HSG schickt Startups ins Silicon Valley
16.10.2019

HSG schickt Startups ins Silicon Valley

Fünf junge Firmengründer reisten dank der Initiative von Startup@HSG ins Silicon Valley. Dort lernten sie eine Startup-Mentalität kennen, die selbst für die Jungunternehmer nicht immer nachvollziehbar ist.

Die USA-Reise bot den fünf Teilnehmern wenig Zeit für Verschnaufpausen. Fünf Tage lang arbeiteten sie von morgens 9.00 bis abends 21.00 Uhr ein durchgetaktetes Programm ab: Besuche der lokalen Universitäten Berkeley und Stanford, der Austausch mit Schweizer Startups, die bereits den Schritt in die USA gewagt haben, Führungen durch die Luxus-Arbeitstempel von Facebook und Apple sowie zahlreiche Workshops zum effektiven Pitchen, Design Thinking oder Growth Hacking standen auf dem Plan.

Organisiert wurde die Woche von Startup@HSG, einer Initiative des Centers for Entrepreneurship unter Leitung von Prof. Dr. Dietmar Grichnik (Bild), zusammen mit Swissnex San Francisco. „Wir wollen es herausragenden Startups mit HSG-Background ermöglichen, Einblicke, Kontakte und eine erste Marktvalidierung in diesem einzigartigen Ökosystem des Silicon Valleys zu erlangen“, sagt Dominic Knape, der für Startup@HSG das neue Programm mit dem Namen „Entrepreneurial Champions“ verantwortet.

Die für die Reise ausgewählten fünf Gründer wurden alle bereits zuvor im Rahmen des Förderungsprogrammes „Entrepreneurial Talents“ als besonders innovativ ausgezeichnet. Als Kriterium für die Selektion als „Champions“ mussten sie nun glaubhaft machen, dass sie mit ihrem Unternehmen auch eine erfolgsversprechende Perspektive auf dem US-Markt haben.

Ideen hemmungslos teilen
Silicon Valley, das klingt für viele nach hektischem Gewusel an einem futuristischen Ort, wo Disruption jeden Tag neu zelebriert und zur Schau gestellt wird. Doch viel anders als bei uns schaue es dort nicht aus, sagt Paul Bäumler: „Ich war überrascht, wie überschaubar und unspektakulär alles wirkt. Man läuft etwa an einem Venture-Capital-Büro vorbei, das Milliarden in Startups investiert, aber super unscheinbar wirkt.“ Die Differenz des Silicon Valleys zu innovativen Zentren in der Schweiz oder Deutschland ist also weniger im Strassenbild als viel mehr in der Mentalität der dortigen Entrepreneurs begründet.

Marvin Speh ist etwa sofort aufgefallen, dass der Austausch von eigenen Geschäftsideen in Kalifornien viel ungehemmter läuft als hierzulande: „Egal ob in einer Bar oder einem Uberpool-Fahrzeug: Überall teilen die Leute freimütig ihre Ideen mit anderen. Man erhofft sich, so schneller auf Menschen zu stossen, die einem beim eigenen Projekt weiterhelfen können, während bei uns die Angst gross ist, dass die eigene Idee geklaut wird.“

Versuch und Irrtum
Differenzen in der Startup-Kultur sieht man auch im Umgang mit dem Scheitern, sagt Simon Haller. „Anders als bei uns wird es in den USA nicht negativ gewertet, wenn jemand mit einer Businessidee nicht erfolgreich ist. Es wird eher als lehrreiche Lektion angesehen und man versucht es dann halt einfach weiter mit etwas Neuem.“ Dadurch gäbe es im Silicon Valley aber auch Leute, die nie über das Testen einer Idee hinauskämen, ergänzt Marvin Speh: „Es gibt viele Unternehmer, die bei den kleinsten Stolpersteinen ein Projekt begraben und zum nächsten hüpfen.“

Auch der Zeitpunkt, wann man mit seiner Idee auf den Markt tritt ist in den USA viel früher angesetzt, sagt Camillo Werdich. „Während wir hier bemüht sind, das Produkt bereits weitgehend zu perfektionieren, bevor wir es an den Kunden bringen, wird dies dort häufig in einem unausgereifteren Entwicklungsstand gemacht.“

Viel haben die „Champs“ vor ihrer Reise bereits über die Arbeitsbedingungen bei den grossen Tech-Firmen wie Facebook oder Apple gehört. Gratis Essen sowie Wellness-, Fitness- und Spielbereiche sollen besonders motivierend auf die Mitarbeiter wirken und die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen lassen. „Ich war überrascht, als ich bei unserer Besichtigung der Tech-Firmen mit einigen Mitarbeitern über die Auswirkungen dieser Angebote auf die Produktivität gesprochen habe: Viele meinten, es lenke sie eher ab, als dass sie dadurch motivierter arbeiten“, so Marvin Speh.

