«Wachstum muss finanziert werden»
31.05.2019

«Wachstum muss finanziert werden»

Seit dem 21. Mai werben auf TV24 Unternehmensgründer im Format «Die Höhle der Löwen Schweiz» um Investitionskapital für ihre Geschäftsidee. Unter den Investoren ist auch die St.Gallerin Bettina Hein, Gründerin der Softwarefirmen HelloYellow, Pixability und SVOX. Ein Highlight-Text von Marcel Baumgartner aus der aktuellen LEADER-Ausgabe.

Bettina Hein, wenn man sich mit Ihrer Person befasst, erfährt man von sehr vielen Erfolgsgeschichten. Ist bei Ihnen immer alles reibungslos verlaufen oder gab es auch Misserfolge?
Natürlich, sogar viele. Ich erinnere mich: Zu Anfangszeiten an der HSG bemitleideten mich viele meiner Kollegen. Sie alle bekamen super Jobs, ich hingegen gründete eine Firma. Zu dieser Zeit war es nicht wirklich angesagt, eine Softwarefirma zu gründen. Und es war hart: Fünf Jahre lang arbeitete ich von früh bis spät. Und ich fragte mich, warum alle Leute, die in einer Druckerei, Bäckerei oder im Supermarkt arbeiteten, Geld verdienen können – nur ich nicht. Als ich Fundraising machte und immer wieder Verluste hinnehmen musste, fühlte ich mich oft als völlige Versagerin. 2003 beispielsweise mussten wir die Hälfte der Belegschaft entlassen. Das war superhart – ebenso, als wir Kurzarbeit einführen mussten.

Sie hatten gewissermassen kein normales Leben?
Ich weiss noch, wie ich Leute im Tram mit einer Sporttasche gesehen habe. Ich fragte mich: Wie können die noch Sport machen? Ich hatte keinen Begriff vom «normalen» Leben mehr.

Wann kam der Durchbruch?
Wir haben alles Mögliche mit der Software im Bereich Navigationssysteme ausprobiert. Die Sprache-zu-Text-Software für Autos war schliesslich unsere Rettung. Wir haben lange gearbeitet, um die Software auf die Automobilplattform zu übertragen. Zwei, drei Jahre später hat sich das schliesslich ausbezahlt, als wir für den Einsatz unserer Software für jedes Auto Geld erhielten. Ab da war es sofort profitabel. Als dies der Fall war, ging ich mit meinem Mann nach Amerika. Wir absolvierten beide ein Studium. Und schliesslich gründeten wir ab 2008 verschiedene Softwarefirmen.

Wann kamen Sie zurück in die Schweiz?
Das war Ende 2018. Schliesslich lebt ein Grossteil unserer Familie hier. Es war Zeit, zurückzukommen.

Und kaum hier, werden Sie zur «Löwin»…
Zur Sendung bin ich zufällig gekommen. Als ich mit einer Gruppe Jungunternehmer unterwegs war, motivierten sie mich, mitzumachen. Ich dachte darüber nach. Es reizte mich. Und dann ging alles ganz schnell.

Damit werden Sie auch in der breiten Gesellschaft prominent?
Ich habe schon einige Kommentare gehört. Jemand wollte sich echauffieren und sagte mir, das sei ja toll, dann könne ich als «Cervelat-Prominente» vielleicht einmal die Olma eröffnen. Das würde ich tatsächlich super finden, weil ich die Olma liebe.

Was ist Ihre Motivation, an der Sendung teilzunehmen? Langeweile haben Sie sicherlich keine.
In Boston hatte ich jede Woche eine Sprechstunde, bei der mir Unternehmer Fragen stellen konnten. Ich bin gerne auf dieser Fördererschiene, es ist meine Passion. Vielleicht war es auch ein wenig vorbestimmt? Ich probiere schon über zwei Jahrzehnte, die Leute zu ermuntern, Unternehmer zu werden. Deswegen halte ich die Sendung für eine gute Sache. Die Förderung ist in der Schweiz nicht genügend ausgeprägt. Daher biete ich nun auch hier in St.Gallen meine Sprechstunde an.

Gerade das Scheitern wird in der Schweiz häufig verschwiegen.
Ja. Das Ganze hat sich zwar schon ein wenig geändert, aber man redet im Allgemeinen sehr wenig darüber. Klar, Bankrott zu gehen, ist nie schön. Das Leben als Unternehmer ist wie eine Art Achterbahn. Man hat viele Hochs, aber genauso viele Tiefs – und dies manchmal an einem Tag. 

Geben Sie das auch den Leuten mit auf den Weg? Meistens geht es ja eher um die Erfolgsgeschichten. Eigentlich müsste man auch die andere Seite beleuchten – daraus könnte man manchmal noch mehr lernen.
Genau, weil es diese Lektionen sind, die einem bleiben. Klar erinnert man sich gerne an Erfolgserlebnisse. Aber es gibt eben auch Zeiten, in denen man denkt: So, jetzt ist fertig. Wir hatten als Gründer auch schon Phasen, in denen wir uns nichts ausbezahlt haben. Auf den letzten Moment hin erhielten wir dann ein rettendes Investment. Was ich hier gelernt habe, ist, offen zu seinen Mitarbeitern zu sein. Man muss kommunizieren. Das gibt ihnen das nötige Vertrauen. Auch sie arbeiten für das Unternehmen, haben Familien im Hintergrund.

