St.Gallen

«Wir brauchen ein globales Comeback der Kernenergie!»

«Wir brauchen ein globales Comeback der Kernenergie!»
Prof. Dr. Gerd Ganteför: «Wir brauchen die Kernfusion»
Lesezeit: 4 Minuten

Bei einem hochinformativen «Rheintal Dialog Politik und Wirtschaft» erstellte der bekannte Wissenschaftler Prof.Dr. Gerd Ganteför eine ideologiefreie Analyse zum Thema künftige Energieversorgung und Klimakrise. Mit überraschenden Erkenntnissen.

Der Verein St.Galler Rheintal und der AGV Rheintal hatten ins rinova Impulszentrum geladen. Zu einem der wichtigsten Themen unserer an Gesprächsthemen nicht gerade armen Zeit. Die Fragestellung lautete, ob es für die Schweiz oder die ganze Welt möglich sei, beim Energieverbrauch das Ziel Netto-Null zu erreichen.

Optimistischer Denkanstoss

Moderatorin Silvia Gemperle von der Energieagentur St.Gallen gab in ihrer Einleitung den rund einhundert erschienenen interessierten Zuhöreren, die meisten aus dem Wirtschaftsbereich, gleich einen Denkanstoss, der optimistisch stimmen sollte. «Um den Energieverbrauch jedes Einzelnen zu decken, wäre lediglich eine Solarenergiefläche von 24 m2 pro Kopf zu Kosten von 12´000 bis 14´000 Franken nötig.» Das müsste doch möglich sein?

Katherine Broder vom Vorstand des AGV Rheintal begrüsste die Gäste
Katherine Broder vom Vorstand des AGV Rheintal begrüsste die Gäste

Prof.Dr. Gerd Ganteför von der Universität Konstanz ist Professor für Experimentalphysik und forscht im Bereich der Nanotechnologie. Bekannt wurde er einer breiten Öffentlichkeit mit seinen Sachbüchern zu den Themen Klima, Energie und Nanowissenschaften. In seinem Impulsvortrag «Energie und Klima: eine ideologieneutrale Analyse» offenbarte er eine faktenbasierte, wissenschaftliche Sicht auf die Reizthemen Klimakatastrophe, Erderwärmung und etwa Meeresspiegelanstieg.

Analyse aus der Helikoptersicht

Eine Analyse, die sozusagen aus Helikoptersicht vieles relativierte. So wies Ganteför nach, dass es in der Erdgeschichte meist wärmer war als heute. Dass in der weit überwiegenden Zeit gar kein Eis auf den Polkappen existierte. Dass es in jüngster erdgeschichtlicher Zeit ein Fallen der Temperaturen war, dass der gerade erst entstandenen Menschheit wegen Nahrungsmangels jeweils schlecht bekam. Als beispielsweise der Alpenraum vor dreissig Jahrtausenden in einer Eiszeit vergletscherte, hatte die weltweite Abkühlung der Temperaturen das Aussterben des Neandertalers zur Folge.

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...darunter auch Peter Nüesch und Stefan Britschgi
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Die globale Temperatur sei von 1980 bis heute um 1.2 Grad gestiegen. Wobei dies eindeutig auf den steigenden CO2-Gehalt in der Atmosphäre zurückzuführen sei. Während in vorindustrieller Zeit dieser Gehalt 250 bis 260 ppm betragen habe, wird heute ein Wert von 420 ppm gemessen. 1960 lag er noch bei 320 ppm. Die Folge davon ist ein Meeresspiegelanstieg von 3.4 mm pro Jahr. Was nach Ansicht Ganteförs beherrschbar sei.

Klima wie in der Sahara in Südeuropa

Man müsse auch damit rechnen, dass in kurzer Zeit in Südeuropa klimatische Bedingungen wie in der Sahara herrschen würden. Massnahmen, um sich gegen diese Veränderungen zu schützen, wie der Deichbau in Holland, seien gleich wichtig wie CO2-Einsparungen.

Silvia Gemperle von der Energieagentur St.Gallen moderierte den Abend kompetent und stringent
Silvia Gemperle von der Energieagentur St.Gallen moderierte den Abend kompetent und stringent

«Der derzeit in der Politik verfolgte Plan A, nämlich das Einsparen des CO2-Ausstosses durch den Ausbau erneuerbarer Energiequellen, ist weltweit vernachlässigbar. So bezieht etwa Deutschland 77.9 Prozent seiner Energie aus fossilen Quellen. Die Welt sogar 80.9 Prozent. Der Rest entfällt weltweit im Wesentlichen auf Kernenergie oder Wasserkraft.» Dieser Plan A, der mit unilateralen Vorschriften nur die eigenen Bürger plage, sei angesichts der Tatsache, dass die Schweiz 1 Promille und Deutschland gerade einmal 1 Prozent der Weltbevölkerung ausmache, bereits jetzt gescheitert.