Pitchen will gelernt sein
Für eine Expansion auf den US-Markt müssen Finanzierungsquellen her, die bei Startups häufig von Risiko-Investoren stammen. In den Pitching-Workshops konnten die „Champs“ deshalb einüben, wie man die eigene Geschäftsidee am besten verkauft. Das Gelernte durften sie dann auch gleich vor potenziellen Kapitalgebern erproben. Bei einem hat dann auch tatsächlich ein solcher „Venture-Capitalist“ angebissen. Ein Investor aus San Francisco will das Startup von Camillo Werdich mitfinanzieren: „Er war erstaunt, dass wir bei unserem Produktentwicklungsstand nicht schon lange auf dem Markt sind“, sagt der Jungunternehmer.

Die wenigsten der „Champs“ sind die Reise in die USA mit dem Ziel angetreten, einen Investor zu finden. Alle konnten von der intensiven Woche unterschiedliche Inputs für die Entwicklung ihres Geschäftes nach Hause nehmen. Und einigen half es auch, genauer abschätzen zu können, ob ein Sprung über den grossen Teich tatsächlich anzustreben ist. „Ich konnte durch das Programm das Stakeholdersystem des Silicon Valleys mit seinen Universitäten, Startups und etablierten Konzernen besser kennenlernen. Für mein Unternehmen kann ich es mir nun durchaus vorstellen, in San Francisco eine Niederlassung zu eröffnen“, sagt etwa Max Sieghold.

Die fünf „HSG-Champs“ und ihre Startups
Camillo Werdich, Sinpex: Sinpex entwickelte einen Algorithmus, der Informationen aus Dokumenten, wie beispielsweise Geschäftsberichten, präzise erkennt und dem Nutzer strukturiert zur Verfügung stellt. Sinpex ist spezialisiert auf Anwendungen im Finanzsektor, um beispielsweise Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung zu erkennen. Der 28-jährige Camillo Werdich, der an der HSG im Bereich internationales Management promoviert, hat die Firma Sinpex zusammen mit zwei weiteren Personen aufgebaut. Die Software steht kurz vor ihrem ersten kommerziellen Einsatz bei einer Schweizer Grossbank.

Simon Haller, AdBag: Die Rückseite von Rucksäcken als Werbefläche vermieten; so die Idee des Startups AdBag. Studenten tragen Rucksäcke mit einer fixierbaren Werbung ihrer Wahl gegen Bezahlung, sodass die Werbebotschaft den Campus, Stadtzentren und den ÖV erreicht. Gegründet wurde das Startup vom 22-jährigen BWL-Studenten Simon Haller zusammen mit 5 Studenten der FHNW. Mit einer Kampagne für Mobility startet AdBag im Oktober 2019 auf dem Schweizer Markt.

Paul Bäumler, Letsact: Die App Letsact will potenzielle Freiwillige und entsprechende Organisationen zusammenbringen. So soll es vor allem jungen Menschen erleichtert werden, ehrenamtliche Tätigkeiten zu entdecken und sich sozial zu engagieren. Lanciert wurde die App vom 21-jährigen BWL-Studenten Paul Bäumler und zwei Mitgründern aus München. Die App wird bislang in ganz Deutschland eingesetzt. Ein Markteintritt in der Schweiz ist ebenfalls geplant.

Marvin Speh, RoomPriceGenie: Das Startup RoomPriceGenie bietet kleineren Hotels und Herbergen einen Algorithmus, der ihnen dabei hilft, die Preise automatisch auf die Nachfrage anzupassen. Hinter dem Unternehmen steht der 27-jährige HSG-Masterabsolvent Marvin Speh und zwei weitere Mitgründer. Anfangs dieses Jahres haben sie die erste Software verkauft und bedienen mittlerweile rund 100 Kunden.

Max Sieghold, Sleepiz: Sleepiz hat ein medizinisches Gerät entwickelt, das Vitalwerte mittels elektromagnetischer Wellen misst. So wird die Diagnose von Schlafkrankheiten wie Schlafapnoe zu Hause ermöglicht. Hinter dem Startup steht der 25-jährige Max Sieghold, Absolvent eines Masters in Accounting und Finance an der HSG, zusammen mit drei weiteren Gründern von der ETH Zürich. Das von Sleepiz entwickelte Gerät befindet sich aktuell in der Zulassungsphase.