Ostschweiz

Der Wohnmobilmarkt wird erwachsen

Der Wohnmobilmarkt wird erwachsen
Fredi Indermaur, Präsident des TCS Camping Clubs St.Gallen-Appenzell
Lesezeit: 4 Minuten

Der Kaufrausch der Coronajahre ist vorbei. Doch noch nie waren in der Schweiz mehr Wohnmobile unterwegs; das mobile Reisen entwickelt sich vom kurzfristigen Boom zu einer festen Grösse im Freizeitverkehr. In der Ostschweiz zeigt sich dies an einem dichten Netz von Verkäufern, Vermietern, spezialisierten Werkstätten und Stellplätzen.

Text: stz.

Wer am Freitagabend den Schlüssel dreht, hat die Ferien bereits begonnen. Das Bett fährt mit, ebenso die Küche, die Velos und nicht selten der Hund. Die Route darf sich unterwegs ändern, das Wetter den Tagesplan bestimmen. Genau diese Mischung aus Selbstbestimmung, vertrauter Umgebung und Nähe zur Natur macht den Reiz des Wohnmobils aus.

Was während der Pandemie einen aussergewöhnlichen Schub erhielt, hat sich inzwischen etabliert: Ende 2025 waren in der Schweiz 110'368 Wohnmobile zugelassen. Das ist ein neuer Höchststand. Gleichzeitig gingen die Neuzulassungen deutlich zurück; in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein kamen 2025 noch 4476 neue Wohnmobile auf die Strasse. Ein Jahr zuvor waren es noch 5930, im Rekordjahr 2021 sogar 7588.

Die Zahlen erzählen weniger von einem Einbruch als von einem Markt, der reifer wird. Viele Haushalte haben sich in den Boomjahren bereits ein Fahrzeug angeschafft. Diese Wohnmobile bleiben über Jahre im Bestand und gelangen später als Occasionen zurück auf den Markt. Gleichzeitig gewinnt die Vermietung an Bedeutung.

«Der Markt schrumpft bei den Neuzulassungen, wächst aber bei Bestand und Nutzung.»

Das Zuhause reist mit

Wohnmobilferien verbinden Gegensätze. Sie ermöglichen Nähe zur Natur, ohne vollständig auf Komfort zu verzichten. Zmorge am See, Wandern im Alpstein und am Abend ein eigenes Bett: Was früher mit Zelt, Campingkocher und Isomatte verbunden war, findet heute in einem kompakten Fahrzeug mit Heizung, Dusche, Küche und Solaranlage statt.

Hinzu kommt die Vielseitigkeit: Ein Wohnmobil eignet sich für die grosse Europareise ebenso wie für ein verlängertes Wochenende im Engadin. Sportausrüstung lässt sich einfacher transportieren als im PKW, Familien müssen nicht täglich Koffer packen. Und wer mit einem Tier unterwegs ist, bleibt unabhängiger von den Regeln der Hotels.

Auch die Arbeitswelt spielt eine Rolle: Wo mobiles Arbeiten möglich ist, kann aus einer Ferienreise vorübergehend ein Aufenthalt mit Büroanschluss werden. Stromversorgung, Mobilfunk und eine geeignete Sitzgelegenheit machen manche Fahrzeuge zu kleinen Arbeitsräumen auf Rädern.

Die völlige Freiheit bleibt allerdings ein Ideal; auch mit dem Wohnmobil darf nicht überall übernachtet werden; wer unterwegs ist, muss legale Stellplätze suchen, Rücksicht nehmen und Verbotsschilder beachten. Alleine in der Ostschweiz gibt es aber über 60 offizielle Stell- und Campingplätze, dazu kommen noch mehr als 20 Plätze auf Bauernhöfen oder privaten Grundstücken.

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Der Grundriss entscheidet

«Wohnmobil ist nicht gleich Wohnmobil», bringt es Fredi Indermaur, Präsident des TCS Camping Clubs St.Gallen-Appenzell, auf den Punkt. Kompakte Campingbusse lassen sich vergleichsweise einfach fahren und teilweise auch im Alltag nutzen. Kastenwagen bieten mehr Platz, bleiben aber wendiger als grosse Reisemobile. Teilintegrierte Modelle verbinden Wohnkomfort mit einer noch überschaubaren Fahrzeuggrösse; vollintegrierte Fahrzeuge bieten viel Raum, verlangen jedoch ein höheres Budget und mehr Routine am Steuer.

