Kybun Joya verlagert Produktion nach Italien
Text: stz.
Die neue Auslegung der Swissness-Regeln hat konkrete Folgen für den Werkplatz Ostschweiz: Der Schuhhersteller Kybun verschiebt einen Teil seiner Produktion vom St.Galler Rheintal nach Norditalien. Dies gab der Schweizerische Gewerbeverband am Dienstag, 11. August 2026, an einer Medienkonferenz in Bern bekannt.
Kybun-Joya-Co-CEO Claudio Minder bezeichnet den Entscheid als bitter, aber betriebswirtschaftlich nachvollziehbar. Das Unternehmen wolle «nicht als Musterknabe sterben, während andere die Regeln zu ihren Gunsten ausgelegt bekommen».
Rund 40 Arbeitsplätze betroffen
Von der Verlagerung sind laut Gewerbeverband rund 40 Arbeitsplätze im Rheintal betroffen. Für die Mitarbeiter soll im verbleibenden Schweizer Betrieb nach Anschlusslösungen gesucht werden. Wie viele Stellen tatsächlich wegfallen, welche Produktionsschritte verlagert werden und wann der Schritt vollzogen wird, ist bislang nicht bekannt.
Minder verbindet den Entscheid direkt mit der im März 2026 präzisierten Praxis des Eidgenössischen Instituts für Geistiges Eigentum. Unter bestimmten Bedingungen darf das Schweizerkreuz seither auch auf Produkten angebracht werden, die im Ausland hergestellt, aber beispielsweise in der Schweiz entwickelt wurden.
Italien ist kein neuer Produktionsstandort
Montebelluna ist für Kybun Joya kein neuer Standort. Das Unternehmen produziert bereits seit Jahren einen Teil seiner Kybun-Schuhe in Norditalien. Auf der derzeitigen Unternehmenswebsite heisst es noch, der Grossteil der Kybun-Schuhe werde in Sennwald hergestellt.
In der dortigen Manufaktur entstehen neben Kybun-Modellen auch Schuhe der Traditionsmarke Kandahar. Zudem arbeitet das Unternehmen an der Wiederbelebung der Schweizer Schuhmarke Elgg und an neuen Armeestiefeln. Noch im April 2026 hatte Kybun Joya gegenüber der NZZ umfangreiche Investitionen in die Produktion in Sennwald hervorgehoben.
«Verlagerungsanreiz dürfte sich verstärken»
Für Sven Reinecke, Marketingprofessor an der Universität St.Gallen, schwächt die neue Praxis die Exklusivität des Schweizerkreuzes und damit die Position jener Unternehmen, die tatsächlich in der Schweiz produzieren. «Sie senkt die Kosten des Verzichts auf eine Schweizer Produktion und dürfte Verlagerungsanreize verstärken», erklärt Reinecke.
Auch andere Branchen sehen sich benachteiligt. Silvan Lämmle, Vizepräsident des Verbands Schmierstoffindustrie Schweiz, verwies an der Medienkonferenz auf Schwierigkeiten im Geschäft zwischen Unternehmen. Philipp Bosshard, Präsident des Verbands Schweizerischer Lack- und Farbenfabrikanten, unterstrich die Bedeutung eines konsequenten Schutzes der Swissness.
Gewerbeverband kündigt Petition an
Der Schweizerische Gewerbeverband befürchtet, dass weitere Unternehmen dem Beispiel von Kybun folgen könnten. Viele Schweizer KMU verfügten jedoch nicht über die Möglichkeit, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern. Sie müssten weiterhin zu Schweizer Kosten produzieren, während Mitbewerber im Ausland herstellen und dennoch mit dem Schweizerkreuz werben könnten.
Für Verbandspräsident Fabio Regazzi ist dies das falsche Signal. Statt Anreize zur Verlagerung von Arbeitsplätzen und Wertschöpfung zu schaffen, müsse der Bundesrat den Produktionsstandort Schweiz entlasten. Regazzi und die Baselbieter Nationalrätin Daniela Schneeberger haben parlamentarische Vorstösse eingereicht, um die Praxisänderung rückgängig zu machen. Zusätzlich will der Gewerbeverband eine Petition lancieren.