Der Nutzen von Jobcoaching für Arbeitgeber
01.02.2019

Der Nutzen von Jobcoaching für Arbeitgeber

Am „Forum.Integration im Pfalzkeller“ vom 25. März zeichnet Hauptreferent Marco Dörig, „Sonnenhalde“-Geschäftsführer und Dozent, Wege zur erfolgreichen Arbeitsplatzerhaltung und Arbeitsintegration von Menschen mit gesundheitlichen Schwierigkeiten auf. Im Interview stellt er das Forum vor.

Marco Dörig, der Begriff steht im Zentrum des Forums im Pfalzkeller: Was ist Jobcoaching genau?
Der Begriff ist nicht geschützt und wird unterschiedlich eingesetzt und verstanden. Es geht beim Jobcoaching immer um eine Prozessbegleitung innerhalb der Arbeitswelt. Das Jobcoaching, das im „Forum.Integration“ thematisiert wird, betrifft die professionelle Begleitung von Menschen mit vor allem gesundheitlich bedingtem erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt. Präziser wäre Jobcoaching nach der Methode „Supported Employment“.

Was beinhaltet also „Unterstützung bei einer Anstellung“?
Gemäss Leitlinie der Methode sind es fünf Phasen: Man klärt den Auftrag ab, führt ein sauberes Assessment durch, prüft also die Bedürfnisse, wo jemand arbeiten möchte, begibt sich auf Akquise, die Jobsuche mit der betreffenden Person, begleitet sie bei der Arbeit – und führt eine Nachbetreuung durch.

Wo liegt der Unterschied zu einer Laufbahnberatung?
Sie besteht nur aus dem ersten Schritt: Auftragsabklärung, Assessment und Abgabe des Beratungsurteils. Das ist eine reine Beratungstätigkeit im Büro. Beim Jobcoaching bleibt der Stuhl die halbe Zeit kalt. Dann ist der Jobcoach beim Arbeitgeber oder unterwegs

Spielt das Jobcoaching auch bei bereits Angestellten eine Rolle, die in eine Krise geraten?
Ja, eine wesentliche. „Supported Employment“ entstand in der Schweiz ums Jahr 2000, als es hohe Berentungen von Personen mit psychischen Schwierigkeiten gab. Darauf wurden Integrationsmassnahmen entwickelt. Jobcoachings gibt es aber auch bei Arbeitslosigkeit und in der Sozialhilfe. Zudem ist die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund im Kommen. Von der Geschichte her geht es vor allem darum, Personen, die Versicherungsleistungen beziehen, in die Arbeit zu bringen. Jobcoaching wird auch bei langjährigen Mitarbeitenden eingesetzt, etwa bei drohendem Klinikaufenthalt.

Wann ist Jobcoaching erfolgreich?
Es ist erfolgreicher bei Befolgen der fünf Phasen. Erfolg hat viel mit Nachhaltigkeit zu tun. Menschen mit psychischen Schwierigkeiten können sich bei einer Nachbetreuung von drei Monaten zusammenreissen, aber danach eskaliert es. Der Urtypus des „Supported Employment“ in Amerika schreibt daher unbefristetes Begleiten vor. Ich bezeichne es als Nachbetreuung nach Bedarf. Eine Person mit Migrationshintergrund ohne Trauma wird nach erfolgreicher Platzierung mühelos arbeiten. Bei schweren kognitiven Beeinträchtigungen oder Trisomie 21 lösen sich die Schwierigkeiten nicht auf. Es bedarf allenfalls lebenslanger Unterstützung.
Liegt es nur an der Nachbetreuung und den fünf Phasen?

Wichtig ist auch Kooperation. Das „Goldene Dreieck“ zwischen Arbeitgeber, Klient, Klientin und Jobcoach funktioniert nicht, wenn sich ein Partner den Massnahmen verweigert oder nicht offen spielt. Der Jobcoach ist häufig Übersetzer. Er kann die Auswirkungen einer Depression bei der Arbeit erklären. Er verhilft Arbeitnehmern und Arbeitgebern auch zu einer tragfähigeren Beziehung.