Haben Sie sich jemals selber infrage gestellt? Dachten Sie, Sie wären auf dem falschen Weg?
Natürlich. Ich war der Meinung, dass jeder Schreiner Geld verdienen kann, ich jedoch dafür zu blöd bin. Ich fragte mich, was falsch an mir ist, warum ich den Grund nicht herausfinde. Man denkt ständig daran. Irgendwann muss man sich vor Augen halten, wie weit man eigentlich schon gekommen ist. Ansonsten verzweifelt man.

Feiern Sie Erfolge? Beispielsweise mit einem guten Wein oder einem Kurzurlaub?
Eigentlich sollte man das. Sicher gibt es Tage, an denen ich denke, das war jetzt gut. Aber gross feiere ich es nicht, sondern mache gleich weiter. 

In einem Artikel wurden Sie einmal als Serienunternehmerin bezeichnet.
Bei jeder Firma, die ich gegründet habe, ist stets viel Herzblut mit dabei. Sie sind ein Teil von mir. Aber sie sind auch fremdkapitalfinanziert. Das heisst, die Investoren müssen ihr Geld zurückerhalten. Bei SVOX dauerte es elf Jahre. Auch bei meiner neuen Firma HelloYellow ist dies der Plan. Mein Gehirn ist immer damit beschäftigt, Probleme zu lösen – ansonsten würde mir tatsächlich langweilig. Mit Fliessband-Arbeit hat das also nichts zu tun.

In diesem Fall ist es auch nicht Ihre letzte Station?
Derzeit spielt auch die Familienphase eine Rolle. Unsere Kinder sind fünf und acht Jahre alt. Jeweils nach der Geburt bezog ich sechs oder gar nur drei Wochen Mutterschaftsurlaub. Dann habe ich sie mit ins Büro genommen. Wir hatten eine Vollzeit-Nanny und mein Mann unterstützte mich. Seit einem halben Jahr habe ich mehr Zeit für die Kinder, das ist enorm wertvoll.

Kinder und Beruf stellen immer einen Spagat dar.
Ich kenne diese Erfahrung. Zum Teil arbeitete ich 16 Stunden, verliess um fünf Uhr morgens das Haus und war um 22 Uhr wieder zurück. Ich wollte unbedingt nachsehen, ob die Kinder immerhin gut eingeschlafen sind. Auf die Dauer war das super anstrengend.

Zurück zur Sendung. Hier hat meist jedes Jurymitglied eine Rolle. Welche ist Ihre?
Frauen sind vielleicht anders im Umgang. Ich werde wohl eher die mütterliche Rolle übernehmen. Aber ich will nicht die sein, die immer lieb ist. Ich bin sehr interessiert an allem Technischen, mache es mit Leidenschaft und bilde mich gerne weiter. Ich werde mich in der Sendung aber auch auf andere Konsumgüter einlassen und Verständnis einbringen. 

Es ist also nicht auszuschliessen, dass Sie sich für andere Innovationen begeistern.
Zahlen sind mein Ding, ich überlege mir, was funktionieren könnte. Wie ich das möglichst schnell zusammenbringen kann – das habe ich von meinem Grossvater gelernt. Er hat mir beigebracht, noch am Verhandlungstisch alle Zahlen im Kopf zu haben.

Es geht demnach um die Idee und nicht darum, wie gut diese verkauft wird.
Das ist richtig, man muss auch ein Team sein. Das ist der grösste Erfolgsfaktor bei einem Unternehmen. Es geht nicht um die besten Verkäufer. Ich frage mich, ob sie Leidenschaft haben. Aber davon sollte man in der Sendung eigentlich ausgehen. Es braucht ein Gegengewicht, es braucht Teams, welche sich ergänzen. Homogene Teams haben die schlechteren Erfolgschancen.

Dürfen Sie kommunizieren, in welchem Bereich sich die Zahlen für die Investitionen in der Sendung bewegen?
Es wurde schon ein Rahmen festgelegt, ja. Wir sind aber nicht verpflichtet, zu investieren. Es wird natürlich gehofft, dass Firmen gefördert werden. Bei den Amerikanern gehört es fast zum Berufsethos: Wenn man erfolgreich war, wird man Investor. Man hat die gleichen Schwierigkeiten durchlebt, und dann fördert man andere.

Es gibt auch welche, die der Ansicht sind, dass es verwerflich ist, quasi um Geld zu betteln.
Das ist kompletter Blödsinn. Vielmehr ist es ein Zeichen von Erfolg, andere Leute zu begeistern. Wachstum muss finanziert werden. Ich mache meinen Investoren jeweils klar, dass ein hohes Risiko vorhanden ist – entweder kommt das Geld um ein Vielfaches zurück, oder es ist verloren.

Bild: Marlies Thurnheer für den LEADER.

Zur Person
Die in St.Gallen lebende 45-Jährige ist Gründerin mehrerer Unternehmen in der Softwarebranche. Bettina Heins jüngstes Unternehmen ist das Web-3.0-Technologie-Start-up «HelloYellow». Ausserdem ist sie Gründerin der Softwarefirma Pixability, die ihren Sitz in den USA hat, und Mitgründerin von SVOX, einem Schweizer Sprachtechnologie-Unternehmen, das für 125 Millionen US-Dollar an das US-Unternehmen Nuance Communications verkauft wurde. Hein ist Young Global Leader am World Economic Forum und wurde als «Immigrant Entrepreneur of the Year 2018» in Boston ausgezeichnet.