Wertschätzung wichtiger als Lohn und Karriere
05.12.2018

Wertschätzung wichtiger als Lohn und Karriere

Wertschätzung ist vielen Angestellten wichtiger als ein guter Lohn oder Aufstiegsmöglichkeiten. Wie es gelingt, im Arbeitsalltag wertschätzend zu sein, darüber haben an der Fachtagung „Der geschätzte Wert von Wertschätzung“ 180 Ostschweizer Führungskräfte diskutiert. Die Fachtagung organisiert hat das Forum BGM Ostschweiz.

Zuvorkommend, ehrlich, fordernd, fördernd und aufmerksam: Das sind einige Eigenschaften, die Brigitte Lüchinger, Präsidentin des Arbeitgeberverbandes Rheintal, einer modernen Führungskraft zuschreibt. „Wir dürfen im Arbeitsalltag den Faktor Mensch niemals vergessen. Danke sagen kostet nichts und wertschätzend zu führen ist nicht schwierig“, sagte sie zu den 180 Teilnehmern der ausgebuchten Fachtagung „Der geschätzte Wert von Wertschätzung“ am 4. Dezember im Kantonsratssaal in St.Gallen. Organisiert hatte die Tagung das Forum BGM Ostschweiz, das sich für die Förderung der Gesundheit am Arbeitsplatz einsetzt.

Welche Werkzeuge gibt es, damit Wertschätzung im Führungsalltag nicht untergeht? Was sagt die Forschung dazu und wie lässt sich Wertschätzung konkret umsetzen? Anhand dieser Fragen zeigten die Referenten auf, wie sich ein wertschätzender Führungsstil auf das Arbeitsklima auswirkt. Wertschätzung ist ein Forschungsschwerpunkt von Nicola Jacobshagen, Lehrbeauftragte für Organisationspsychologie an der Universität St.Gallen. Eine Form von Wertschätzung sind laut Jacobshagen Feedbacks. „Aktuelle Studien belegen, dass ein Drittel aller Feedbacks nicht akzeptiert wird. Das heisst, dieses Führungsinstrument funktioniert nicht“, sagte sie. Jacobshagen betonte, dass Wertschätzung von vielen Mitarbeitern wichtiger beurteilt wird als etwa der Lohn oder Aufstiegsmöglichkeiten. Würden Angestellte wertgeschätzt, wirke sich das auf deren Motivation, Arbeitszufriedenheit und Leistungsfähigkeit aus. „Entwickeln sie also Fantasie, wie sie als Führungskräfte Wertschätzung weitergeben können“, forderte sie die Teilnehmer auf.

Wie sich Wertschätzung umsetzen lässt, darüber sprach Christof Oswald, HR-Verantwortlicher der Bühler AG aus Uzwil. Gerade in einem internationalen Unternehmen sei es wichtig zu verstehen, was die anderen als wertschätzend empfinden würden, sagte Oswald. Europäern sei beispielsweise Mitsprache wichtig, während sich Asiaten eher einen guten Chef wünschten, der schnelle und klare Entscheide fälle und die Mitarbeitern kompetent anweise. „Eine standardisierte Wertschätzung hat keine Wirkung. Jeder merkt, dass sie nicht von Herzen kommt“, sagte er. „Wenn sie hingegen überraschend oder in einem besonderen Moment kommt, ist sie umso bedeutungsvoller“. Als Beispiel ging er auf die Lehrlinge bei Bühler ein. Gute Leistung wird bei ihnen etwa mit Auslandaufenthalten in einem Bühler-Standort belohnt. Zudem können einige von den Lehrlingen an internationalen Kongressen wichtige politische Persönlichkeiten treffen. „Wir müssen es den Jugendlichen ermöglichen, die Gesellschaft mitzugestalten. Das ist eine der wichtigsten Formen von Wertschätzung“, sagte Oswald.

Haennes Kunz vom Amt für Gesundheitsvorsorge des Kantons St.Gallen stellte den Teilnehmern Werkzeuge vor, um Wertschätzung zu vermitteln. „Viele Führungskräfte geben sich Mühe, wertschätzend zu sein. Aber oft kommt das bei den Angestellten nicht an“, sagte Kunz. Die Führungskräfte müssten sich daher zunächst der Grundbedürfnisse des Menschen – nämlich Selbstwerterhöhung, Zugehörigkeit, Orientierung und Lustbefriedigung – bewusst werden. „Kennt eine Führungskraft die Mitarbeiter mit Namen und Funktion, ist das bereits wertschätzend“, sagte er. Gute Führung berücksichtige zudem Bedürfnisse. „Sie vertraut den Angestellten, fordert sie heraus, redet mit ihnen und bezahlt sie fair“, sagte er und fügte an. „Die einzige legitime Form von Mitarbeiterführung ist, diese zu ermächtigen, sich selbst führen zu können“.

Den Bogen von einem Unternehmen zu einem Fussballteam zog der Philosoph und Publizist Ludwig Hasler. Als Beispiel nannte er ein Fussballteam, das sich auf dem letzten Platz befindet. Dann bekommt es einen neuen Trainer, ist wie ausgewechselt und kämpft sich an die Tabellenspitze. Frage man die Spieler nun, wie das möglich sei, würden sie sagen: „Der Trainer hat Dinge aus mir hervorgeholt, von denen ich nie zu träumen gewagt habe“. Auch in der Arbeitswelt geht es laut Hasler darum, solches Talent hervorzulocken. „Dabei unterschätzen wir oftmals den Wert vom ‚Brauchen’. Ein Mensch wird zum Menschen, wenn er gebraucht wird“, sagte Hasler. „Wertschätzung heisst, dem Menschen dabei zu helfen, das zu werden, was er sein kann.“