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Wie der Mythos Pierin Vincenz zerbrach

Wie der Mythos Pierin Vincenz zerbrach
Da war die Welt für Pierin Vincenz noch in Ordnung: Offizielles Raiffeisen-Bild zum Geschäftsbericht 2014
Lesezeit: 3 Minuten

Vom charismatischen Vorzeigebanker zur Symbolfigur eines der spektakulärsten Schweizer Wirtschaftsfälle: Vor dem zweiten Strafprozess zeichnet die «Handelszeitung» den Aufstieg und Fall des früheren Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz nach. Das lesenswerte Porträt zeigt einen erfolgreichen Bankmanager, dessen öffentliches Image und privater Lebensstil immer weiter auseinanderdrifteten.

Text: stz.

Am 10. August beginnt vor dem Zürcher Obergericht der zweite Strafprozess gegen Pierin Vincenz, seinen früheren Geschäftspartner Beat Stocker und vier weitere Beschuldigte. Im Vorfeld hat die «Handelszeitung» mit Wegbegleitern aus dem beruflichen und privaten Umfeld gesprochen und die bekannten Stationen im Leben des ehemaligen Raiffeisen-Chefs rekonstruiert.

Am Anfang steht die Frage, wie Vincenz das Bild des bescheidenen Bündner Berglers über Jahre aufrechterhalten konnte. Tatsächlich wuchs er in einem gutbürgerlichen Elternhaus in Chur auf. Sein Vater Gion Clau Vincenz leitete den Bündner Detailhändler Volg, sass für die CVP im Ständerat und präsidierte von 1984 bis 1992 die heutige Raiffeisen Schweiz.

Als Pierin Vincenz 1999 die Führung von Raiffeisen Schweiz übernahm, passte die Erzählung vom einfachen Bergbuben gut zum bodenständigen Image der Genossenschaftsbank. Zugleich erwies er sich als charismatischer und energiegeladener Bankchef. Ehemalige Wegbegleiter betonen, dass Raiffeisen ohne ihn kaum dort stünde, wo sich die Gruppe heute befindet.

Sein Spitzenlohn erreichte 14,6 Millionen Franken

Brisant sind hingegen die von der «Handelszeitung» rekonstruierten Vergütungen. Demnach erhielt die Geschäftsleitung ihren Lohn zeitweise aus zwei Quellen. Ein Teil wurde von der Personalabteilung ausbezahlt, weitere Vergütungen, Boni und Pensionskassenbeiträge liefen über das externe Konto eines mit Vincenz befreundeten Anwalts, damit die Totale vernebelt werden konnte.

2005 soll das Nettosalär von Vincenz zwei Millionen Franken betragen haben. 2006 waren es dem Bericht zufolge 4,2 Millionen, 2007 bereits 6,2 Millionen. Im Spitzenjahr 2008 erreichte sein Bruttolohn unter Einbezug von AHV und beruflicher Vorsorge rund 14,6 Millionen Franken.

Nachdem seine Vergütung 2009 auf jährlich zwei Millionen begrenzt worden war und Vincenz deswegen «ausgeflippt» sei, bewilligte ihm der Verwaltungsrat laut Bericht zusätzlich 3,2 Millionen Franken, um seinen Verbleib als CEO zu sichern.

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Macht, Geld und mangelnde Kontrolle

Mit dem Wachstum von Raiffeisen nahm auch die Machtfülle von Pierin Vincenz zu. Die Bank ging zahlreiche Beteiligungen ein, während ihr Chef immer mehr Verwaltungsratsmandate übernahm. Gleichzeitig soll er laut Anklage private Aufwendungen über Firmenkreditkarten und Spesen abgerechnet haben.

Im Zentrum des Strafverfahrens stehen zudem mutmassliche verdeckte Beteiligungen an Unternehmenstransaktionen. Vincenz und Stocker bestreiten die Vorwürfe beziehungsweise stellen einzelne Geldflüsse als Darlehen dar.

Einen Wendepunkt sieht die «Handelszeitung» im Jahr 2014: Nach einer privaten Auseinandersetzung zweier Geliebten des Bankers in einem Hotelzimmer bezahlte Vincenz einer Beteiligten 1,8 Millionen Franken. Das Geld soll von Stocker gekommen sein. In dieser Zeit verschuldete sich Vincenz laut Bericht zunehmend bei der Bank und bei seinem Geschäftspartner.

Das Porträt beleuchtet zugleich die Rolle des damaligen Raiffeisen-Verwaltungsratspräsidenten Johannes Rüegg-Stürm. Er hätte Vincenz kontrollieren sollen, verliess sich nach Darstellung des Artikels jedoch stark auf dessen Angaben und verlangte selbst bei ungewöhnlichen Spesen teilweise keine Belege.

Aus dem gefeierten Bankchef wurde so ein Sinnbild für fehlende Kontrolle, verdeckte Interessen und die Gefahren einer übermächtigen Führungspersönlichkeit. Für sämtliche Beschuldigte gilt wie üblich die Unschuldsvermutung.

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