«Entscheidend ist deshalb nicht die möglichst lange Ausstattungsliste, sondern das eigene Reiseprofil», sagt Indermaur. Wer hauptsächlich zu zweit kurze Reisen unternimmt, benötigt keinen Alkoven mit sechs Schlafplätzen. Eine Familie dürfte dagegen zusätzlichen Stauraum, ausreichend Sitzplätze und getrennte Schlafbereiche schätzen. Wer im Winter unterwegs sein will, muss stärker auf Isolation, Heizung und frostsichere Wasseranlagen achten.

«Der häufigste Fehler besteht darin, vom Grundriss eines Messestands auf den Ferienalltag zu schliessen», so der TCS Camping Club-Präsident. Erst auf einer Reise zeige sich, ob das Bett bequem erreichbar ist, die Küche genügt, der Stauraum sinnvoll angeordnet wurde und zwei Personen aneinander vorbeikommen.

«Wo mobiles Arbeiten möglich ist, kann aus einer Ferienreise vorübergehend ein Aufenthalt mit Büroanschluss werden.»

Mieten klärt mehr als der Prospekt

Indermaur empfiehlt deshalb, vor einem Kauf zunächst ein Fahrzeug zu mieten. «Eine Woche unterwegs beantwortet Fragen, die im Verkaufsgespräch kaum auftreten: Wie laut ist es während der Fahrt? Wo wird nasse Kleidung verstaut? Reicht der Kühlschrank? Ist das Fahrzeug auf einem engen Campingplatz noch gut zu manövrieren?»

Das Mieten senkt zudem die Einstiegshürde. Ein vollständig ausgerüsteter Campervan ist laut Indermaur ab etwa 55'000 Franken erhältlich. Grössere oder hochwertig ausgestattete Reisemobile kosten rasch mehr als 100'000 Franken. «Zum Kaufpreis kommen Versicherung, Verkehrsabgaben, Wartung, Reifen, Reparaturen, Wertverlust und gegebenenfalls ein Einstellplatz hinzu», gibt der TCS Camping Club-Präsident zu bedenken.

Wer nur zwei oder drei Wochen im Jahr verreist, fährt mit einer Miete häufig günstiger. Wer dagegen viele Wochen unterwegs ist, spontan über das Wochenende aufbrechen möchte und sein Fahrzeug individuell ausstattet, kann vom eigenen Wohnmobil stärker profitieren.

Der wachsende Mietmarkt verändert auch den Verkauf; Mietfahrzeuge kommen oft nach kurzer Einsatzzeit als junge Occasionen auf den Markt. «Für Käufer kann dies interessant sein, weil die Fahrzeuge regelmässig gewartet wurden und bereits über eine praxistaugliche Ausstattung verfügen», so Indermaur.

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«Entscheidend ist nicht die möglichst lange Ausstattungsliste, sondern das eigene Reiseprofil.»

Die Zuladung setzt Grenzen

Eine der wichtigsten Kennzahlen wird beim Kauf gerne übersehen: die Zuladung. Viele Wohnmobile dürfen mit dem Führerausweis der Kategorie B gefahren werden, solange ihr zulässiges Gesamtgewicht 3,5 Tonnen nicht überschreitet.

Zu diesem Gewicht zählen jedoch sämtliche Reisenden, Gepäck, Lebensmittel, Wasser, Gasflaschen, Elektrobikes und nachträglich montiertes Zubehör. Markise, Solaranlage oder Fahrradträger erhöhen den Komfort, verringern aber die verbleibende Zuladung. Bei grossen Fahrzeugen kann die Reserve deshalb überraschend klein ausfallen. Für Wohnmobile mit mehr als 3,5 Tonnen Gesamtgewicht ist der Führerausweis der Kategorie C1 erforderlich.

Die Ostschweiz bedient den Markt

Zwischen Bodensee, Rheintal, Toggenburg und Zürichsee hat sich ein dichtes Netz von Fachbetrieben entwickelt. Viele verkaufen nicht nur Neufahrzeuge und Occasionen, sondern vermieten Wohnmobile, führen Reparaturen aus, kontrollieren Gasanlagen und bauen Zubehör ein.

Diese Nähe ist ein wichtiger Faktor: Bei einem Wohnmobil treffen Fahrzeugtechnik, Heizung, Wasser, Gas, Elektrik und Möbelbau auf engem Raum zusammen. «Eine kompetente Werkstatt in erreichbarer Distanz kann deshalb langfristig wichtiger sein als ein kleiner Preisvorteil beim Kauf», gibt Fredi Indermaur noch einen Tipp zum Schluss.

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