Jobcoachings kosten. Was bringen sie – gesellschaftlich, ökonomisch, sozial?
Der Umgang mit Personen mit Beeinträchtigungen führt zu Administrativaufwand mit Versicherungen, was Arbeitgeber nicht wollen. Der Einsatz von Jobcoaches entlastet Arbeitgeber hier. Mit der Begleitung werden Personen im ersten Arbeitsmarkt stabiler. Das führt in der Regel zu einer Rentenreduktion und weniger Kosten für Klinikaufenthalte und Medikamente. Für die Betroffenen ermöglicht berufliche Integration auch soziale Eingliederung.

Das ist stark von der Gesellschaft her gedacht. Was bringt es dem Arbeitgeber?
Die Versicherer stiessen die Jobcoachings an und stellen heute fest, dass ihr Plan aufging. Aber bei den Jobcoachings gewinnen alle drei Partner: Der Klient will nicht in einer Institution landen. Es geht ihm besser. Er ist stolz. Die Krankheit reduziert sich. Die IV spart Kosten und minimiert die Renten. Und beim Arbeitgeber verändert sich die Kultur. Er ist anfangs vielleicht skeptisch. Aber am Schluss sagt er, dass er einen Marktpreis bezahlt, einen loyalen Mitarbeiter hat, alles in allem eine gute Erfahrung machte, einen Lerneffekt hatte und sich die Sozialkompetenz und Kultur veränderten.

Sozialkompetenz und Betriebskultur in Ehren. Es braucht doch einen ökonomischen Nutzen. Der Arbeitgeber bezahlt die Jobcoachings ja teilweise.
Es bestehen Anreize: Arbeitgeber erhalten teils finanzielle Beiträge, Versicherungsleistungen können eine Zeit lang unterstützt werden. RAV und IV bieten Einarbeitungszuschüsse, die IV ermöglicht Arbeitsversuche. Erfahrene Mitarbeiter im Unternehmen zu behalten, lohnt sich. Je geringer die Fluktuation bei einem Unternehmen, umso effizienter ist es. Ein reiner Homo oeconomicus bezahlt einen leistungsbezogenen Lohn und kümmert sich nicht darum, was es für ein Mensch ist, solange er zu optimalen Kosten den Output erreicht. Wenn man sich aber in diesem Bereich engagiert und auf Akquise geht, bemerkt man halt doch einen menschlichen Aspekt.

Die Menschlichkeit ist bedeutender als die Ökonomie?
Das Bild der Wirtschaft als Schmarotzer ist unzutreffend. Real stehen hinter den Firmen Menschen, die Verantwortung übernehmen möchten. Unternehmer merken, dass sie gegenüber Personen mit Beeinträchtigung Hemmschwellen abbauen können. Leute mit einer schweren Krankheit wie zum Beispiel Krebs gibt es in jedem Betrieb. Der Umgang mit Personen mit einer psychischen Beeinträchtigung befähigt, auch mit ihnen umgehen zu können. Oder der Markt wird anders. Die Ressourcen gehen aus. Jemand muss Ausländer oder Ältere holen. Oder das Rentenalter steigt. Auch da werden Unternehmer befähigt.

Wer mit Verschiedenartigkeit umgehen kann, ist ökonomisch im Vorteil?
Ja. Zum Punkt Diversity Management sagte mir ein Ostschweizer Firmenchef, er habe nicht immer die besten, aber verschiedene Leute. Wie man mit andersartigen Menschen umgeht, ist auch eine ökonomische Frage – weil es sie in jeder Organisation ohnehin gibt. Wirtschaft und soziale Anliegen sind keine Gegensätze. Wenn sie optimal miteinanderarbeiten, geht alles am besten auf. Ein guter Jobcoach versteht ökonomische und soziale Anliegen nicht als Widerspruch, sondern weiss sie zu verbinden.

Interview: Michael Walther, Journalist aus Wattwil SG.

11. „Forum.Integration im Pfalzkeller“, „Jobcoaching – das Allheilmittel? Nutzen von Jobcoaching für Arbeitgeber“, Montag, 25. März 2019, 18 bis 20 Uhr. Anmeldung und Information: www.forumimpfalzkeller.ch