Warum wir unvernünftig sind
04.11.2019

Warum wir unvernünftig sind

Menschen entscheiden selten rational, aber sie investieren viel in verlässliche Beziehungen. Welche Rolle das in Geldfragen spielt, haben die rund 1400 Gäste an den diesjährigen Anlegerforen der Thurgauer Kantonalbank erfahren. Gastredner war Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie.

Geld anlegen heisst entscheiden, doch das ist im heutigen wirtschaftlichen und politischen Umfeld eine Herausforderung. Mit diesen Worten stimmte Daniel Kummer, Mitglied der TKB-Geschäftsleitung, auf die diesjährigen Anlegerforen ein. Sie vermittelten rund 1400 Gästen interessante Einsichten in die Funktionsweise des menschlichen Gehirns.

Keine absoluten Wahrheiten
Die Auffassung, wir Menschen würden täglich rationale Entscheidungen treffen, ist gemäss Lutz Jäncke (Bild) ein Mythos. «Wir können gar nicht vernünftig sein», nahm der Hirnforscher vorweg. Lebhaft und anschaulich führte er vor Augen, wie das menschliche Hirn funktioniert, dass es zum Beispiel 95 Prozent seiner Aktivität für das Unterbewusste einsetzt oder dass es immerzu damit beschäftigt ist, Informationen aufzunehmen, zu interpretieren und zu selektionieren.

Der Mensch strebe dabei immer nach Stabilität. «Unser Gehirn ist nicht für absolute Wahrheiten geeicht», erklärte der Professor für Neuropsychologie, der an der Universität Zürich forscht und lehrt. Darum setze der Mensch auch beim Umgang mit Geld konkrete Beträge immer in Relation. 5000 Franken für eine hochwertigere Lederausstattung im neuen Maserati seien im Kontext wenig, derselbe Betrag für eine neue Polstergruppe hingegen viel, zeigte Jäncke am Beispiel.

Bei aller Irrationalität, die der Mensch unter anderem auch in finanziellen Angelegenheiten an den Tag lege, wisse er doch Vertrauen und Bindungen zu schätzen, betonte Jäncke. Denn mit Unsicherheit und unklaren Situationen umzugehen, sei fürs Gehirn eine Herausforderung. Umso wichtiger seien Partner, auf die wir uns verlassen könnten. Darum investiere der Mensch viel in verlässliche Beziehungen. Dieses Vertrauen funktioniere aber nur mit echten Menschen.

Zeit, Geduld und gute Nerven
Mit Unsicherheit umzugehen, sei für viele Anleger eine grosse Herausforderung, beobachtet auch Karel Ehmann, der als Leiter des Investment Center massgeblich die Anlagepolitik der TKB mitbestimmt. Vielfach werde bei Anlageentscheidungen das Angst- und nicht das Lustzentrum aktiviert, und Kunden tappten in unbewusste Entscheidungsfallen.

«Die TKB kann helfen, Entscheide zu entemotionalisieren oder zu entschleunigen», sagte der Kapitalmarktprofi. Gleichzeitig legte er Anlegern ans Herz, die einzigartigen Anlagechancen der Aktienmärkte zu nutzen. Dazu brauche es Zeit, Geduld und gute Nerven. Das Wichtigste aber sei, beim Anlegen langfristig zu denken.