Die Teilnehmer an der Podiumsdiskussion: v.l. Thomas Harring, Andreas Bisig, Mike Egger, Prof.Dr.Gerd Ganteför und Reto Friedauer
Die Teilnehmer an der Podiumsdiskussion: v.l. Thomas Harring, Andreas Bisig, Mike Egger, Prof.Dr.Gerd Ganteför und Reto Friedauer

Kraftanstrengung auf lange Sicht

Deshalb plädierte Dr. Gerd Ganteför für einen Plan B. Seiner Ansicht nach wäre in einer globalen, interdisziplinären und ideologiefreien Kraftanstrengung auf lange Sicht durchaus das Ziel einer Netto-Null beim Energieverbrauch zu erreichen. Denn die Hälfte der künftigen CO2-Emissionen könne durch Bäume und Ozeane abgebaut und gespeichert werden. Und eine CO-2 Reduktion um 50 Prozent gegenüber heute sei darstellbar.

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Prof.Dr.Gerd Ganteför:
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Dazu sei ein Wegfall von Erdöl und Kohle als Energieträger notwendig. Und eine Hinwendung zu verstärktem Einsatz von Gas, das bei gleicher Leistungsbilanz wesentliche weniger CO2 emittiert. Hin zu einem verstärkten Einsatz von erneuerbaren Energien, Kern- oder Fusionsenergie und Neuen Energien. Zu einem globalen Comeback der Kernenergie.

v.l. Sabina Saggioro, Katherine Broder und Dominik Hörler
v.l. Sabina Saggioro, Katherine Broder und Dominik Hörler

Wir brauchen die Kernfusion

«Wir brauchen Visionen! Und wir brauchen die Kernfusion», setzt Ganteför grosse Hoffnungen in diese neue, derzeit im Entstehen befindliche Technik, die das Sonnenfeuer aus der Verschmelzung von Deuterium und Tritium auf die Erde holen sollte. Derzeit entsteht der erste grosse Versuchsreaktor im französischen Cadarache in Bau ist.

«Plan B versteht sich als Klimaschutz mit den Menschen, nicht gegen die Menschen!» beendete der Wissenschaftler seinen Vortrag.

Thomas Harring, Präsident der Hexagon Geosystems und CEO bei Leica Geosystems AG, berichtete von den Anstrengungen, die die Unternehmen bereits jetzt durchführen.
Thomas Harring, Präsident der Hexagon Geosystems und CEO bei Leica Geosystems AG, berichtete von den Anstrengungen, die die Unternehmen bereits jetzt durchführen.

Konkrete Massnahmen in Unternehmen

In einem weiteren Impulsvortrag berichtete Thomas Harring, CEO Leica Geosystems AG und Präsident der Hexagon Geosystems von konkreten Massnahmen, die in Unternehmen zur raschen CO2-Reduktion ergriffen werden. Kernpunkt der Bestrebungen sei in seinem Unternehmen der vom römischen Kaiser und Philosoph Marcus Aurelius stammende Leitspruch «Was im Weg steht, wird zum Weg!»

Jede Entscheidung im Betrieb sei am Thema der Nachhaltigkeit zu messen. Ob bei der Beschaffung, beim Transport, in der Produktion, bei den Produkten oder dem Recycling. Und nicht zu vergessen: «Wir beziehen bereits jetzt zu 90 Prozent grünen Strom», berichtete Harring.

In der Podiumsdiskussion wurde einer ideologiefreien Debatte das Wort geredet: v.l. Thomas Harring, Andreas Bisig, Reto Friedauer, Mike Egger und Prof.Dr.Gerd Gantenör
In der Podiumsdiskussion wurde einer ideologiefreien Debatte das Wort geredet: v.l. Thomas Harring, Andreas Bisig, Reto Friedauer, Mike Egger und Prof.Dr.Gerd Gantenör

Wassersensible Quartierentwicklung

In der anschliessenden Podiumsdiskussion berichtete Gemeindepräsident Reto Friedauer von den von Gemeinden gesetzten energetischen Massnahmen. «Das geht bis zur wassersensiblen Quartierentwicklung.» Kantonsrat Stefan Bisig (GLP) gab sich überzeugt, dass die Leute das Problem des Klimawandels in Angriff nehmen wollen und zeigte sich optimistisch.

Beim folgenden Apero wurde eindringlich über die Themen des Vortrags diskutiert
Beim folgenden Apero wurde eindringlich über die Themen des Vortrags diskutiert

NR Mike Egger bezeichnete die Energiestrategie 2030 als verfehlt und sprach der Vernunft bei der Decarbonisierung das Wort. «Wir müssen ganzheitlich denken und vernünftigen Lösungen für die Schweiz finden. Besonders bei der Elektrizität. Ob Photovoltaik, Wind, Speicherkraftwerke oder auch Kernenergie. Alles muss auf den Tisch. Alles muss ideologiefrei diskutiert werden.»