Wie der Mythos Pierin Vincenz zerbrach
Text: stz.
Am 10. August beginnt vor dem Zürcher Obergericht der zweite Strafprozess gegen Pierin Vincenz, seinen früheren Geschäftspartner Beat Stocker und vier weitere Beschuldigte. Im Vorfeld hat die «Handelszeitung» mit Wegbegleitern aus dem beruflichen und privaten Umfeld gesprochen und die bekannten Stationen im Leben des ehemaligen Raiffeisen-Chefs rekonstruiert.
Am Anfang steht die Frage, wie Vincenz das Bild des bescheidenen Bündner Berglers über Jahre aufrechterhalten konnte. Tatsächlich wuchs er in einem gutbürgerlichen Elternhaus in Chur auf. Sein Vater Gion Clau Vincenz leitete den Bündner Detailhändler Volg, sass für die CVP im Ständerat und präsidierte von 1984 bis 1992 die heutige Raiffeisen Schweiz.
Als Pierin Vincenz 1999 die Führung von Raiffeisen Schweiz übernahm, passte die Erzählung vom einfachen Bergbuben gut zum bodenständigen Image der Genossenschaftsbank. Zugleich erwies er sich als charismatischer und energiegeladener Bankchef. Ehemalige Wegbegleiter betonen, dass Raiffeisen ohne ihn kaum dort stünde, wo sich die Gruppe heute befindet.
Der vollständige Artikel von Holger Alich, Stefan Barmettler und Zoé Baches ist bei der «Handelszeitung» beziehungsweise auf bilanz.ch erschienen.
Sein Spitzenlohn erreichte 14,6 Millionen Franken
Brisant sind hingegen die von der «Handelszeitung» rekonstruierten Vergütungen. Demnach erhielt die Geschäftsleitung ihren Lohn zeitweise aus zwei Quellen. Ein Teil wurde von der Personalabteilung ausbezahlt, weitere Vergütungen, Boni und Pensionskassenbeiträge liefen über das externe Konto eines mit Vincenz befreundeten Anwalts, damit die Totale vernebelt werden konnte.
2005 soll das Nettosalär von Vincenz zwei Millionen Franken betragen haben. 2006 waren es dem Bericht zufolge 4,2 Millionen, 2007 bereits 6,2 Millionen. Im Spitzenjahr 2008 erreichte sein Bruttolohn unter Einbezug von AHV und beruflicher Vorsorge rund 14,6 Millionen Franken.
Nachdem seine Vergütung 2009 auf jährlich zwei Millionen begrenzt worden war und Vincenz deswegen «ausgeflippt» sei, bewilligte ihm der Verwaltungsrat laut Bericht zusätzlich 3,2 Millionen Franken, um seinen Verbleib als CEO zu sichern.