werden Fintechs stärker auf alternative, oft konservativere Finanzierungsquellen angewiesen sein. Das könnte zu mehr Disziplin führen, aber möglicherweise auch das Ausmass an Experimentierfreude und Innovation verringern.»

Gleichzeitig betont er, dass sich diese Entwicklung jederzeit wieder drehen kann, insbesondere durch neue technologische Impulse.

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«Neue technologische Möglichkeiten senken weiterhin die Eintrittsbarrieren.»

Neue Dynamik durch künstliche Intelligenz

Genau hier setzt die nächste Entwicklungsphase an. Die IFZ-Studie zeigt eine klare Verschiebung hin zu datengetriebenen Anwendungen und künstlicher Intelligenz. AI ist inzwischen die grösste Technologie-Kategorie im Fintech-Bereich.

Barbon sieht darin grosses Potenzial: «AI ist eine leistungsstarke Allzwecktechnologie, die besonders gut für finanzielle Anwendungen geeignet ist. Ich sehe daher grosses Potenzial für eine neue, durch AI getriebene Fintech-Welle.»

Diese neue Welle könnte bestehende Geschäftsmodelle weiterentwickeln, aber auch neue Marktteilnehmer hervorbringen. Gleichzeitig entstehen durch neue technologische Möglichkeiten weiterhin Chancen für neue Anbieter. «Neue technologische Möglichkeiten, insbesondere im Bereich AI, senken weiterhin die Eintrittsbarrieren und schaffen laufend neue Chancen für Markteintritte», so Barbon.

Rolle der Regionen

Geografisch bleibt die Branche stark konzentriert. Zentren wie Zürich und Zug dominieren weiterhin das Geschehen. Dennoch gibt es auch für andere Regionen Chancen.

«Zürich und Zug werden voraussichtlich dominante Zentren bleiben. Dennoch können kleinere Regionen eine wichtige Rolle spielen, etwa durch Spezialisierung auf Nischen oder durch die Nutzung akademischer und regionaler Stärken», sagt Barbon.

Die Ostschweiz mit der Universität St.Gallen und Spin-offs wie Kaspar& zeigt, dass solche Nischen funktionieren können, auch wenn sie im Gesamtmarkt eine kleinere Rolle spielen.

Konsolidierung und neue Chancen

Die zentrale Frage bleibt: Ist der Fintech-Boom vorbei? Die Antwort fällt differenziert aus. Die Phase ungebremsten Wachstums und hoher Erwartungen ist klar vorbei. An ihre Stelle tritt ein Markt, der stärker von Effizienz, Skalierung und Integration geprägt ist.

Gleichzeitig entstehen neue Impulse, insbesondere durch künstliche Intelligenz und datenbasierte Geschäftsmodelle. Für Barbon ist deshalb klar: «Wir sehen wahrscheinlich beides: eine Konsolidierung der ersten Fintech-Generation und gleichzeitig das Entstehen einer neuen Welle AI-getriebener Anbieter.» Der Boom ist damit nicht verschwunden, er hat sich nur verändert.

Text: Patrick Stämpfli

Bild: Philipp Baer

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