Janka macht Lehrlingen Mut
Text: pd/stz.
Eine anspruchsvolle Aufgabe im Lehrbetrieb, Prüfungen in der Berufsfachschule und hohe Erwartungen an die eigene Leistung: Die Lehrzeit fordert junge Menschen auf verschiedenen Ebenen. Fachwissen allein reicht dabei nicht immer aus. Gefragt sind auch Konzentration, Zuversicht und die Fähigkeit, nach einem Rückschlag wieder anzupacken.
Hier setzt der «Tag der Lernenden» an. Unter dem Motto «4 × 5 Rezepte» vermitteln vier Referenten jeweils fünf praxistaugliche Tipps für den Berufsalltag. Der Nachmittag richtet sich an Lernende, Ausbildner und weitere Interessierte aus der Nordostschweiz. Durch das Programm führt Moderator Reto Scherrer.
Vom Spitzensport in den Lehrbetrieb
Mit Carlo Janka kommt ein Referent nach Weinfelden, der sowohl die Höhepunkte als auch die schwierigen Seiten einer Leistungskarriere kennt. Der Olympiasieger, Weltmeister und Gesamtweltcupsieger spricht darüber, wie sich der Glaube an die eigenen Fähigkeiten auch in anspruchsvollen Phasen bewahren lässt.
Seine Botschaft lässt sich unmittelbar auf die Ausbildung übertragen: Entscheidend ist, die Aufmerksamkeit auf das zu richten, was sich beeinflussen lässt. Kleine Fortschritte können dabei ebenso wichtig sein wie grosse Ziele. «Positives Denken bedeutet für mich nicht, alles schönzureden», sagt Janka. Vielmehr gehe es darum, die eigene Haltung bewusst zu wählen und Herausforderungen als Gelegenheit zur Entwicklung zu verstehen.
Eine weitere Perspektive bringt Thomas Zurbuchen ein. Der Astrophysiker leitete von 2016 bis 2022 die Wissenschaftsaktivitäten der NASA und steht heute ETH Zurich Space vor. In Weinfelden zeigt er auf, welche Rolle positives Denken, Einsatzbereitschaft und Begeisterung für den eigenen Weg spielen und weshalb es sich lohnt, ambitionierte Ziele zu setzen.
Mehr Konzentration und mentale Stärke
Wie das Gehirn unter Belastung funktioniert, erklärt Sina Bärtsch. Die Psychologin von Hirncoach vermittelt unter dem Titel «Fit im Hirn» wissenschaftlich fundierte Strategien, mit denen sich Konzentration, Energie, Produktivität und Lernerfolg gezielt fördern lassen.
Der Sozialpädagoge und Führungskräftetrainer Andreas Schrenk widmet sich der Positiven Psychologie. Anhand kurzer Übungen stellt er fünf Methoden vor, die helfen sollen, den Lehralltag und den Umgang mit Herausforderungen bewusster zu gestalten.
Damit die Impulse über den Nachmittag hinaus wirken können, erhalten alle Teilnehmer eine kompakte Zusammenfassung der 20 Tipps.
Investition in den Berufsnachwuchs
Für Organisator Gregor Wegmüller reicht der Nutzen über die einzelne Veranstaltung hinaus: «Wer junge Berufsleute bereits während der Ausbildung stärkt, ihnen Orientierung gibt und aufzeigt, wie sie sich optimal auf den Berufsalltag vorbereiten und ihr Potenzial entfalten können, legt einen Grundstein, der weit über die Lehrzeit hinausreicht.»
Auch Lehrbetriebe sollen profitieren. Wer seinen Lernenden die Teilnahme ermöglicht, setzt ein Zeichen für deren persönliche und berufliche Entwicklung. Das kann die Bindung an den Betrieb stärken und dessen Attraktivität als Ausbildungsort fördern. Gemäss Veranstalter gaben 96 Prozent der Teilnehmer von 2025 an, der Nachmittag habe ihnen wertvolle Impulse für ihre Lehrzeit vermittelt.
Der Anlass steht unter dem Patronat des Thurgauer Departements für Erziehung und Kultur, des Thurgauer Gewerbeverbandes, der Industrie- und Handelskammer Thurgau und des Verbands Thurgauer Landwirtschaft.
