08.08.2018

«Moderne Tagebücher»

An der Goliathgasse inmitten der St.Galler Altstadt liegt das Tattoo-Studio Skin Deep Art. Hier zeichnet und tätowiert der Inhaber Pele Brunner. Er hat in den letzten 25 Jahren viele Tattoo-Künstler in der Schweiz ausgebildet und beeinflusst. Zum Jubiläum hat Daniel Steiner Pele zum Gespräch getroffen.

Pele, wie hast Du angefangen zu tätowieren?
Ich habe eine Nadel in die Hand genommen und einfach mal angefangen. Ich war damals, vor 25 Jahren, gelernter Graveur und kam direkt von der Kunstgewerbeschule. Zeichnen und Handgravieren gehörten damals schon zu meinem Tagesgeschäft. Mein erster Kunde war ein Masseur. Er hatte ein Tattoo auf der Brust – eine dreibrüstige Indianersquaw. Er fragte mich, ob ich ein Cover-up, also ein Überdecken der alten Tätowierung mit einer neuen, machen könnte. Ich stach ihm ein Tribal drüber – und so ging es dann los.

Wie würdest Du Deinen Stil beschreiben?
Mein Stil hat sich über die Jahre laufend verändert und weiterentwickelt. Ich sehe mich als grafischen Allrounder. Ich mache gerne japanische Motive, Ornamente und Stickereimotive. Auch verspielte Sujets wie Florales oder Lettering liegen mir. Ich probiere gerne Neues aus und lasse mich von den Kundenwünschen inspirieren. Früher war Tattoo2go üblich, also ein Tattoo sofort zum Mitnehmen ohne Termin. Heute kommen die Kunden mit Ideen aus dem Internet oder mit klaren Konzepten. Das mag ich so an meinem Job: Jeder Tag, jeder Kunde, jedes Tattoo ist einzigartig.

Du bist selbst auch tätowiert. Ist ein Tattoo einfach Körperschmuck oder steckt da eine Geschichte dahinter?
Für mich sind Tattoos wie ein modernes Tagebuch: Man zeigt, was man gerne hat und was einem wichtig ist. Insofern steckt meistens eine individuelle Geschichte hinter einem Tattoo. Für mich zählen Tattoos heute zu einer der letzten Freiheiten auf dieser Welt. Denn mit meinem Körper kann ich immer noch machen, was ich will.

Wer hat Dich beeinflusst?
Ich habe mein Handwerk bei Thomas Meili gelernt. Ich habe viele Jahre mit ihm zusammengearbeitet. In meiner Tätowierkarriere bin ich zudem viel gereist und habe an prestigeträchtigen internationalen Conventions tätowiert. Ich habe ohne Google, Youtube & Co. angefangen. Unter dem Motto „Nur wer fragt, bekommt auch Antworten“ habe ich Tätowierer ausgefragt und ihre Arbeiten aufgesaugt. Auch grosse Namen wie Andy Engel, Rob Koss oder Waldi Wahn haben mich, mein Handwerk und meinen Stil beeinflusst.

Gibt es auch Tätowierer, die bei Dir das Handwerk gelernt haben?
In den 25 Jahren gingen viele gute Tätowierer bei mir ein und aus. Viele haben heute ihr eigenes Studio und arbeiten sehr erfolgreich. Leute wie Dax Natoli, Ralph Hungerbühler, Simon Schwinger, Basil Girard oder Jenny Bösch haben sich bei mir einen Namen gemacht. Nach meinen eigenen Erfolgen macht es mir grosse Freude, andere zu ihrem Erfolg zu begleiten und ihnen bei der Weiterentwicklung zu helfen.

Pflegst Du Kontakte zu anderen Tätowierern?
Ja, sicher. Ich lasse mich täglich von anderen Tätowierern inspirieren. Ich bleibe gerne auf dem neusten Stand und schaue, was andere so machen. Dank den sozialen Medien kann man heute Kontakte zu Tätowierern rund um den Globus pflegen.

Wie schaut das typische St.Galler Tattoo aus?
Ein typisches St.Galler Tattoo ist das Logo des FC St.Gallen. Es gibt tatsächlich immer wieder Kunden, welche sich das wünschen (lacht). Schön ist auch zu sehen, dass St.Galler Stickereimotive derzeit um die Welt gehen und überall gestochen werden.

Was ist das Schrägste, das Du jemals stechen solltest?
Auch nach 25 Jahren gibt es immer wieder Ideen von Kunden, die mich überraschen. Kürzlich stand ein Typ in meinem Laden und wollte sich komplett schwarz stechen lassen – von Kopf bis Fuss. Er hat das wirklich ernst gemeint. Ich hatte den Eindruck, dass er nicht gewusst hatte, auf was er sich einlässt. Nach einem Beratungsgespräch hat es sich der Kunde anders überlegt.

Eine Kollegin von mir hat eine Steissbein-Tätowierung, ein sogenanntes Arschgeweih. Was rätst Du ihr?
Sie soll es akzeptieren und stolz darauf sein! Das Trendtattoo aus den 90er-Jahren gehört zu ihr und ist ein Teil ihrer persönlichen Geschichte. Wenn es gar nicht mehr geht und sie deswegen schlaflose Nächte hat, dann soll sie bei uns im Studio vorbeikommen und sich beraten lassen. Cover-up ist ein Spezialgebiet von uns, und wir haben fast für jeden Stil einen Spezialisten im Haus.

Wie dumm findest du die Idee, sich den Namen des Partners tätowieren zu lassen?
Das ist nicht eine Frage von dumm oder intelligent. Das ist eine höchst persönliche und emotionale Sache. Ich rate meinen Kunden jedes Mal davon ab (lacht). Die bestehen drauf und wollen es trotzdem machen. Irgendwas muss an diesen Liebes-Tattoo einfach dran sein. So viele Kunden können sich schliesslich nicht irren.

www.skindeepart.ch