19.06.2018

Selbstorganisation trainieren

Unbewusste Prozesse und hochgradig individuelles Denken: Wie Erkenntnisse aus der modernen Hirnforschung im Geschäftsalltag nutzbar sind, schilderte der bekannte Neuropsychologe Lutz Jäncke an der jüngsten Fachtagung der Ostschweizer INNOSourcing GmbH.

«Nein, unser Gehirn ist nicht gemacht, um vernünftig zu sein», beantwortete der Hirnforscher, der seit 2002 an der Universität Zürich lehrt, das Motto der jüngsten Fachtagung der INNOSourcing GmbH aus Sirnach. Jäncke zeigte insbesondere auf, wie das Verständnis der Hirnfunktionen helfen kann, querzudenken, Grenzen zu durchbrechen oder sein eigenes und das Verhalten von Geschäftspartnern besser zu verstehen.

Mit seinen 100 Milliarden Nervenzellen sei das menschliche Gehirn mehr als die Summe seiner Teile. Dieses neuronale Netzwerk mache etwa den Unterschied zum Gehirn von Wüstenrennmäusen aus, betonte Jäncke vor gut 40 Kaderleuten aus dem Beschaffungswesen. Für das menschliche Gehirn gebe es nichts Absolutes, es erlaube ein hochgradig individuelles Denken, und es zeichne sich exklusiv durch die Fähigkeit des Belohnungsaufschubs aus.

Wie diese Erkenntnisse im Geschäftsleben, insbesondere im Verhältnis zwischen Lieferanten und Einkäufern, angewandt werden können, wurde im Rahmen von vier Arbeitsgruppen diskutiert. Es seien nicht immer nur finanzielle Aspekte, die hier eine Rolle spielten. Preise seien zwar wichtig, doch ebenso bedeutend seien Verlässlichkeit und Termintreue. Das Verhalten des Lieferanten könne zudem als Summe der mit Einkäufern gemachten Erfahrungen begriffen werden. «Vertrauen im Geschäftsleben ist keine hohle Phrase, denn der Mensch hasst nichts mehr als den Vertrauensbruch», kommentierte Lutz Jäncke mit Nachdruck.

Dass in Zeiten der Informationsüberflutung und der allgegenwärtigen Präsenz elektronischer Kommunikationsmittel Selbstorganisation immer wichtiger wird, war unbestritten. Diese Selbstorganisation könne man trainieren, bestätigte der Neuropsychologe. Das brauche eine Strategie und vor allem den Willen, sein Verhalten nicht durch eingehende e-mails und andere Reize treiben zu lassen.

Den Blick aufs Ganze zu richten und sich in die Rolle seiner Geschäftspartner zu versetzen, war ein weiterer Ansatz, der vertieft wurde. Das sei eine nicht ganz einfache Aufgabe, wandte Lutz Jäncke ein, doch er ermutigte dazu, sich darum zu bemühen. «Zu wissen, wie der andere tickt, ist für meinen Geschäftsalltag von herausragender Bedeutung», betonte der Hirnforscher. Das gelte vor allem für den Umgang mit Kunden aus anderen Kulturkreisen.