Strommarkt im Umbruch: Ostschweiz steht vor hohen Investitionen
Text: pd/red
Rund 160 Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft kamen an der EcoOst Arena in der autobau erlebniswelt in Romanshorn zusammen. Im Zentrum stand die Frage, wie der Strommarkt bis 2040 umgebaut werden muss. Die IHK St.Gallen-Appenzell und die IHK Thurgau sehen insbesondere bei Flexibilität, Marktöffnung und den Strukturen der Energieversorger Handlungsbedarf.
Jérôme Müggler, Direktor der IHK Thurgau, verwies auf die Bedeutung einer zuverlässigen Stromversorgung für Unternehmen. Strom sei eine Grundvoraussetzung für Produktion, Arbeit und Investitionen. Gleichzeitig werde er heute in weitgehend vorgegebenen und historisch gewachsenen Versorgungsstrukturen bezogen. «Wenn sich die Anforderungen grundlegend verändern, müssen wir auch prüfen, ob unsere heutigen Strukturen dafür noch richtig aufgestellt sind», sagte Müggler.
Stromproduktion muss deutlich steigen
Christoph Eisenring von Avenir Suisse zeigte auf, welche Dimension der Umbau des Schweizer Stromsystems hat. Bis 2050 müsse die Schweiz ihre Stromproduktion um rund 30 Terawattstunden steigern. Dafür brauche es eine engere Einbindung in den europäischen Strommarkt, marktgerechte Anreize für Solarenergie und Technologieoffenheit. «Wir brauchen in der Schweiz wieder mehr Pioniergeist», sagte Eisenring.
Markus Friedl von der OST – Ostschweizer Fachhochschule erklärte, dass die notwendigen Technologien grundsätzlich vorhanden seien. Anspruchsvoller werde jedoch deren Zusammenspiel in einem zunehmend komplexen Energiesystem. Christian Opitz von der Universität St.Gallen betonte wiederum die organisatorische Seite des Umbaus. Energieversorgungsunternehmen müssten sich strategisch klar positionieren, die notwendigen Fähigkeiten aufbauen und eine geeignete Organisationsform wählen.
Höhere Kosten treffen die Industrie
Welche wirtschaftlichen Folgen bereits geringe Veränderungen beim Strompreis haben können, zeigte Sarah Model, Co-CEO der Model Group, in der Podiumsdiskussion. Ein Rappen mehr pro Kilowattstunde könne für die Produktion des Unternehmens Folgekosten in Millionenhöhe auslösen.
Thomas Ochs, Gemeindepräsident von Amlikon-Bissegg, verwies auf erhebliche Investitionen, die Gemeinden tätigen müssten, um Photovoltaik, Elektromobilität und steigende Lasten bewältigen zu können. Peter Graf, Unternehmensleiter der St.Galler Stadtwerke, machte auf die Zielkonflikte zwischen Versorgungssicherheit, Netzausbau und tiefen Preisen aufmerksam. Ständerat Beni Würth ortete zudem ein strukturelles Problem: Angesichts der Vielzahl beteiligter Akteure sei häufig unklar, wer letztlich die Verantwortung für Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit trage.
IHK fordert konsequente Marktöffnung
Markus Bänziger, Direktor der IHK St.Gallen-Appenzell, fasste zum Abschluss drei zentrale Handlungsfelder zusammen. Flexibilität müsse besser genutzt und die notwendige Infrastruktur schneller ausgebaut werden. Gleichzeitig gelte es, die Einbindung in den europäischen Strommarkt zu stärken und die Marktöffnung konsequent umzusetzen.
Daneben brauche es leistungsfähige Versorgungsstrukturen und eine zeitgemässe Führung der Energieversorgungsunternehmen durch ihre Eigentümer. Wo einzelne Versorger ihre Aufgaben nicht effizient eigenständig erfüllen könnten, seien Kooperationen oder strukturelle Anpassungen notwendig. Gerade öffentliche Eigentümer müssten zudem genügend Kapital für Erneuerungsinvestitionen bereitstellen und bei der Ertragsabschöpfung Mass halten.
Angesichts der bevorstehenden Investitionen müsse die Handlungs- und Investitionsfähigkeit der Energieversorger Priorität erhalten, so Bänziger. Sein Fazit: «Die Weichen für 2040 müssen jetzt gestellt werden.»