Kreativwirtschaft für zehn Jahre
09.07.2019

Kreativwirtschaft für zehn Jahre

Drei Jahre wurde auf diesen Moment hingearbeitet, am 25. Mai war es soweit: Der privat finanzierte Lattich-Bau auf dem Güterbahnhofareal in St.Gallen wurde eröffnet. Mit ihm wurde die Vision, einen Ort für die Kreativwirtschaft zu schaffen, sicht- und erlebbar. Ein Text aus der aktuellen LEADER-Ausgabe.

Was 2016 als spontanes Experiment des Gemeindeverbunds Regio Appenzell-Ausserrhoden-St.Gallen-Bodensee begann, gipfelt mit der Eröffnung am 25. Mai in einem schweizweiten Novum: Dem neuen Lattich-Bau auf dem St.Galler Güterbahnhofareal, der komplett aus Holz gefertigt und modular aufgebaut ist. In 45 Einheiten auf drei Stockwerken, die als Werkstätten, Ateliers etc. vermietet werden, wird nun kreativ gearbeitet, entworfen, entwickelt, produziert und verpflegt.

Am Anfang stand eine Vision
Das Areal beim Güterbahnhof ist eines der letzten grösseren Entwicklungsgebiete in der Stadt St.Gallen. Planungsarbeiten für ein Verkehrsprojekt führen dazu, dass für etwa ein Jahrzehnt hier nichts Dauerhaftes realisiert werden kann. Zudem steht in einer SBB-Lagerhalle ein 1000 m2 grosser Raum leer. «Das rief geradezu nach einer Zwischennutzung – und nach der dem Projekt Lattich», erinnert sich Mitinitiator und Regio-Geschäftsleiter Rolf Geiger. Wie das Pioniergewächs Lattich, das auf einer Brache jeweils als erstes wieder wächst, so soll auch die Zwischennutzung auf dem Güterbahnhofareal organisch wachsen und wuchern.

Geigers Vision sah vor, auf dem Areal einen neuen Arbeits- und Lebensraum und ein Innovationsumfeld für die Kreativwirtschaft zu schaffen. «Wir wollten einen Stadtentwicklungsprozess in Gang setzen. Und stellten uns schon damals modulare Bauten vor.» So sollten dort Arbeitsräume für Kleinunternehmen aus der Kreativwirtschaft entstehen, die in Handwerk, Design, Kommunikation oder Architektur tätig sind. Ein kleinteiliger Arbeitsraum, der zum Ort des Austauschs werden soll – und so eben auch Innovation ermöglicht.

Das war 2016. Mit der Bespielung der leer gewordenen SBB-Halle und der Gestaltung und Belebung der Aussenfläche während der Sommermonate 2016, 2017 und 2018 bot sich – unterstützt durch die St.Galler Kantonalbank im Rahmen ihres Jubiläumswettbewerbs – die Möglichkeit für den dafür gegründeten Verein Lattich, die Zwischennutzung auf dem Areal rasch zu beginnen und erste Impulse zu setzen. «Das Güterbahnhofareal wurde während dieser Zeit zu einem Treffpunkt und Begegnungsort und zum Inbegriff für das urbane St.Gallen», so Regio-Geschäftsleiter Rolf Geiger.

Private Trägerschaft, professionelle Umsetzung
Mit der Unterstützung durch die SGKB konnte auch eine Machbarkeitsstudie für einen Lattich-Bau durchgeführt werden. Auf dieser Basis erfolgten unter Federführung der Regio das Baubewilligungs-Vorverfahren und die Vorverhandlungen des Baurechts. Für die Finanzierung und Realisierung des Lattich-Baus brauchte es eine Trägerschaft. Die wachsende Bekanntheit des Lattichs in den vergangenen Jahren führte dazu, dass sich innerhalb kurzer Zeit eine solche privat formierte. Dreh- und Angelpunkt war Richard Jussel, Geschäftsführer der Gossauer Blumer-Lehmann AG.

Denn die Blumer-Lehmann AG als regionales Holzbauunternehmen mit internationaler Ausstrahlung trat nicht nur als Produzentin und Umsetzerin der 48 Holzmodule auf, sondern ist auch eine der Hauptinvestoren des vollständig privat finanzierten Lattich-Baus. «Zur Trägerschaft zählen auch Christoph Tobler und Claudia Züger Tobler, Stutz AG, Hälg & Co. AG, Equimo AG, St.Galler Kantonalbank. Der Kanton St.Gallen wiederum ermöglicht die Zwischennutzung als Grundeigentümer mittels eines entgeltlichen Baurechts», ergänzt Rolf Geiger. Das Projekt ist auf zehn Jahre beschränkt, sodass in der Folge definitive Nutzungen wie das Verkehrsprojekt der so genannten Teilspange Güterbahnhof und Tunnel Liebegg realisiert werden können.

Ideen umsetzen, Wissen teilen
Blumer-Lehmann-Geschäftsführer Richard Jussel teilt die Vision der Initianten: «Jungen Menschen soll nach dem Studium Raum zur Verfügung stehen, um Ideen umzusetzen und um an einem Ort arbeiten zu können, wo Wissen ausgetauscht wird.» Die Blumer-Lehmann AG ist zudem auf Holzmodulbauten spezialisiert. Aufgrund der beschränkten Nutzungsdauer des Areals sind Holzmodule für den Lattich-Bau prädestiniert. So ist das Gebäude «mobil» und kann nach Ablauf der Zwischennutzungsphase in einzelnen Modulen an einen neuen Standort «verpflanzt» werden. Die in Gossau produzierten Holzmodule finden in der ganzen Schweiz grossen Absatz. So stehen in der Stadt Zürich und Umgebung bereits rund 50 (provisorische) Schulhäuser mit Holzmodulen «Made in Gossau».

Innerhalb kürzester Zeit konnten alle Module vermietet werden. Der Mieter-Mix ist vielfältig: von Restaurant (Wilde Möhre) über Architekturbüros, ein Blumengeschäft, ein Caregiver-Center, ein Italienisches Spezialitätengeschäft, ein Förderprogramm (Startfeld@Lattich) und ein Start-up aus Telekommunikationsbranche bis hin zum Klettermagazin.

Text: Stephan Ziegler
Bild: Gian Kaufmann