Diese Ostschweizer Firmen gehören zu den «Hidden Champions» der Schweiz
Text: stz.
Der Wirtschaftsstandort Schweiz wird nicht nur von weltweit bekannten Grosskonzernen wie Nestlé, Roche oder ABB geprägt. Dahinter steht eine zweite Reihe von Unternehmen, die selten Schlagzeilen machen und doch weit über ihre Grösse hinaus wirken: sogenannte «Hidden Champions». Eine neue Metastudie von BDO Schweiz identifiziert 100 hochspezialisierte Schweizer Unternehmen, die mit Innovation, Exportstärke und internationaler Marktführerschaft wesentlich zur Wettbewerbsfähigkeit des Landes beitragen.
Auch die Ostschweiz ist in dieser Auswahl prominent vertreten. Insgesamt finden sich in der BDO-Übersicht zwölf Firmen aus den Kantonen St.Gallen, Thurgau und Appenzell Ausserrhoden. Aus dem Kanton Appenzell Innerrhoden ist in der Liste kein Unternehmen aufgeführt.
Für ihren «Point of View – Hidden Champions in Switzerland» hat BDO Schweiz bestehende Rankings, Unternehmensdaten und weitere öffentlich zugängliche Quellen ausgewertet. Die 100 identifizierten Unternehmen beschäftigen weltweit rund 192'000 Mitarbeitende und erwirtschaften zusammen mehr als 40 Milliarden Franken Umsatz.
«Hidden Champions sind kein Randphänomen, sondern ein zentraler Stabilitätsfaktor unserer Wirtschaft. Sie kombinieren Nischen-Know-how mit Innovation und der Fähigkeit, neue Technologien rasch in marktfähige Lösungen zu überführen. Gleichzeitig setzen sie auf frühzeitige internationale Ausrichtung», sagt Stefan Kühn, Mitglied der Geschäftsleitung von BDO.
Sieben St.Galler Unternehmen in der Liste
Am stärksten ist innerhalb der Ostschweiz der Kanton St.Gallen vertreten. In der BDO-Liste aufgeführt sind Cicor mit Sitz in Bronschhofen, die VAT Group in Haag, Gurit in Wattwil, StarragTornos in Rorschacherberg, Inficon in Bad Ragaz, Coltene Holding in Altstätten sowie Brusa HyPower in Buchs.
Die Bandbreite ist gross: Sie reicht von Elektronik, Sensorik und Konnektivität über Medizintechnik bis zu Maschinenbau, Automation, Energietechnologie und Hochleistungsmaterialien. Damit zeigt die Auswahl auch die industrielle Breite des Kantons St.Gallen.
Cicor entwickelt und produziert fortschrittliche Elektroniklösungen, unter anderem Leiterplatten, Module und komplette elektronische Produkte für Healthcare, Industrie und Verteidigung. Die VAT Group aus Haag wird als Anbieterin von Hochleistungs-Vakuumventilen und Modulen beschrieben, die insbesondere in der Halbleiterindustrie und in der fortgeschrittenen industriellen Produktion eingesetzt werden.
Gurit aus Wattwil produziert fortschrittliche Verbundmaterialien und bietet Engineering-, Werkzeug- und Fertigungslösungen für Windenergie, Marine und industrielle Anwendungen. StarragTornos in Rorschacherberg stellt hochpräzise Werkzeugmaschinen und Bearbeitungslösungen für Luft- und Raumfahrt, Medizintechnik, Energie, Transport und Präzisionsteile her.
Inficon mit Sitz in Bad Ragaz entwickelt Instrumente, Sensortechnologie und Software für Vakuumprozesse, Halbleiterfertigung, Lecksuche und Gasanalyse. Coltene aus Altstätten ist im Bereich Dentalmedizin tätig und entwickelt, produziert und verkauft Verbrauchsmaterialien sowie kleinere Geräte für Endodontie, Restauration und Infektionskontrolle. Brusa HyPower in Buchs entwickelt und produziert elektrische Energiewandler wie DC/DC-Konverter und Onboard-Ladesysteme für Elektromobilitätsanwendungen.
Thurgau und Ausserrhoden ebenfalls vertreten
Auch der Thurgau stellt drei Unternehmen in der Übersicht: Arbonia mit Sitz in Arbon sowie Baumer Group und DocMorris, beide mit Sitz in Frauenfeld. Arbonia liefert Innen- und Funktionstüren, digitale Schliesssysteme, Trennwände und verwandte Innenraumlösungen. Baumer entwickelt und produziert Sensoren, Drehgeber, Vision-Technologie und Prozessmesstechnik. DocMorris wird in der BDO-Analyse als Betreiberin von Online-Apotheken, Marktplätzen und digitalen Gesundheitsdienstleistungen beschrieben.
Aus Appenzell Ausserrhoden finden sich zwei Unternehmen in der Liste: Huber+Suhner mit Hauptsitz in Herisau und Sefar mit Sitz in Heiden. Huber+Suhner entwickelt Verbindungslösungen für Energie- und Datenübertragung, darunter Kabel, Steckverbinder und Systeme für Industrie, Kommunikation und Transport. Sefar wird als Anbieterin von Filtrations-, Gewebe- und garnbasierten Lösungen beschrieben.
Industrielle Stärke im Hintergrund
Schweizweit sind Hidden Champions gemäss BDO besonders stark in Maschinenbau und Automation vertreten. In diesem Bereich zählt die Studie 19 Unternehmen. Es folgen Elektronik und Komponenten mit 17 Unternehmen sowie Materialien und industrielle Verarbeitung mit 14. Hinzu kommen Medizintechnik sowie Biotechnologie und Pharma mit jeweils elf Unternehmen.
Diese Struktur passt gut zur Ostschweiz: Viele der hier aufgeführten Firmen sind in genau jenen Bereichen tätig, in denen industrielle Präzision, technische Spezialisierung und internationale Kundenbeziehungen entscheidend sind. Obwohl viele dieser Unternehmen ausserhalb ihrer Branche kaum bekannt sind, spielen sie eine wichtige Rolle in internationalen Wertschöpfungsketten.
BDO beschreibt die «Hidden Champions» als hochspezialisierte, international dominante mittelständische Unternehmen, die in Export, Innovation und Beschäftigung überdurchschnittlich viel Gewicht haben. Ihr Modell beruhe auf Nischenkompetenz, früher Internationalisierung, Forschungsintensität, Präzision, Qualität und globaler Reichweite aus einem kleinen Heimmarkt heraus.
Zwei Drittel sind börsenkotiert
Ein Ergebnis der Analyse widerspricht dem verbreiteten Bild des familiengeführten Nischenunternehmens: Rund 67 Prozent der identifizierten Hidden Champions sind börsenkotiert. Viele dieser Firmen nutzen den Kapitalmarkt gezielt, um Wachstum zu beschleunigen, Innovationen voranzutreiben und ihre internationale Expansion zu finanzieren.
Gleichzeitig sieht BDO das Erfolgsmodell unter Druck. Offene Märkte, stabile Lieferketten und verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen seien zentrale Voraussetzungen für den Erfolg der Hidden Champions. Geopolitische Spannungen, Protektionismus und die KI-Revolution stellten diese Grundlagen zunehmend infrage.
«Die nächsten Jahre werden zur Bewährungsprobe. In Zeiten des KI-getriebenen Wandels und vermehrter globaler Konkurrenz sind diese Unternehmen besonderen Risiken ausgesetzt. Gleichzeitig haben sie beste Voraussetzungen, neue Technologien schneller in Wettbewerbsvorteile zu übersetzen als viele andere Unternehmen», sagt Stefan Kühn.