Der «Tag der Lernenden» findet am Montag, 23. November 2026, von 14 bis 17.15 Uhr im Kongresszentrum Thurgauerhof in Weinfelden statt. Saalöffnung ist um 13.30 Uhr. Bis zum 13. November kosten Einzeltickets für Lernende 70 Franken und für Erwachsene 115 Franken, danach 80 beziehungsweise 125 Franken. Für Gruppen ab fünf Personen gelten Tarife von 60 Franken pro Lernenden und 100 Franken pro Erwachsenen. Im Preis enthalten sind Getränke und Snacks, die Zusammenfassung der Referate sowie die Hin- und Rückreise in der zweiten Klasse im gesamten Ostwind-Gebiet. Aufgrund der beschränkten Platzzahl empfehlen die Veranstalter eine Anmeldung bis zum 13. November.
Informationen und Anmeldung: www.tagderlernenden.ch
Carlo Janka: «Die Einstellung ist oft der Unterschied zwischen Stillstand und Entwicklung»
Olympiasieger, Weltmeister und Gesamtweltcupsieger: Carlo Janka weiss, was es braucht, um im entscheidenden Moment Leistung abzurufen. Am «Tag der Lernenden» in Weinfelden spricht er darüber, wie junge Berufsleute mit Druck, Rückschlägen und Selbstzweifeln umgehen können.
Herr Janka, Sie haben in Ihrer Skikarriere die höchsten Gipfel des Erfolgs erreicht, vom Olympiasieg bis zum Gesamtweltcup. Bald stehen Sie am «Tag der Lernenden» in Weinfelden vor Jugendlichen, die am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn stehen. Was motiviert Sie persönlich, Ihre Erfahrungen an diese Generation weiterzugeben?
Ich durfte in meiner Karriere unglaublich viel erleben. Natürlich waren die Erfolge wie der Olympiasieg oder der Gesamtweltcup etwas ganz Besonderes. Mindestens genauso viel habe ich aber aus den schwierigen Zeiten gelernt. Genau diese Erfahrungen möchte ich weitergeben. Ich glaube, jeder Mensch steht irgendwann vor Herausforderungen, unabhängig davon, ob im Sport, in der Lehre oder im Beruf. Wenn ich Jugendlichen etwas mitgeben kann, das ihnen hilft, mehr an sich selbst zu glauben oder in schwierigen Momenten nicht aufzugeben, dann ist das für mich sehr wertvoll. Gerade junge Menschen haben enormes Potenzial, manchmal brauchen sie einfach jemanden, der ihnen Mut macht.
Das übergeordnete Thema Ihres Beitrags ist «Positives Denken im Berufsalltag». Im Spitzensport entscheidet die mentale Einstellung oft über Hundertstelsekunden zwischen Sieg und Niederlage. Wie lässt sich diese Kraft der gezielten Gedanken konkret auf den oft von Routine geprägten Alltag eines Lernenden im Büro oder in der Werkstatt übertragen? Wie wird positives Denken dort zum Erfolgsfaktor?
Positives Denken bedeutet für mich nicht, alles schönzureden. Es bedeutet vielmehr, den Fokus bewusst auf das zu richten, was ich beeinflussen kann. Im Skisport konnte ich das Wetter oder die Konkurrenz nicht verändern, aber ich konnte entscheiden, mit welcher Einstellung ich am Start stehe. Genau gleich ist es im Berufsalltag. Fehler passieren, Aufgaben sind manchmal langweilig oder anstrengend. Entscheidend ist, ob ich mich davon herunterziehen lasse oder ob ich darin eine Möglichkeit sehe, etwas zu lernen. Die Einstellung ist oft der Unterschied zwischen Stillstand und Entwicklung.
In Ihrer Karriere mussten Sie verletzungsbedingt oder in Formtiefs immer wieder schwierige Phasen durchstehen und den Glauben an Ihr Können bewahren. Auch Lernende stossen an Punkte, an denen die Motivation im Keller ist oder der Frust überwiegt. Welches konkrete Rezept aus Ihrer Zeit im Skizirkus können Sie Jugendlichen und Ausbildnern mitgeben, um in solchen mentalen Tiefs den Fokus wieder auf das Positive und auf die eigenen Stärken zu lenken?
