Godot, die Inflation und der Preis des Wartens
Text: Alessandro Sgro, Chief Investment Officer Cronberg AG
Der Nahost-Konflikt hat den Ölpreis im März binnen weniger Wochen von 72 auf fast 120 Dollar getrieben – einer der stärksten Monatsanstiege der Geschichte. Die Schlussfolgerung schien damals klar: höhere Energiepreise, Zweitrundeneffekte, steigende Inflation, restriktivere Notenbanken. Innerhalb weniger Tage preiste der Markt für die Fed Zinserhöhungen bis Jahresende ein. Auch von der EZB und sogar der SNB wurden nicht länger Senkungen, sondern Anhebungen erwartet. Aktuell gehen die Finanzmärkte von unveränderten Zinsen bis zum Jahresende aus.
Heute, wenige Wochen später, ist die Szene kaum wiederzuerkennen. Der Spotpreis von Brent pendelt zwischen 88 und 100 Dollar – volatil, aber unterhalb der Panikstände. Die Erwartungskurve für den Leitzins ist nahezu flach: Der Markt geht aktuell davon aus, dass sich im Jahr 2026 gar nichts mehr bewegt. Weder Senkung noch Erhöhung. Auf eine der schnellsten Erholungsphasen der jüngeren Börsengeschichte folgt eine bemerkenswerte Sorglosigkeit für einen ungelösten Krieg, eine blockierte Meeresenge und eine Inflation, die seit der Pandemie – zumindest in den USA – nicht restlos bekämpft ist.
Das zu Jahresbeginn angedachte Börsen-Drehbuch 2026 wurde innert vier Monaten dreimal umgeschrieben. Die beiden Hauptfiguren in Becketts Werk Wladimir und Estragon hätten diese «vermeintliche» Ruhe gut verstanden. Man wartet, man schiebt auf, man rechtfertigt sich. Und je länger man wartet, desto selbstverständlicher wird das Warten.
Die Botschaft des Ölmarkts
Einer der Hauptakteure des diesjährigen Börsenstücks bleibt der Ölpreis. Besonders aufschlussreich ist nicht der Spotpreis, sondern die Terminkurve. Während Brent am Spot bei rund 97 Dollar notiert, wird das Fass für Lieferung in zwölf Monaten bei etwa 70 Dollar gehandelt. Der Markt preist die Krise also explizit als temporär ein: Die Strasse von Hormus wird sich öffnen, die Förderung wird zurückkehren, die Normalität siegen. Aus dieser Annahme folgt der Rest: Wenn der Ölpreis temporär ist, bleiben die Zweitrundeneffekte aus. Wenn die Zweitrundeneffekte ausbleiben, müssen die Notenbanken nicht reagieren. Wenn die Notenbanken nicht reagieren, ist der Ausblick positiv. Diese Logik ist schlüssig – solange ihre Prämisse stimmt.
Der Markt glaubt an ein schnelles Ende des Iran-Konflikts
Der Preis des Wartens
Beckett schrieb eine Tragikomödie, keine Handlungsanleitung. Für Anleger gilt: Warten ist nicht neutral. Wer auf ein spezifisches Szenario wie eine Zinserhöhung wartet, die möglicherweise nie kommt, bezahlt mit entgangener Performance und einer strukturell defensiven Positionierung. Wer hingegen von einer Gegenbewegung überrascht wird, muss sein Portfolio unter Zeitdruck anpassen.
Die eigentliche Gefahr ist nicht, dass Godot kommt oder nicht kommt. Die eigentliche Gefahr ist, dass man im Warten das Urteil verliert. Dass man Ruhe mit Sicherheit verwechselt und die flache Erwartungskurve als Beweis nimmt, dass nichts geschehen wird – statt zu erkennen, dass sie lediglich eine Vermutung ist, die sich dreimal geirrt hat.
Was ein gut gebautes Portfolio ausmacht
Die Antwort liegt deshalb nicht im Raten, welches Drehbuch nun gilt. Sie liegt in einer Portfolio-Struktur, die mit beiden Drehbüchern. Im aktuellen Umfeld ist der Fokus auf Realwerte ratsam. Dazu gehören auch Aktien. Sogenannte Quality Compounder mit echter Preissetzungsmacht schützen vor einer anhaltenden Inflation, weil sie Kostensteigerungen weitergeben können. Ergänzend sorgen Anlagen wie Immobilien und Gold für Diversifikation gegenüber makroökonomischen Überraschungen.
Godot, so Beckett, kommt nicht. Aber an den Finanzmärkten kommt immer etwas – nur selten das, worauf man gewartet hat. Während ein Teil der Anleger noch auf klare Signale wartet, hat sich das Umfeld weiterentwickelt. Die jüngste wieder lancierte Tech-Rallye zeigt, wie schnell aus dem Abwarten ein Hinterherlaufen werden kann.
Ein gut strukturiertes Portfolio muss weder warten noch rennen. Genau deshalb ist ein Portfolio keine Wette auf ein bestimmtes Drehbuch, sondern ein Grundgerüst für möglichst viele Szenarien. In einem gut strukturierten Portfolio ist man voll investiert und läuft so nicht in die Gefahr, in diesen Godot-Warte-Modus zu kommen.