Gast-Kommentar

It's all about chips

It's all about chips
Alessandro Sgro
Lesezeit: 3 Minuten

Rekorde über Rekorde: Die Aktienmärkte markieren trotz geopolitischer Spannungen und Inflationssorgen regelmässig neue Höchststände. Treiber sind weniger die Hoffnungen auf ein baldiges Ende im Iran-Krieg, sondern der hohe Bedarf und die globale Knappheit an Speicherchips. Ein Drittel der US-Konzerninvestitionen fliesst in die KI-Infrastruktur und befeuert die wohl grösste und am wenigsten hinterfragte Wette unter den sorglos scheinenden Anlegern, weiss Alessandro Sgro in der LEADER-Finanzkolumne «Inside financial markets».

Text: Alessandro Sgro, Chief Investment Officer Cronberg AG

Es ist ein winziges Stück Silizium, kaum grösser als ein Fingernagel, das derzeit die Fantasie und Euphorie der Anlegerinnen und Anleger beflügelt. Chips sind längst nicht mehr nur in Computern oder Smartphones zu finden. Sie stecken heute in Autos, Medizinalgeräten, Industrieanlagen, Kommunikationsnetzen und vor allem in den Rechenzentren der grossen Technologiekonzern.

Der Philadelphia Semiconductor Index ist einer der weltweit bekanntesten Börsenindizes für die Halbleiterindustrie. Er misst die Wertentwicklung der 30 grössten in den USA gehandelten Unternehmen, die in den Bereichen Design, Herstellung und Vertrieb von Mikrochips tätig sind. Allein in diesem Jahr stieg der Index um über 80%. Das ist der beste Start seit Beginn der Datenreihe im Jahr 1993.

Die auffälligsten Werte sind Sandisk (+592% seit Jahresbeginn), Intel (+228%) oder Micron Technology (+224%). Gründe für die Rally an den Aktienmärkten liegt in der globalen Knappheit bei Speicherchips und weiter steigender Nachfrage nach KI-Infrastruktur.

Rasanter Anstieg der Titel im Bereich der Halbleiterindustrie seit Ende März: Entwicklung S&P 500 im Vergleich mit dem Philadelphia Semiconductor Index
Rasanter Anstieg der Titel im Bereich der Halbleiterindustrie seit Ende März: Entwicklung S&P 500 im Vergleich mit dem Philadelphia Semiconductor Index

Die Welt befindet sich mitten in einer beispiellosen Wette auf künstliche Intelligenz. Die eigentlichen Gewinner sind derzeit nicht Anwendungen wie ChatGPT, Claude oder andere KI-Modelle, sondern die Anbieter von KI-Infrastruktur. Microsoft, Amazon, Alphabet und Meta investieren zusammen Hunderte Milliarden Dollar in Rechenzentren, Hochleistungschips und digitale Infrastruktur.

Noch nie wurden derart hohe Summen investiert, bevor der wirtschaftliche Nutzen abschliessend bewiesen war. Die Hoffnung ist klar: Künstliche Intelligenz soll die Produktivität massiv steigern und damit eine neue Wachstumsphase der Weltwirtschaft einleiten.

Der IT-Sektor steht 2026 erstmals für 35% aller Investitionen des S&P 500 – ein Rekordwert, der die Dotcom-Spitzen übertrifft. Die Kapitalintensität einzelner Konzerne erreicht 45 bis 60% des Umsatzes. Ein solches Niveau war vor zehn Jahren nur in der Schwerindustrie denkbar. Während die Investitionen explodieren, bleiben die messbaren Produktivitätsfortschritte bislang begrenzt.

Das bedeutet nicht, dass künstliche Intelligenz scheitern wird. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig verändern wird. Doch die Geschichte technologischer Umbrüche zeigt, dass nicht jede Investition erfolgreich verläuft. Nicht jede Technologie setzt sich durch. Und nicht jedes Unternehmen wird die hohen Erwartungen erfüllen können.

Mahlwerk  
KI auf dem Weg zum historischen Spitzenniveau: Bruttoanlageinvestitionen als % des BIP nach Technologiewelle
KI auf dem Weg zum historischen Spitzenniveau: Bruttoanlageinvestitionen als % des BIP nach Technologiewelle

Jede grosse Innovationswelle war von hohen Investitionen begleitet. Eisenbahnen veränderten den Transport, die Elektrifizierung revolutionierte die Industrie, Automobile erhöhten die Mobilität und das Internet vernetzte die Welt. Doch gemessen an der Wirtschaftsleistung könnte keine dieser Technologiewellen mit dem aktuellen Ausbau der KI-Infrastruktur mithalten.

Schätzungen gehen davon aus, dass die Spitzeninvestitionen rund 2.8% des Bruttoinlandprodukts erreichen könnten – deutlich mehr als während der Elektrifizierung oder der Dotcom-Ära.

Die Kehrseite: extreme Konzentration

Was als technologischer Triumph erscheint, ist zugleich das vielleicht grösste Klumpenrisiko der Weltwirtschaft. Das Unternehmen Taiwan Semiconductor produziert rund 70% aller weltweit im Auftrag gefertigten Chips und über 90% der modernsten Hochleistungschips.

Ein erheblicher Teil der globalen KI-Infrastruktur hängt damit von einer Insel ab, die nur 180 Kilometer vom chinesischen Festland entfernt liegt. Die geographische Konzentration für die Weltwirtschaft sowie das geopolitische Risiko einer Eskalation zwischen China und Taiwan werden sorglos ausgeblendet.

Für Anleger ist diese Erkenntnis entscheidend. Wer heute mittels Anlagefonds den Weltaktienindex kauft, investiert automatisch stark in die grossen Gewinner der KI-Euphorie. Damit steigt auch die Abhängigkeit von einer einzigen Annahme und damit die Verletzbarkeit des eigenen Portfolios.

Manche werden einwenden, man solle die Welle reiten, solange sie da ist. Das Argument hat seine Berechtigung, denn Trends laufen länger, als es rationale Modelle nahelegen. Doch es trägt zwei stille Annahmen, die empirisch fast nie zutreffen: dass man rechtzeitig aussteigt, und dass der Drawdown verkraftbar bleibt.

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