Ich habe gelernt, das grosse Ziel zwar immer am Horizont zu haben, meinen Fokus im Alltag aber auf die kleinen Schritte zu richten. Wenn ich verletzt war oder in einem Formtief steckte, hätte mich der Gedanke an das grosse Ziel oft eher überfordert. Deshalb habe ich mich jeweils gefragt: Was ist heute der nächste Schritt, den ich beeinflussen kann? Vielleicht war es einfach ein gutes Training, eine gelungene Übung oder ein kleiner Fortschritt gegenüber dem Vortag. Genau diese kleinen Erfolgserlebnisse geben Selbstvertrauen und Motivation. Wenn man Schritt für Schritt vorwärtsgeht, kommt man dem grossen Ziel oft näher, ohne ständig den Druck zu spüren, sofort dort ankommen zu müssen. So entstehen nachhaltige Entwicklung und langfristiger Erfolg.
Eines Ihrer Rezepte für den Berufsalltag lautet: «Erfolg bedeutet nicht nur gewinnen, sondern die beste Version von sich selbst zu sein.» Gerade in der Lehre ist der Leistungsdruck oft hoch. Wie schafft man es als junger Mensch oder als Ausbildner, diesen Druck herauszunehmen und sich auf die kleinen, täglichen Schritte zu konzentrieren, statt nur auf das perfekte Endergebnis zu schielen?
Ich habe im Spitzensport früh gelernt, meinen Erfolg nicht primär an den Resultaten zu messen, sondern an meiner eigenen Performance. Denn gerade im Skisport gibt es in fast jedem Rennen jemanden, der schneller ist als du. Wenn ich meinen Erfolg nur von der Rangliste abhängig gemacht hätte, wäre ich oft enttäuscht gewesen, obwohl ich vielleicht eines meiner besten Rennen gefahren bin. Viel wichtiger war für mich deshalb die Frage: Habe ich heute das umgesetzt, was ich mir vorgenommen habe? Habe ich mein Potenzial ausgeschöpft? Wenn ich diese Fragen mit Ja beantworten konnte, war das für mich ein erfolgreicher Tag, unabhängig vom Resultat. Ich glaube, genau diese Sichtweise hilft auch im Berufsalltag. Wer sich auf die eigene Leistung und die persönliche Entwicklung konzentriert, anstatt sich ständig mit anderen zu vergleichen, nimmt viel Druck heraus und bleibt langfristig motiviert.
Ihr letzter Tipp ist besonders ehrlich: «Angst gehört dazu, Mut bedeutet trotzdem weiterzugehen.» Vor der Lehrabschlussprüfung, dem ersten grossen Kundenkontakt oder einem Abteilungswechsel haben viele Lernende weiche Knie. Wie sind Sie früher mit der Angst im Starthaus umgegangen, und wie lässt sich dieses Gefühl produktiv in Mut ummünzen?
Vor jedem Rennen war ich nervös und gerade im Abfahrtsrennsport gehört auch eine gewisse Angst immer dazu. Das ist völlig normal, denn wenn man mit über 100 km/h einen Hang hinunterfährt, steht einiges auf dem Spiel. Mit der Zeit habe ich aber verstanden, dass Nervosität und Angst nichts Schlechtes sind. Im Gegenteil. Sie zeigen, dass einem etwas wichtig ist und dass man die Herausforderung ernst nimmt. Entscheidend ist nicht, keine Angst zu haben, sondern zu lernen, mit ihr umzugehen. Mut bedeutet für mich nicht, angstfrei zu sein. Mut bedeutet, trotz der Angst und der Nervosität den nächsten Schritt zu machen und sich auf das zu konzentrieren, was man beeinflussen kann. Genau das gilt auch für eine Lehrabschlussprüfung, den ersten Kundenkontakt oder jede neue Herausforderung im Berufsleben. Wer sich seinen Ängsten stellt und trotzdem handelt, wächst daran und gewinnt mit jeder Erfahrung mehr Selbstvertrauen.